Die US-Wahl sollte auch in Deutschland zu einem Umdenken führen


11. November 2016 | Von: Christian Erhardt-Maciejewski

Kommentar

Nach US-Wahl: Stärkt den ländlichen Raum!

Die Wahl von US-Präsident Trump wurde auch möglich, weil die Landbewohner den Hass der Städter nicht mehr ertrugen. Das droht uns auch in Deutschland, mein Christian Erhardt.

 

Als „White Trash“ wurden in Großstädten wie New York oder Washington die Trump-Fans im Wahlkampf oft bezeichnet. Vor allem in der US-Hauptstadt wird über die „Kleinstädter“ in der Provinz gelästert. „Hinterwäldler“ ist da noch einer der harmlosen Bezeichnungen. Die Hälfte der Trump-Anhänger sei eine Ansammlung erbärmlicher Typen, hatte Kandidatin Clinton im Wahlkampf gehöhnt und sich später dafür entschuldigt. In den US-Medien, meist aus New York stammend, schwang regelmäßig ein Unterton über die „tumben Landsleute auf dem Land“ mit. Das Ergebnis der US-Wahl zeigt: Während die urbanen Städte wie New York oder Los Angeles im tiefen blau der Demokraten gefärbt waren, wurde die Karte der Wahlergebnisse mit jedem Kilometer tiefer in die Provinz immer tiefer rot, die Farbe der Trump-Anhänger. Natürlich sind die Gründe sehr viel zahlreicher und nicht nur mit Unterschieden zwischen Stadt- und Landbevölkerung zu erklären. Die Behauptung, die Trump-Anhänger seien die „schlecht gebildeten Verlierer der USA“ stimmt aber auch nicht. Immerhin 43 Prozent der Trump-Wähler hatten einen Hochschulabschluss.

 

ländliche Wertewelt ist weltoffen!

 

Und die Behauptung, die ländliche Wertewelt sei per se etwas „eindimensionaler“ ist ebenso zynisch wie falsch. Ausgerechnet im so konservativen Texas wurde zeitgleich mit der Präsidentenwahl eine Frau als Sheriff im Ort wiedergewählt. Das besondere an ihr: Sie lebt offen lesbisch. Niemanden in der „ach so ländlichen Wertewelt“ scheint das zu stören. Zum Glück! Denn ländlich heißt auch in den USA sehr wohl „weltoffen“!

US-Wahl: Der Sieg von Donald Trump kam für viele überraschend!

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Und so sollten wir uns in Deutschland mal an die eigene Nase fassen, woran es liegt, dass wir zulassen, dass die Kluft zwischen Städten und Dörfern auch hierzulande immer größer wird. Denn dadurch droht uns sehr wohl ähnliches, wie in den USA. Die Breitbandversorgung im ländlichen Raum ist nur ein Beispiel. Noch immer sind zahlreiche Dörfer komplett vom schnellen Netz abgehängt. Abgehängt fühlen sich dann schnell auch gut gebildete Bürger. Denn ohne Hochleistungs-Internet bleiben ihnen oft auch berufliche Perspektiven verwehrt. Sie werden zu den Verlierern der Globalisierung.

 

US-Wahl: Parallelen zur deutschen Politik

 

Und Politik trägt ihren Teil dazu bei. So werden in Nordrhein-Westfalen seit Jahren ländliche Regionen wie die Eifel, das Sauerland oder das Münsterland gegenüber den Großstädten im Ruhrgebiet benachteiligt. Das Straßennetz verfällt überproportional, kreisangehörige Städte bekommen spürbar weniger Geld als kreisfreie Städte. Ehemals starke und stolze Regionen, ehemals dominante Menschen, fühlen sich selbst als Verlierer. Die Parallelen zu den USA sind zumindest unverkennbar. Nicht umsonst hält schon heute jeder zweite Deutsche laut Umfrage Politiker generell für abgehoben.

Amerika zuerst, mit dem Slogan gewann Donald Trump die Herzen vieler Bürger und damit die US-Wahl

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Warum? Weil im Megatrend der sogenannten „political Correctness“ jedes deutliche Wort, jede Äußerung abseits des Mainstreams gleich skandalisiert wird. Die selbst ernannten Eliten rümpfen die Nase und „beschimpfen“ diejenigen, die klare – vielleicht auch oft deutlich überzogene Worte – finden. Aber aussprechen, was viele denken. Dass ausgerechnet der notorische Lügner Trump bei vielen Wählern in den USA als „authentischer als Hillary Clinton“ galt ist wohl nur damit zu erklären, dass „Berufspolitiker“ oft generell als Lügner angesehen werden. Ein fataler Trend. In Deutschland sehen wir in Umfragen, dass das Ansehen von Politikern sinkt, je höher die Ebene ist. So genießt der Lokalpolitiker vor Ort, der Bürgermeister im Dorf eine deutlich höhere Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung als der Landtagsabgeordnete oder der Bundestagsabgeordnete. Wenn wir diese Strukturen zerstören – sei es durch immer neue Gebietsreformen oder durch das Abhängen der ländlichen Räume – dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn auch in Deutschland Populisten a la Trump immer erfolgreicher werden. Unser Vorteil: Noch hat sich in Deutschland keine so schillernde Figur wie der Multi-Millionär gefunden. Noch nicht!