Wir sollten die Menschen, die zu uns kommen, nicht über einen Kamm scheren


13. Oktober 2017 | Von: Christian Erhardt-Maciejewski

Diversität

Integration – ist sie wirklich messbar?

„Integration unter neuen Voraussetzungen“ - wie kann das gelingen? Ein Beitrag über das Ankommen und die Messbarkeit von Integration in Kommunen

 

In welcher Stadt ist der Anteil der Menschen mit „Migrationshintergrund“ bundesweit wohl am höchsten? Berlin? Duisburg? Vielleicht Frankfurt am Main? Alles weit gefehlt. Spitzenreiter mit großem Abstand ist die Stadt Offenbach. 130.000 Menschen leben hier, davon haben satte 61 Prozent einen Migrationshintergrund. Auch auf den weiteren Plätzen folgen keineswegs die bekannten Großstädte. Es sind wieder mittelgroße Städte. Zum einen Sindelfingen mit seinen 64.000 Einwohnern, wovon 52 Prozent einen Migrationshintergrund haben, zum anderen die Stadt Heilbronn. Auch hier liegt der Anteil der Einwohner mit Migrationshintergrund über 50 Prozent. Und um das gleich noch zu klären: Die Hauptstadt Berlin kommt gerade mal auf 28 Prozent, das ist das gleiche Niveau wie Osnabrück oder Hannover. Insbesondere am Beispiel Sindelfingen lässt sich gut erklären, warum in der Top-Ten der Städte mit den meisten Migranten fast ausschließlich Kommunen aus Süddeutschland rangieren. Denn hier brummt die Wirtschaft – und das nicht erst seit gestern. Es sind vor allem die ehemaligen Gastarbeiter, die schon vor Jahrzehnten kamen, sich hier meist integrierten, Familien gründeten und blieben. Die aktuelle Diskussion um die Asylbewerber und Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren kamen, spielt bei den Gesamtzahlen übrigens nur eine geringe Rolle. Deutschland – zumindest die „alten Bundesländer“ sind seit Jahrzehnten Einwanderungsland, nicht erst seit Kurzem.  

 

 Erfolgreiche Integration? Ja oder Nein?

 

Doch wie lässt sich messen, ob die Integration funktioniert hat? Jens Schneider, Ethnologe an der Universität Osnabrück, nennt vier Kategorien. „Erstens lässt sich das strukturell messen, also an Faktoren wie Bildung, Arbeit und Wohnen. Der zweite Faktor ist die soziale Komponente. Wie sieht es aus mit Kontakten und Beziehungen zu Nichtmigranten? Der dritte Faktor ist die Kultur, dazu gehören auch die Anpassung bei der Sprache, den Werten und etwa dem Essen. Viertens geht es um Identifikation, also das Zugehörigkeitsgefühl zur Aufnahmegesellschaft“.  

 

Integration messen

„Zuwanderung und Vielfalt sind kein Grund zur Panik. Sie sind Chance für eine neue Sicht auf Normalität“, meint Jens Schneider von der Universität Osnabrück

Gerade zum Zugehörigkeitsgefühl hat Schneider an seiner Universität am Beispiel Berlin spannende Zahlen ermittelt und diese in Relation zu Ergebnissen aus Stockholm und Zürich gesetzt. Fragt man die Migranten nach ihrer nationalen Identifikation, also ob Sie sich als Deutsche fühlen, ist dies nicht sonderlich ausgeprägt. Der Wert liegt um 40 Prozent, in Zürich und Stockholm ist die Identifikation mit dem neuen Heimatland größer. Fragt man jedoch nach der Identifikation der Menschen mit ihrem Stadtteil, so sind die Werte erstaunlich. In Berlin liegen sie bei fast 80 Prozent, deutlich höher als im internationalen Vergleich. Offenbar gibt es also bei vielen Menschen, auch wenn sie schon in zweiter Generation in Deutschland leben, wenig ausgeprägten Nationalstolz auf die neue Heimat, wohl aber sind die Menschen in ihrer Stadt beziehungsweise ihrem Stadtteil angekommen und integriert. Ein Wert, mit dem Kommunen vor Ort viel anfangen können. Denn bekannt ist, wer sich mit seiner Stadt identifiziert ist viel eher bereit, sich zu engagieren. Hier liegen bei Migranten offenbar noch viele Potentiale vor Ort.  

 

Wichtig ist Schneider beim Thema Integration aber auch, die Menschen mit Migrationshintergrund nicht „über einen Kamm zu scheren“. Für die erste Generation, etwa die jetzt ankommenden Flüchtlinge heiße Integration vor allem „ankommen“. „Da stehen Sprache, Bildung vor allem für die Kinder, Wohnen und mittelfristig Arbeit im Vordergrund“, so Schneider. Das sei auch bei den türkischstämmigen Gastarbeitern in der alten Bundesrepublik so gewesen. „Es kamen damals vor allem schlecht ausgebildete Menschen zu uns. Für diese Generation war es ein riesiger Schritt, wenn ihre Kinder nach der Hauptschule erfolgreich eine Ausbildung absolvierten“, so Schneider. Die Voraussetzungen waren etwa bei den Russlanddeutschen oder Polen, die vor allem in den 1990er Jahren zu uns kamen, deutlich günstiger. „Integrationsleistung ist somit auch eine Frage, von welchem Stand man kommt“. Und die jetzt zu uns kommenden Flüchtlinge bringen wieder andere Voraussetzungen mit. Ganz anders bei den Migranten der zweiten Generation. Hier heiße Integration vor allem Teilhabe und Identität. „Erst wenn der Aufstieg langsam gelingt, steigt auch die Identifikation mit der neuen Heimat“, sagt Schneider. Integration braucht eben auch Zeit!