Brauchen wir die Landarztquote ? Landarzt Uwe Timm findet keinen Nachfolger für seine Praxis. © Susanne Tenhagen


6. Juni 2018 | Von: Christian Erhardt-Maciejewski

ländlicher Raum

Landarztquote ist beschlossene Sache

Wer sich in Nordrhein-Westfalen künftig als Arzt in ländlichen Gebieten niederlassen will, hat Vorteile schon beim Studium. So hat es das schwarz-gelbe Landeskabinett in Düsseldorf beschlossen. Dafür müssen sich angehende Mediziner schon vor Beginn des Studiums verpflichten, später in einer unterversorgten Region zu arbeiten.

 

Schon häufig haben wir bei KOMMUNAL über den drohenden Ärztemangel in Deutschland geschrieben. Allein in NRW sind von den 11.000 Hausärzten mehr als 6000 älter als 55 Jahre und schon jetzt ist jeder Achte noch praktizierende Arzt zwischen Rhein und Weser im Rentenalter, also älter als 65 Jahre. Daher gibt es schon heute vereinzelt Regionen, in denen der Weg zum Hausarzt für Patienten umzumutbar lang ist. Bei Hausärzten etwa spricht man laut Gesetz von einer Unterversorgung, wenn der Bedarf in einem Gebiet zu weniger als 75 Prozent gedeckt ist. Die neue NRW-Landesregierung hat daher nun Änderungen beim Medizinstudium beschlossen.

 

So will das Land die Landarztquote durchsetzen

 

Die Landarztquote soll knapp acht Prozent betragen. Mit dieser Quote können angehende Medizinstudenten den weiter recht hohen Numerus Clausus umgehen. Diese knapp acht Prozent der Studienplätze sollen künftig für Bewerber reserviert werden, die sich vertraglich verpflichten, zehn Jahre als Hausarzt in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Die Auswahl soll neben der Verpflichtung auch Kriterien wie vorausgegangene Ausbildungen, etwa zum Rettungssanitäter, aber auch ehrenamtliches Engagement bei Hilfsorganisationen beinhalten. Zudem werde es Eignungstests geben, kündigte der zuständige Minister Laumann an. Teilnehmern, die sich nach ihrem Studium nicht an die Verpflichtung halten, drohten empfindliche Geldstrafen.

 

Neben der Landarztquote gibt es in NRW weitere Quoten

 

Vergleichbare Quoten gibt es bereits für die Zahl ausländischer Studenten und für Sanitätsoffiziere der Bundeswehr. Nach einem Gerichtsurteil dürfen die Bundesländer insgesamt maximal 20 Prozent der Stuienplätze in der Medizin auf diese Weise vergeben. NRW würde zusammen mit der Landarztquote unter diesem Wert bleiben, verfassungsrechtlich drohen somit keine Gefahren für das Gesetz.

 

Die Landarztquote wird in vielen Bundesländern diskutiert - nun gibt es einen ersten Gesetzesentwurf!

Die Landarztquote wird in vielen Bundesländern diskutiert – nun gibt es einen ersten Gesetzesentwurf!

 

Auch Schleswig-Holstein will die Landarztquote

 

Die noch junge „Jamaika-Koalition“ in Schleswig-Holstein hatte bereits im vergangenen Jahr angekündigt, eine solche Landarztquote im Norden einführen zu wollen. Dort ist die Rede von bis zu 10 Prozent der Medizinstudienplätze, die an Bewerber vergeben werden sollen, die aufs Dorf möchten. Das Bundesland dürfte sich nun den Gesetzesentwurf in NRW genau ansehen. Ähnlich wie in NRW ist in Schleswig-Holstein geplant, dass ein Teil der Plätze im Fach Medizin nicht mehr an Bewerber mit guten Abiturnoten oder langen Wartezeiten vergeben wird, sondern eben an Menschen, die sich vertraglich zur Arbeit in unterversorgten Regionen verpflichten.

Und auch in Bayern ist eine Landarztquote schon seit einem Jahr in Vorbereitung. Ursprünglich wollte der Süden sogar das erste Bundesland sein, in dem sie eingeführt wird. Aber auch dort gibt es viele Widerstände, wie ein KOMMUNAL-Beitrag aus dem vergangenen Jahr zeigte. 

 

 

Landarztquote stößt auf heftige Kritik von Verbänden

 

Die erste Reaktion auf den Gesetzesentwurf in NRW kam am frühen Abend direkt nach Bekanntgabe vom Bundesverband der Medizinstudierenden in Deutschland. In einer Twitter-Reaktion auf die Bekanntgabe des Entwurfes auf unserem KOMMUNAL-Twitter-Account (www.twitter.com/kommunalde)  schrieb der Verband: „“Wir sind entsetzt, wie eine Versorgungsproblematik auf dem Rücken von jungen Ärzten ausgetragen wird, anstatt sich mit den Ursachen zu beschäftigen“. Der Verband kritisiert vor allem eine „unverhältnismäßige Einschränkung der beruflichen Wahlmöglichkeiten“. Auch die Kassenärztliche Vereinigung lehnt die Landarztquote ab. Ihr Regionalverband in Schleswig-Holstein fürchtet nach eigenen Angaben sogar, dass dadurch die Versorgung in ländlichen Gebieten schlechter werde. Es könne zu einem Imageschaden für den ländlichen Raum kommen. Schleswig-Holsteins Ärztekammer-Präsident Bartmann nennt die Landarztquote „implizit das Eingeständnis, dass die Tätigkeit als Landarzt per se unattraktiv ist“.

 

NRW glaubt an zahlreiche Nachahmer der Landarztquote

 

NRW Gesundheitsminister Laumann geht hingegen davon aus, dass zahlreiche weitere Länder dem Beispiel des größten deutschen Bundeslandes folgen werden. „Wir wollen auch andere Bundesländer motivieren, diesen Schritt zu gehen“, sagte er. Neue Nahrung bekam die Diskussion auch durch die bereits erwähnte Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Dieses hatte die Bundesländer im vergangenen Jahr aufgefordert, die Studienvergabe gerechter zu gestalten.