Christian Erhardt warnt: "Die Hasswelle gegen Kommunalpolitiker ist nicht abgeebbt, wir haben sie nur aus unserem Bewusstsein verdrängt!


28. November 2017 | Von: Christian Erhardt-Maciejewski

Kommentar

Attentat in Altena: Die trügerische Sicherheit

Der Anschlag auf den Bürgermeister von Altena hat ins Gedächtnis zurückgebracht, was viele schon „verdrängt“ hatten – die Hasswelle gegen Bürgermeister und Ehrenamtliche ebbt nicht ab. Die Politik ist weiter gefordert, meint Christian Erhardt.

 

Der abscheuliche Anschlag auf Altenas Bürgermeister Andreas Hollstein reiht sich ein in eine lange Liste von Hasstiraden gegenüber Ehrenamtlichen in unserem Land. Zu häufig schon haben wir es in der Vergangenheit als alltäglich hingenommen, kaum berichtet. Etwa als im vergangenen Jahr ein Rechtsextremer mit einem Bierglas auf Goslars Bürgermeister Oliver Junk losging. Lokal ein Thema, in der bundesweiten Wahrnehmung eine Randmeldung. Nur ein Beispiel von unzähligen. Fast jeder zweite Bürgermeister in Deutschland hat wegen seiner Flüchtlingspolitik schon Beschimpfungen oder Beleidigungen erdulden müssen. Das ergab im vergangenen Jahr eine Umfrage von KOMMUNAL. Damals war der Aufschrei bundesweit groß. Aber passiert ist faktisch nichts. Allein das Vokabular im Zusammenhang mit Politikern und Politik ist alarmierend. „Die da oben, die machen doch eh nichts….alles Verbrecher…“. Wer Ehrenamtliche schon verbal behandelt wie Aussätzige, darf sich leider über körperliche Angriffe nicht wundern.

 

Altena ist überall

 

Wir erleben seit Jahren, dass die Sprache verroht. Auch gegenüber Feuerwehrleuten, Rettungssanitätern oder Polizisten, die beschimpft und bedroht werden. Immerhin gibt es für diese Gruppen inzwischen einen verbesserten Schutz im Strafgesetzbuch. Der sollte auch auf Politiker ausgeweitet werden. Wichtiger aber noch ist eine breite Debatte über das Thema sowie eine zentrale Anlaufstelle für die Bearbeitung von Beschimpfungen und Beleidigungen. Es darf nicht sein, dass die Justiz nicht einmal eine Übersicht hat, wie viele Politiker bedroht wurden und werden – zumal viele Fälle nie zur Verfolgung kommen.

Doch die Politik bleibt in jeder Hinsicht passiv: Bessere und ausfinanzierte Integrations- und Förderprogramme blieben auch nach unserer Umfrage im Sommer vergangenen Jahres weiter die Ausnahme. In den jüngsten Koalitionsverhandlungen warfen die Politiker lieber erneut Schreckensbilder über mögliche neue Flüchtlingswellen an die Wand, statt über konkrete Maßnahmen gegen die Hasstiraden zu debattieren. Die große Welle der Empörung – sie ist abgeebbt. Zu Unrecht! Denn weiter sind tagtäglich die Ehrenamtlichen vor Ort die Leidtragenden. Diejenigen, die den ganzen Hass einiger „gefährlicher Idioten“ zu spüren bekommen.

 

Bürgermeister Andreas Hollstein wurde Opfer eines Attentats mit einem 30 Zentimeter langen Messer (©Homepage Gemeinde Altena)

 

 

 

Attentat von einem Idioten verübt

 

Ich spreche ganz bewusst von Idioten – denn wie doof muss der Mann in Altena gewesen sein, ausgerechnet diesen Bürgermeister eine schlechte Flüchtlingspolitik vorzuwerfen?

 

 

 

+++ Lesen Sie HIER alles über das Attentat auf den Bürgermeister von Altena – was in der Nacht passiert ist, wie die Reaktionen sind – hier gibt es alle Updates ++++

 

 

 

Die traurige Geschichte von Altena

 

Altena hatte in den siebziger Jahren mehr als 32.000 Einwohner. Heute sind es nicht einmal mehr 18.000. Die Metallindustrie gab den Menschen im Sauerland einst Arbeit und Brot, die Industrie brach weg, die Stadt verschuldete sich bis über beide Ohren. Bürgermeister Hollstein, der seit 1999 im Amt ist, war der erste Bürgermeister seit 45 Jahren, der diesen Trend gebrochen hat. Seit 18 Jahren setzt er sich mit Tatkraft für seine wirtschaftlich siechende Stadt ein. Er nahm freiwillig 450 Flüchtlinge auf – laut Verteilungsschlüssel des Landes hätte er „nur“ 270 aufnehmen müssen. Erstmals seit den frühen Siebziger Jahren steigt die Bevölkerungszahl der Gemeinde im Sauerland wieder. Erstmals gibt es für die Bewohner wieder Hoffnung, die katastrophale wirtschaftliche Lage aus eigener Kraft wieder etwas zu verbessern.

 

Christian Erhardt warnt nach dem Attentat: Die Hasswelle ist nicht abgeebbt,wir haben sie nur aus unserem Bewusstsein verdrängt!

Ich bin erleichtert, dass Andreas Hollstein in einer ersten Reaktion nach dem Anschlag klar gemacht hat, dass er sich von solchen Idioten nicht einschüchtern lassen wird. Jetzt erst Recht! Diese Signal gibt hoffentlich auch anderen Mut!

 

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