Authentizität in den sozialen Netzwerken ist DER Erfolgsfaktor


18. April 2017

Bürgermeister auf Facebook

Social Media? Nichts für Politiker…

In aller Munde heißt es: Politiker müssen Social Media nutzen, um mehr Menschen zu erreichen.
Aber: sollten Politiker wirklich Selfies von sich posten und zu jedem Thema ein Statement abgeben?
Die Antwortet der Experten lautet: NEIN! Denn es gibt besondere Spielregeln...

 

 

…wenn sie es falsch angehen.

Es ist Freitag, aber nicht irgendein Freitag. Es ist historischer Freitag.

Das Wegkreuz, das in der „Grondorfer Kurve“ steht, hat einen tragischen Hintergrund. Aber nur wenige wissen, was sich am 22. September 1944 abspielte. Josef Wieser, ein Bauer, säte gerade den Acker aus, als ein Fliegeralarm losheulte. Er wollte Schutz suchen, rannte in den Luftschutzkeller. Aber die Bombe war schneller: ein Splitter bohrte sich in seinen Kopf. Josef überlebte nicht.

Ein schwarzer Tag für Haar: Tiefflieger bombardierten die Bahnlinie und forderten 46 Menschenleben.

Heute, 72 Jahre später führt die Gemeinde aus dem oberbayerischen Landkreis München einen eigenen Facebook-Kanal. Dort postet die Verwaltung jeden Freitag historische Ereignisse, die die Gemeinde interessieren könnte, so wie das von Josef. Wenig Politik, viel Buntes – auf der Facebook-Seite gibt es Rätsel, Lebensratgeber und Themen, die ans Herz gehen. Die Frage ob sich die Pflege des süßen Accounts wirklich lohnt, stellt sich der Kommune nicht.

 

Private Dinge auf Facebook posten?!

 

„Wir können es uns gar nicht mehr leisten auf Social Media zu verzichten“, antwortet die Bürgermeisterin von Haar, Gabriele Müller. Nachrichten, die für Tageszeitungen nicht relevant sind, interessieren die Bewohner der Gemeinde trotzdem. „Sie wollen wissen, ob die Müllabfuhr zu anderen Zeiten kommt oder ob sich das Ausleihsystem der Bücherei verändert“.

Während die Bürgermeisterin unaufgeregt über neue Medien spricht, sucht man vergebens ein öffentliches Profil von ihr auf Facebook. Private Dinge, davon ist sie überzeugt, haben online nichts zu suchen.

 

Ein Politiker, der auf Selfies setzt

 

Christoph Meineke nutzt Facebook intensiv

Christoph Meineke war einer der ersten, der Facebook intensiv nutzte – mit Erfolg!

Die Grenzen zwischen geschäftlich und privat scheinen für Christoph Meineke zu verfließen. Der Bürgermeister von Wennigsen posiert mit breitem Grinsen und saftig-frischen Broten in der Hand in der Bäckerei Siehndel, die in Zukunft ihre Türen schließen wird. Neben Zeitungsartikeln und politischen Posts taucht das freundliche, vertraute Gesicht von ihm immer wieder auf seiner Facebook-Seite auf. Stress, so scheint es, gibt es für ihn nicht: „Mal poste ich was, mal nicht“. Dennoch pflegt er seinen Online-Auftritt nicht ohne Hintergedanken. Durch Social Media schnellen Wahlkampfergebnisse in die Höhe und Meineke sammelt neben Likes auch ordentlich Sympathiepunkte.

Politiker und Facebook – die Kombination macht vielen noch Angst. Ein Blick in die USA dürfte genügen, um zu zeigen: In Zukunft geht alles, aber ohne Social Media geht nichts.

Kritik, Fehler oder digitale Spuren, die sich nicht mehr löschen lassen, lähmen viele Bürgermeister. Soll ich, oder soll ich nicht?

 

Printzeitung im Jahr 2017? Echt jetzt?

 

Der Politikberater, Blogger und Speaker Martin Fuchs hat eine klare Antwort:“ Besonders im kommunalen Raum ergänzen soziale Netzwerke große Medien“.

Martin Fuchs berät Politiker für einen gelungenen Social Media-Auftritt

Der Politikberater Martin Fuchs weiß, wann es überhaupt sinnvoll ist, Facebook und Co. zu benutzen

Gemeinden und Bürgermeister können die Bürger an sich binden. Mit kleinen Danksagungen an Helfer, schönen Fotos aus dem Ort oder Veranstaltungen, die sie online vermarkten, können Bürgermeister den Standort für Touristen und Unternehmen interessanter machen. Und Social-Media spart Papier: Anfragen können innerhalb weniger Minuten bearbeitet werden – Bürgerservice findet so auch nach 18 Uhr noch statt.

Ein Blick nach Thüringen zeigt, wie Debatten um die geplante Gebietsreform ins Netz verlagert wurden – greifbar für das gesamte World Wide Web. Kommunalpolitiker nutzen Facebook um Petitionen zu starten, Hintergrundinformationen zu liefern und Bürger zum Handeln zu bewegen.

Obwohl die Gemeinde Haar nicht mehr auf Facebook verzichten will, setzt sie in Zukunft wieder auf einen Trend, an den längst nicht mehr geglaubt wird. Eine Printzeitung soll wieder eingeführt werden, um andere Zielgruppen zu erreichen. Und auch Meineke weiß, dass viele Bürgermeister falsche Hoffnungen in Facebook setzen: „über Facebook erreichen Sie die Jugendlichen nicht mehr. Die tummeln sich längst auf Snapchat oder Instagram.“

Aber wieso sollten Politiker nicht auch diese Kanäle bespielen?

 

Der Mut zu seinen Fehlern zu stehen

 

Martin Fuchs kennt ein Beispiel aus der Praxis: „Verwaltungen sind für Jugendliche oft unattraktive Arbeitgeber. Die Stadt Nürnberg hat es mit ihrem Instagram-Kanal geschafft, das Image der Verwaltung aufzubessern und die Stadt als Arbeitgeber interessanter zu machen.“

Einige Politiker wirken regelrecht verunsichert: Gelten online dieselben Spielregeln wie offline? „Politiker müssen sich nicht verstellen und vorgeben jemand zu sein, der sie nicht sind. Papiertiger müssen keine Fotos aus dem Bierzelt posten. Natürlichkeit wirkt – genauso wie Gefühle“, weiß der Politikberater.

Dazu gehört auch das Eingeständnis von Fehlern, aber auch der Mut zu seinen Überzeugungen zu stehen. Scheitert ein Projekt, kann ein Bürgermeister darlegen, woran das liegt.

Die digitale Fehlerkultur ist anders. Fauxpas werden online schneller verziehen, weiß der Branchenkenner Martin Fuchs. „Von Politikern wünsche ich mir, dass sie Social Media stärker zur Fehlerkommunikation nutzen und nicht nur politische Floskeln oder Lobhudelei von sich geben“.

An all jene, die zögern, hat Martin Fuchs deutliche Worte: “Wer als Politiker nicht in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, macht etwas falsch“.