Interessieren sich junge Menschen wirklich nicht mehr für eine Arbeit in einer Verwaltung?


27. November 2017

Expertin im Interview

So wird der Öffentliche Dienst wieder attraktiv!

Beschäftigungsalarm im Öffentlichen Dienst: Erst wurden 556.400 Stellen zwischen 1991 und 2015 gestrichen. Nun gehen in den nächsten 15 Jahren auch noch zusätzlich 1,5 Millionen Beschäftigte in Rente. Kurzum: Es fehlen 700.000 Beschäftigte.

Viele Verwaltungen suchen deshalb händeringend nach Nachwuchs, können aber keinen finden. In KOMMUNAL erklärt Arbeitsforscherin Dr. Petra Schütt, was sich junge Menschen von ihrem Arbeitgeber wünschen und wie gerade ländliche Kommunen den Kampf um die besten Köpfe gewinnen können.

 

 

KOMMUNAL: Immer wieder hören wir, dass junge Menschen, auch als Generation Y bezeichnet, anspruchsvolle Arbeitnehmer sind und großen Wert auf Unabhängigkeit im Beruf legen. Stimmt das?

Petra Schütt: Ja, teilweise. Die jüngeren Generationen sind extrem gut ausgebildet und sie wissen, dass es Fachkräftemangel gibt, weshalb sie auch sehr selbstbestimmt und fordernd auftreten. Aber das macht sie nicht zu schlechteren Arbeitnehmern. Ganz im Gegenteil.

Nachwuchs im Öffentlichen Dienst

Petra Schütt ist Autorin
und Arbeitsforscherin
am ISF München und beschäftigt sich mit
dem demografischen
Wandel, Qualifizierungssystemen und dem
Arbeitsmarkt.

 

 

Wie meinen Sie das?
Naja, die Generation Y hat den technischen Fortschritt mitbekommen und gesehen, dass sich ständig alles ändert. Dass nichts so bleibt, wie es mal war. Sie ist mit Unsicherheiten groß geworden, kann damit umgehen, wünscht sich aber auch Sicherheit im Job. Geld oder Status hingegen spielen eine geringere Rolle. Wichtiger ist ihnen, dass sie eine sinnvolle Arbeit haben, die ihnen genügend Freiraum lässt.

 

Wieso bewerben sich dann so wenig junge Menschen für Jobs im Öffentlichen Dienst, wenn Sie dort eigentlich eine sinnvolle Aufgabe übernehmen können?
Weil Kommunen ein schlechtes Image haben. Verwaltungen wirken auf junge Menschen grau, starr und traditionell. Dort bewegt sich nichts. Kommunen gelingt es zu wenig zu vermitteln, dass sie eigentlich optimale Arbeitgeber sind. Sie bieten jungen Menschen genau das, was sie wollen: die Chance etwas zu bewegen, sinnvolle Tätigkeiten und nebenbei die Chance auf einen
langfristig sicheren Job.

 

Aber wissen das die jüngeren anscheinend nicht.

Das ist genau das Problem. Kommunen müssten nach außen hin viel deutlicher kommunizieren, was sie bieten: kein hohes aber dafür gleichbleibendes Gehalt, die Möglichkeit zur Teamarbeit, zur Gleitzeit, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die hervorragende Altersvorsorge. Aber vor allem die Möglichkeit, etwas in der Gemeinde zu verändern.

 

Wer könnte das vermitteln?

Ihre eigenen jungen Beschäftigten! Wie wäre es, wenn die Videos drehen, in denen sie von ihrer Arbeit in einer Verwaltung erzählen und die Videos ins Netz stellen. Diese Menschen können authentisch vermitteln, was sie mit ihrer Arbeit bewegen und erklären, was ihnen an ihrer Arbeit
gefällt.

 

Also liegt das Hauptproblem an der falschen Vermarktung?

Nein, es ist nur ein Grund. Es kommen aber noch weitere hinzu: Zum Beispiel, dass die jüngeren Generationen sehr technikaffin sind, die Verwaltungen jedoch technisch nicht immer modernste Arbeitsplätze bieten. Eine offenere Fehlerkultur und weniger starre Karrierewege würden verdeutlichen, dass man mit Verwaltung was bewegen kann und Verwaltung sich auch selbst bewegt.

 

Gibt es noch andere Gründe dafür, dass sich so wenig junge Menschen für den Öffentlichen Dienst interessieren?

Ja. Die Gesellschaft wird zunehmend diverser. Diese Entwicklung sollten auch unsere Verwaltungen widerspiegeln und mehr Menschen mit Migrationshintergrund einstellen. Es reicht nicht, das immer wieder zu sagen – man muss es auch tun. Nebenbei: Verwaltung hat nicht überall auf der Welt als Arbeitgeber einen guten Ruf, in manchen Ländern bekommt man z.B. seinen Lohn nicht regelmäßig. Hier muss Verwaltung zum Teil gegen Vorurteile ankämpfen. Es gilt, die Wahrnehmung von Verwaltung positiv zu beeinflussen. Zusätzlich muss man sich mehr für Quereinsteiger öffnen. Der moderne Lebenslauf ist nicht mehr so straight wie früher. Menschen probieren sich aus und
finden manchmal erst über Umwege den Job, der ihnen Spaß macht.

 

Haben Sie einen Tipp, den Verwaltungen in strukturschwachen Gebieten beachten sollten?

Sie müssen keine Angst davor haben, dass Jugendliche das Dorf verlassen und in die Nähe von Großstädten ziehen wollen. Denn viele Menschen wollen zwar für ihre Ausbildung in die Stadt, aber zur Familiengründung wieder zurück aufs Land. Diejenigen, die im Dorf bleiben,sollten den Kontakt halten mit denjenigen, die wegziehen. Denn man kommt eher wieder
zurück ins Dorf, wenn man weiß, dass dort Menschen sind, die auf einen warten. Und andererseits können offene Stellenangebote direkt weitergeleitet werden.

 

Und wie können Kommunen diejenigen, die wegziehen wollen in ihrem Wunsch unterstützen, ohne sich ins eigene Fleisch zu schneiden?

Indem Kommunen Austauschprogramme mit anderen Regionen oder Ländern anbieten. So bietet man neue Erfahrungsräume und lockt diejenigen, die bleiben wollen. Gleichzeitig sollten die Kommunen offensiv mit den Vorteilen des Standortes werben, beispielsweise mit günstigem
Wohnraum…