Breitbandausbau - Glasfaser bleibt in Deutschland weiter Mangelware. ©nevodka/123rf


11. Mai 2017 | Von: Rebecca Piron

Studie

Breitbandausbau – andere machen es doch auch!

Beim Breitbandausbau bleibt Deutschland Schlusslicht. Die zukunftsfähige Glasfaser ist in den wenigsten Regionen Deutschlands angekommen. Dabei funktioniert es in anderen Ländern doch auch! Was läuft in Deutschland schief und was kann es von anderen Ländern lernen? Eine Studie des Fraunhofer ISI gibt Antworten.

 

Der Zugang zu leistungsfähigen Internetanschlüssen ist einer der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte unserer Gesellschaft geworden. Persönliche Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe hängen davon ab. Entwicklungen, die in weiten Teilen längst zu unserer Lebensrealität gehören, wie Home Office, neue Mobilitätskonzepte und Industrie 4.0 benötigen hochbitratige Breitbandversorgung. Und all das ist nur mit einem flächendeckenden Glasfasernetz zu schaffen. Doch gerade einmal 6,6 Prozent der deutschen Haushalte werden von Glasfaser erreicht. 500.000 Haushalte nutzen das Netz tatsächlich. Wieso der Breitbandausbau in Deutschland noch immer nicht ans Laufen kommt und was andere Länder besser machen, zeigt eine Studie von Bernd Beckert vom Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

 

Probleme beim Breitbandausbau in Deutschland

 

Zum einen nennt die Studie fehlende Kooperation als Problem. Das beginnt bei Bund und Ländern. Während der Bund mit seiner Digitalen Agenda auf einen Technologiemix setzt, der bis 2018 für einen 50 Mbit/s-Downstream in allen deutschen Haushalten sorgen soll, haben die Länder ganz eigene Digitalstrategien. Viele Bundesländer verfolgen Infrastrukturziele für einen nachhaltigen Glasfaserausbau. Auch die fehlende Verständigung zwischen allen Akteuren im Breitbandausbau sei ein Problem. So komme es immer wieder zu Mehrfachverlegungen.

Infografik: Deutschland bleibt Glasfaser-Entwicklungsland | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Ein weiteres Problem sieht die Studie in der Vectoring-Strategie der Telekom. Für das Telekommunikationsunternehmen ist es einfacher die vorhandenen VDSL-Leitungen zu verbessern als mit Glasfaser neue Infrastruktur zu legen. Dadurch, dass das größte Telekommunikationsunternehmen in eine andere Technologie investiert, wird der Ausbau des Glasfasernetzes blockiert.

Ein Blick auf die Ausbaustrategien anderer Länder zeigt, was Deutschland besser machen könnte:

 

Spitzenreiter bei Glasfaseranschlüssen: Estland

 

Nachdem Estland unabhängig wurde, sicherte es im Jahr 2000 jedem Bürger per Gesetz Internetanschluss zu. In einem gut koordinierten Prozess bauen der Staat und die Netzbetreiber in einer öffentlich-privaten Partnerschaft einen interkommunalen landesweiten Backbone auf. Der sogenannte Backbone ist ein Open-Access-Glasfasernetz, das jedoch nicht bis zum Endkunden reicht. Die letzten 1,5 Kilometer zum Kunden müssen von den Netzwerkbetreibern gelegt werden, die sich dadurch auch die Betreiberrechte bei den betreffenden Haushalten sichern.

 

Sprunghafter Anstieg: Spanien

 

In Spanien ist besonders die staatliche Regulierung Antrieb für einen Innovationswettbewerb. In einem ersten Schritt verpflichtete die Regulierungsbehörde CNMC den ehemaligen Telekommunikationsmonopolisten Telefonica Konkurrenten gegen ein Entgelt auf die vorhandene Netzinfrastruktur zugreifen zu lassen. Nachdem sich einige Telekommunikationsanbieter etabliert hatten, erhöhte die Regulierungsbehörde das Zugangsentgelt in einem zweiten Schritt, um Anreize für eigene Infrastruktur zu schaffen.

Noch stärker kurbelte ein Angebot von Movistar, ehemals Telefonica, den Glasfaserausbau an. Movistar schnürte ein Paket aus Festnetztelefonie, einem 100Mbit/s-Breitbandzugang, Mobiltelefonie und Pay-TV, das für Kunden eine Preisersparnis von 14 Prozent bedeutete. Nach vier Jahren hatte das Angebot zwei Millionen Nutzer. Die anderen Telekommunikationsanbieter reagierten mit massiven Investitionen in Glasfaserkabelausbau.

 

Höchster Nutzungsgrad: Schweden

 

In Schweden kommt den Kommunen eine essentielle Rolle beim Glasfaserausbau zu. Breitbandinternet gilt dort als Daseinsvorsorge. Ein großer Teil der Glasfasernetze sind Stadtnetze mit Open-Access-Modell. Zudem investiert hier auch der Telekommunikationsmonopolist mit in das Open-Access-Netz. Jegliche Ausbauaktivitäten werden in einem Breitbandforum gemeinsam koordiniert.

 

EU- und OECD-Durchschnitt: Die Schweiz

 

In der Schweiz funktioniert der Breitbandausbau über einen Multi-Stakeholder-Ansatz. Hier verständigen sich Telekommunikationsanbieter, Stadtwerke und alle weiteren Akteure auf einen kooperativen Ausbau. Für eine Gleichstellung der Partner sorgt das sogenannte „Vier-Faser-Open-Access-Modell“. Das funktioniert so: In jede Wohneinheit werden vier Fasern gelegt. Eine Faser wird der Swisscom, je eine Faser dem alternativen Netzbetreiber und einem weiteren Anbieter zugeordnet und eine vierte Faser dient als Reserve.

 

Was kann Deutschland im Breitbandausbau besser machen?

 

Zunächst plädiert Bernd Beckert dafür, dass Deutschland sich höhere Ziele im Breitbandausbau steckt. Zudem sollte das Vorgehen zwischen allen Beteiligten am Ausbau koordiniert werden. Den Multi-Stakeholder-Ansatz der Schweiz hält er dabei für eine sinnvolle Option. Auch ein interkommunaler Backbone, in dem die Kommunen stark beteiligt werden, sei in Deutschland umsetzbar. Generell sei eine Beteiligung der Kommunen essentiell und die Definition des Breitbandzugangs als Daseinsvorsorge in Deutschland lange überfällig.