Die Aktion Luisa soll dazu beitragen, dass sexuelle Belästigung beim Feiern kein Thema mehr ist. ©dolgachov/123rf

Clubs und Bars gegen sexuelle Belästigung

Der Club ist voll, die Leute tanzen, feiern, haben Spaß. Alle außer Nathalie. Sie wird von ihrem Gesprächspartner bedrängt, weiß sich nicht zu helfen. Diese Szene ist in Clubs und Kneipen keine Seltenheit. In Münster schließen sich Clubs und Bars einer innovatien Idee des Frauen-Notruf gegen sexuelle Belästigung an.

Mit der simplen Frage „Ist Luisa da?“ soll Frauen nun mehr Sicherheit beim Feiern gegeben werden. Auch Männer, die sich bedrängt fühlen, können sich mit dem Code Hilfe holen. In Münster nehmen bereits 40 Clubs und Kneipen an der Aktion teil. Und so funktioniert sie: Fühlt sich ein Feiernder bedrängt, kann er sich an das Barpersonal wenden. Der Feiernde muss nur fragen „Ist Luisa da?“. Das Personal weiß, dass es die betreffende Person in einen sicheren Raum wie zum Beispiel die Küche bringen soll. Da kann dann in Ruhe besprochen werden, was als nächstes passieren soll. Freunde verständigen, ein Taxi rufen, Hausverbot verhängen – all das kann das Opfer mit dem Kneipenpersonal besprechen.

Das Plakat des Frauen-Notrufs hängt in teilnehmenden Bars in der Damentoilette. ©Frauen-Notruf Münster

Für die Mitarbeiter des Frauen-Notrufs Münster war es höchste Zeit für eine Aktion wie diese. „Wir haben 2014 eine Umfrage gemacht, die uns veranlasst hat, viel mehr in Präventionsarbeit zu investieren“, sagt Daniela Stöveken, hauptamtliche Mitarbeiterin des Frauen-Notrufs. „Dreiviertel der befragten Frauen gaben an, dass sie im Vorjahr sexuell belästigt wurden.“ Die erschütternde Umfrage des Frauen-Notrufs ist nicht repräsentativ. Eine Umfrage der EU-Grundrechte-Agentur (FRA) bei 42.000 Frauen zum Thema sexuelle Belästigung ergab jedoch 2014 ebenfalls besorgniserregende Zahlen. Etwa die Hälfte der Befragten wurde in der Vergangenheit bereits sexuell belästigt. „Clubs und Kneipen sind dabei der zweithäufigste Schauplatz für sexuelle Gewalt“, sagt Stöveken. Der häufigste war in der Umfrage des Frauen-Notrufs die Straße, der dritthäufigste öffentliche Verkehrsmittel.

Plakate machen auf die Aktion gegen sexuelle Belästigung aufmerksam

Damit Frauen in Clubs auch über die Aktion Bescheid wissen, hängen Plakate auf den Damentoiletten aus. Außerdem bringen die Mitarbeiter des Frauen-Notrufs Plakate und Flyer an öffentlichen Plätzen an. Für das Barpersonal gibt es zudem eigens für die Aktion erstellte Handbücher, die in allen teilnehmenden Clubs und Bars ausliegen. Gefunden haben die Mitarbeiter des Frauen-Notrufs die Aktion im englischen Lincolnshire, wo bedrängte Nachtschwärmer nach „Angela“ fragen. Die Code-Frage ist nicht dazu da, die Intention des Fragenden zu verschleiern. Geht es nach dem Frauen-Notruf, soll die Frage so bekannt wie möglich werden. „Es geht darum, eine Barriere zu überwinden“, sagt Stöveken. „Viele Menschen schämen sich eine sexuelle Belästigung zuzugeben, weil sie denken, sie müssten selbst mit der Situation fertig werden.“ Andere Leute hielten ihre Situation für „nicht schlimm genug“, um nach Hilfe zu suchen. Die Frage nach Luisa, die ein direktes Eingeständnis vermeidet, soll dazu führen, dass sich mehr Menschen trauen, auf ihre Bedrängnis aufmerksam zu machen.

Daniela Stöveken freut sich über das Interesse anderer Städte an Luisa. ©Daniela Stöveken

In Münster läuft die Aktion seit Dezember und erfreut sich seither reger Nachfrage durch andere Frauenberatungsstellen. „Wir haben bundesweit duzende Anfragen“, freut sich auch Daniela Stöveken. Der Frauen-Notruf hat für die Aktion mit Plakaten, Flyern und weiterem Material ein Corporate Design entwickelt, das er gegen eine Schutzgebühr weitergibt. In Paderborn, Unna, Leverkusen und fünf weiteren Städten haben Frauenberatungsstellen bereits einen Vertrag mit dem Frauen-Notruf Münster abgeschlossen und führen die Aktion nun selbst durch. In vielen anderen Städten wie Düsseldorf und Essen ist man mit Münster im Gespräch. „Besonders Karneval hat viele Frauenberatungsstellen dazu gebracht sich bei uns zu melden“, erzählt Stöveken.

In der Kultkneipe Cavete wurde noch nicht nach Luisa gefragt

Ob die Aktion sich bei Feiernden durchsetzt kann der Frauen-Notruf noch nicht einschätzen. „In dieser Phase der Aktion bekommen wir noch keine Rückmeldungen der teilnehmenden Clubs und Kneipen“, sagt Stöveken. „Wir werden aber zeitnah eine Befragung durchführen, um besser bewerten zu können wie das Projekt angenommen wird.“ In der Münsteraner Kultkneipe Cavete hat man die Frage nach Luisa an der Bar noch nicht gehört. Die Kneipe nimmt an der Aktion teil, weil sie helfen will auf das Probleme sexuelle Belästigung aufmerksam zu machen. „Bei unserem stark studentisch geprägten Publikum haben wir aber mit diesen Vorfällen nicht viel zu tun“, sagt ein Mitarbeiter der Cavete. „Ich arbeite schon seit einigen Jahren hier und habe selbst noch nie eine solche Situation erlebt.“ Wenn dem Personal auffalle, dass sich ein Alkoholisierter daneben benimmt, werde ohnehin ohne Aufforderung eingegriffen. „Bestimmte Kneipen haben damit aber bestimmt ein deutlich größeres Problem und darauf aufmerksam zu machen finden wir wichtig.“ In Münster gehört die Luisa-Aktion zu der übergreifenden Präventionskampagne „sicher feiern“. Dazu gehören unter anderem auch geschulte Partyguides, die Feiernde für Gefahren wie K.O.-Tropfen sensibilisieren sollen und die Kampagne „Nein heißt Nein“, die über das veränderte Sexualstrafrecht informiert. Seit dem 10. November 2016 zählt jede sexuelle Handlung, die nach einem ausgesprochenen „Nein“ passiert, als sexuelle Belästigung und wird entweder mit einer Geld- oder einer Freiheitsstrafe geahndet.

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