Barrierefreies Bauen muss nicht teuer sein. Bei guter Planung fallen Mehrkosten kaum ins Gewicht. ©Andriy Popov/123rf


11. April 2017 | Von: Rebecca Piron

Bauen und Planen

Barrierefreiheit – „Jeder Neubau ist eine Chance“

Barrierefrei baut es sich kaum teurer als "konventionell". Das ergab eine Studie im Auftrag des Deutschen Städte- und Gemeindebunds. Wird Barrierefreiheit bereits bei der Planung berücksichtigt, liegt der Unterschied in den Gesamtkosten bei ungefähr einem Prozent.

 

Barrierefrei bauen ist teuer – mit diesem Mythos räumt die aktuelle Studie auf. Anhand eines exemplarischen Wohnungsbauprojekts vergleicht sie die Kosten für barrierefreies und „konventionelles“ Bauen. Das Resultat: Bei einer intelligenten Planung und Konzeption ist barrierefreies Bauen kaum teurer. Barrierefreiheit macht dann etwa ein Prozent der Gesamtkosten aus. Werden die Mehrkosten von rund einem Prozent in Beziehung zum Anstieg der Grundstückskosten, Kaufpreise oder auch der Grunderwerbssteuer in den vergangenen Jahren gesetzt, erscheinen sie vernachlässigbar gering, so das Ergebnis der Studie.

 

Barrierefreiheit: Günstig im Neubau, teuer im Umbau

 

Besonders groß ist der Unterschied zwischen Neu- und Umbau. Konzipiert der Bauherr eine 75-Quadratmeter-Wohnung barrierefrei, bezahlt er laut Studie für die Barrierefreiheit 1.600 Euro. Eine Untersuchung von Prognos zeigt dagegen, dass der barrierefreie Umbau einer Wohnung 19.100 Euro kostet. Bei vollständiger Barrierefreiheit ergaben sich pro Quadratmeter Mehrkosten von 21,50 Euro. Eine günstigere Variante mit Schwellen von maximal zwei Zentimetern im Bereich von Dusche und Balkon ergab sogar nur Mehrkosten von 9,20 Euro pro Quadratmeter.

Analysiert wurde nach den 140 Kriterien für barrierefreies Bauen nach DIN-Norm. Bei 130 Kriterien kam es zu keinerlei Mehrkosten. Am meisten ins Gewicht fällt der Aufzug bei Gebäuden mit weniger als vier Stockwerken. Dieser ist nämlich erst ab vier Etagen vorgeschrieben. Bei einem Gebäude mit drei Geschossen kostet ein Aufzug mindestens 35.000 Euro. Kosten, die man sich sparen könnte. Die jedoch gleichzeitig die Attraktivität des Gebäudes für alle Interessenten erhöht. Ebenfalls zu Mehrkosten kommt es bei den breiteren Fluren, bodengleichen Duschtassen und im Trockenbau bei Nachrüstungsmöglichkeiten für Haltegriffe.

Barrierefrei Umbauen ist sehr teuer. Lieber schon beim Neubau an Barrierefreiheit denken! © Christian Martinez Kempin/123rf

Barrierefrei Umbauen ist sehr teuer. Lieber schon beim Neubau an Barrierefreiheit denken! © Christian Martinez Kempin/123rf

„In Deutschland fehlen aktuell mindestens 1,6 Millionen barrierefreie Wohnungen, Tendenz steigend“, gibt DStGB-Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg zu bedenken. Barrierefreie Wohnungen seien Voraussetzung für die ambulante Versorgung und entlasteten so auch die Kommunen finanziell. „In Deutschland ist jetzt der Zeitpunkt für ein Umdenken gekommen“, sagt auch Lothar Marx, der als Professor an der TU München mit dem Bereich „Bauen für alte und behinderte Menschen“ betraut ist und zudem Mitglied der Normenausschüsse zu altersgerechtem Wohnen und Barrierefreiheit. „Jeder Neubau ist eine Chance zeitgemäßen Wohnraum zu schaffen.“ Jährlich würden etwa 100.000 Wohnungen im Geschosswohnungsbau errichtet. Diese Chance müsse mit Blick auf den demografischen Wandel genutzt werden.

 

Darauf sollte besonderer Wert gelegt werden

 

Besonderen Wert sollten Bauherren laut der Studie auf barrierefreie Haus- und Wohnungszugänge, einen barrierefreien Aufzug, geeignete Türen und barrierefreie Bäder legen. Die Studie rät zudem dazu das KfW-Programm „Altersgerechtes Umbauen“ auf den Neubau auszuweiten. „Ein durchdachtes Konzept für Barrierefreiheit bedeutet Komfort, vom dem Nutzer aller Altersklassen und in allen Lebenslagen profitieren können“, gibt Lothar Marx zu bedenken. „Ein nachhaltiges Investment, für das sowohl wirtschaftlich, als auch gesamtgesellschaftlich gesehen viele gute Argumente sprechen.“