Der Dorfpolizist muss in Deutschland immer häufiger alleine seiner Arbeit nachgehen. © Andreas Maisch

Dorfpolizist - Einsamer Freund & Helfer

Ortskundige Dorfpolizisten wie Klaus-Dieter Michel sorgen auf dem Land für mehr Sicherheit. Manchmal werden sie dabei auch zu Seelsorgern. Der KOMMUNAL-Report über die Sicherheitslage in Deutschland.

Manchmal ist das Aufklären eines Mordes wie ein Wettbewerb. Dann ist es spannend, wer die Tat schneller aufklären kann – ein einfacher, aber ortskundiger Dorfpolizist oder eine speziell ausgebildete und technisch hervorragend ausgestattete Mordkommission. In der Gemeinde Feldberger Seenlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern zeigte sich im Jahr 1992, dass die ortskundigen Polizisten rund um Polizeihauptkommissar Klaus-Dieter Michel schneller waren als die Spezialisten. „Durch unsere Kenntnisse der Gemeinde ahnten wir sofort, wer der Täter war“, sagt er. Ein im Ort als asozial geltender Mann stellte sich als Mörder heraus. Die Mordkommission und die Polizisten vor Ort nahmen den Täter noch am selben Tag fest.

Dorfpolizist Klaus-Dieter Michel ist der einzige Polizist in seiner Polizeistation. ©Andreas Maisch

Klaus-Dieter Michel arbeitet schon seit 1985 als Kontaktbereichsbeamter in der Polizeistation Feldberg. Seine am See gelegene Wache wirkt überdimensioniert. Sie hätte für drei weitere Polizeibeamte Platz. Obwohl Michel hier alleine arbeitet, sind auch zwei Duschen vorhanden. Wie sehr er mitunter auf sich gestellt ist, zeigt ein Apparat in seinem Büro: der Router. Erst seit kurzem hat der Polizeihauptkommissar diesen und kann dadurch auf die Daten der anderen Dienststellen zugreifen. Bis um die Jahrtausendwende war Michels Rolle noch etwas anders. Damals hatte er vier Polizisten unter sich. Doch die Kollegen wurden versetzt oder gingen in den Ruhestand. Nachfolger gab es nicht. Wenn nun Michel im Urlaub oder krank ist, bleibt die Wache in der flächengrößten Gemeinde Mecklenburg-Vorpommerns leer. Auch in anderen Teilen Deutschlands fehlen Polizisten. Die Bundesländer Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt zeigen, wie man heute Bürger bei der öffentlichen Sicherheit einbinden kann. In Bayern und Sachsen heißen diese Hilfspolizisten „Sicherheitswacht“. Schon seit Mitte der 1990er gehen Bürger in Bayern auf Streife – in einer dunkelblauen Jacke mit der Aufschrift „Sicherheitswacht“. Personalien feststellen, Platzverweise erteilen und Tatverdächtige festhalten – das sind ihre Kompetenzen. Die etwa 800 Sicherheitshelfer sollen Straftäter durch ihre Anwesenheit abschrecken und erhalten dafür acht Euro die Stunde. Ihre einzige Waffe ist ein Reizstoffsprühgerät mit Tränengas oder Pfefferspray. Im Ernstfall sollen sie mit ihrem Funkgerät die Polizei rufen.

Die Münchner Sicherheitswacht unterstützt die Polizei dabei die öffentliche Sicherheit zu wahren. © Polizei München

