Tun wir was gegen das Sterben der Innenstädte, fordert Christian Erhardt


10. April 2017 | Von: Christian Erhardt-Maciejewski

Leitartikel

Daseinsvorsorge: Was tun, wenn der Bankautomat abgebaut wird?

Ob Bankautomaten, die abgebaut werden - oder Geschäfte, die ihre Pforten dicht machen: Das Sterben der Innenstädte darf die Politik beklagen – sie kann aber auch aktiv etwas dagegen tun, meint Christian Erhardt.

 

Jetzt kommt also die Gebühr für das Abheben von Bargeld bei der Bank – wenn es denn im Ort überhaupt noch einen Bankautomaten gibt. Die Aufregung ist groß – künstlich groß. Denn Banken tun nur das, was wirtschaftlich für sie sinnvoll ist. Bei den Sparkassen und Genossenschaftsbanken bleibt der Abbau sogar weit hinter den ökonomischen Notwendigkeiten zurück. Aus finanzieller Sicht müssten noch viel mehr Automaten abgebaut werden. Es gibt aber auch viele Kommunen, die statt weh zu klagen den Schritt nach vorne wagen. In Grimma etwa kann man inzwischen in einer Apotheke Geld abheben. Im Landkreis Meißen gibt es das Modellprojekt „Große Emma“ – eine Art mobile Filiale. Montags kommt die Sparkasse in den örtlichen Einkaufsmarkt, Dienstags der Friseur und Mittwochs etwa die Krankenkasse. Andernorts fährt die Genossenschaftsbank mit einem Bus kleinere Orte ab. Der Bürgermeister im österreichischen St. Oswald hat seinen Bankautomaten an die örtliche Tankstelle verlegen lassen – die Bank hatte zuvor eine höhere Frequenz von Abhebungen verlangt. Nun werden die Tankstellenbesucher zunächst an den Automaten geschickt. Und in der Schweiz übernehmen die Briefzusteller mancherorts die Bargeldversorgung – mit Ein- und Auszahlung direkt an der Haustür.

 

Daseinsvorsorge: Handel heißt auch Wandel

 

Zugegeben: Alles keine langfristigen Zukunftsmodelle. Aber langfristig wird sich – die Prognose wage ich – das mobile Bezahlen per Smartphone durchsetzen. Wir tun also gut daran, die Digitalisierung vor Ort voranzutreiben. Bis dahin müssen wir als Verantwortliche vor Ort sicherstellen, dass für eine überschaubare Zeit noch die Bargeldversorgung sicher gestellt ist. Denn noch ist das digitale Bezahlen oft an Mindesteinkaufswerte gebunden. Erstaunlich, sind es doch gerade die kleinen Geschäfte, die häufig in den Fußgängerzonen unserer Kommunen dicht machen. Sind sie nur nicht flexibel genug? Die für Händler zu entrichtenden Kartengebühren jedenfalls sind meist geringer als die Kosten der Bargeldversorgung – Umtausch, Vorhalten von Münzen und so weiter kosten eben auch viel Geld. Aber: Es gibt halt auch viele – vor allem ältere Menschen- , die sich mit Kartenzahlungen noch schwer tun.

 

Daseinsvorsorge: Kann eine lokale Währung Kunden zurückholen?

 

Daseinsvorsorge ganz praktisch: Werbung für den "Chiemgauer"

Daseinsvorsorge ganz praktisch: Werbung für den „Chiemgauer“

46 deutsche Städte begegnen den beiden Problemen wie ich finde sehr klug. Sie habe eine „Regionalwährung“ eingeführt. Na gut, selbst das Spielzeuggeld aus manchem Kaufmannsladen aus meiner Kindheit sieht echter aus, als viele der bedruckten bunten Zettelchen – Entschuldigung: Geldscheine – vor Ort. Darum geht es aber nicht. Die Idee ist, das Geld im Dorf zu lassen. Die „Sterntaler“, „Talente“ oder „Altstadttaler“ wie sie heißen können vor Ort gekauft werden und sind nur bei den regionalen Händlern im Ort einsetzbar. Jedes Vierteljahr verliert das Regionalgeld zwei Prozent an Wert – der Anreiz ist also hoch, zuerst diese Geldscheine vor Ort auszugeben. Was

Daseinsvorsorge: So sehen die regionalen Geldstücke aus...

Daseinsvorsorge: So sehen die regionalen Geldstücke aus…

wiederum die Wirtschaft vor Ort ankurbelt, es profitieren die kleinen Einzelhändler. Natürlich ist die Währung zu 100 Prozent durch Euros gedeckt, die als Sicherheit auf einem Konto liegen. Dass die Verbreitung funktioniert, zeigt das Beispiel Chiemgau. Im Jahr 2003 als Projekt der 10. Klasse der Waldorfschule gestartet, wuchs die Währung schnell. Inzwischen sind über 500.000 „Chiemgauer“ im Umlauf, 620 Unternehmen in der Umgebung akzeptieren ihn als Zahlungsmittel.

 

Das Patentrezept gibt es leider nicht

 

Keine Frage: Diese und andere Ideen vor Ort lösen die Probleme im ländlichen Raum nicht grundsätzlich. Sie sind aber ein Signal dafür, dass Menschen mit Kreativität und Einsatz vor Ort eine Menge erreichen können. Und das ist allemal besser, als das dauernde Wehklagen über Konkurrenz durch Online-Handel oder über die Erhöhung von Kontoführungsgebühren. Trauen wir uns in unseren Städten und Gemeinden einfach mal, neue, „spinnerte“ Ideen auszuprobieren!