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann bewertet die Sicherheitswacht als ein „wahres Erfolgsmodell“. Die Ehrenamtlichen leisten wertvolle Arbeit, so der Minister. „Durch eine schnelle Alarmierung der Polizei schaffen sie Sicherheit im öffentlichen Raum. Und durch ihre sichtbare Präsenz stärken sie das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung“, sagt Herrmann. Die Ausrüstung mit einem Reizstoffsprühgerät und einem Funkgerät hat sich nach seiner Ansicht bewährt. Wie die Sicherheitswacht helfen kann, illustriert ein Fall aus München: Ein Obdachloser beschwerte sich bei einer Mitarbeiterin der Sicherheitswacht darüber, dass eine Bettlerin ihm seinen Schlafsack geklaut habe. Da verfolgte die Hilfspolizistin die Frau, bis echte Polizeibeamte die Täterin festnehmen konnten. Und der beklaute Obdachlose erhielt seinen Schlafsack zurück, damit er nicht in der Februarnacht frieren musste. Andreas Kahle ist einer von elf Mitarbeitern der sächsischen Sicherheitswacht, die in Grimma die Polizei unterstützen. 40 Stunden im Monat geht der 65-jährige Rentner zusammen mit einem Kollegen zu Fuß auf Streife. Einmal konnte er Metalldiebe beobachten und der Polizei einen Hinweis geben, um diese festzunehmen. „Man kann sich nützlich machen“, erklärt Kahle seine Motivation. „Junge Frauen freuen sich zum Beispiel, wenn wir auf einem Spielplatz anwesend sind.“ Die Zusammenarbeit mit der Polizei sei interessant. Für den Ernstfall ist Kahle mit Pfefferspray ausgerüstet, doch einsetzen musste er es in sechs Jahren bei der Sicherheitswacht noch nicht. Über Funk ist er bei seinen Streifen mit der Polizei ständig in Kontakt. Wie jeder andere Bürger darf Kahle einen Straftäter, den er bei der Tat beobachtet, bis zum Eintreffen der Polizei festhalten. Als Angehöriger der Sicherheitswacht darf er aber auch Personen befragen, ihre Identität feststellen und Platzverweise aussprechen.

Analysen des Bundeskriminalamts nehmen Terrorängste

Nach den jüngsten Terroranschlägen in Deutschland haben viele Bürger Angst, dass mit den Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und Afrika auch mehr Gewalt nach Deutschland kommt. Doch was ist an der Sorge dran? Wenig, wenn man den Analysen des Bundeskriminalamts (BKA) glaubt. In einem geheimen Dokument, das KOMMUNAL vorliegt, heißt es: „Die weit überwiegende Mehrheit der Asylsuchenden begeht keine Straftaten.“ Offensichtlich wollen Terroristen die Zuwanderung nach Europa für ihre Zwecke nutzen. In der Verschlusssache des BKA heißt es, deutschen Behörden hätte im Frühjahr 2016 eine „geringe einstellige Anzahl“ von Hinweisen vorgelegen, wonach Terroristen mit dem Flüchtlingsstrom nach Europa eingeschleust werden sollten, um hier Anschläge vorzubereiten oder zu verüben.

Ansbachs Oberbürgermeisterin Carda Seidel ist von der Wirkung einfacher Sicherheitsmaßnahmen überzeugt © Stadt Ansbach

Zum Glück können auch kleine Städte und Gemeinden für mehr Sicherheit sorgen. Ansbachs parteilose Oberbürgermeisterin Carda Seidel ist sicher, dass schon einfache Maßnahmen Wirkung zeigen. Bevor in ihrer Stadt ein Terrorist eine Bombe zündete und dabei 15 Menschen verletzte, waren die Sicherheitsmaßnahmen in der Stadt erhöht worden. Grund war der Amoklauf in München wenige Tage zuvor. Da nun in Ansbach mehr Security-Personal anwesend war und beim Einlass auf das Festivalgelände „Reitbahn“ alle Taschen kontrolliert wurden, brach der Terrorist seinen Versuch ab, auf das Gelände zu kommen. Stattdessen explodierte seine Bombe vor dem Gelände und tötete durch Glück niemanden – außer den Täter selbst. „Das zusätzliche Sicherheitspersonal half, nach der Explosion das Festivalgelände „Reitbahn“ ruhig zu räumen und die Taschenkontrollen haben verhindert, dass der Täter in die Veranstaltung gelangen konnte“, sagte Oberbürgermeisterin Seidel im Gespräch mit KOMMUNAL.

Innenminister der Union fordern mehr Polizisten

Die Innenminister der Union sind sich angesichts der neuen Sicherheitslage einig, dass mehr Polizisten eingestellt werden sollten. In einer Erklärung verlangen die Minister etwa 15.000 zusätzliche Polizisten bis zum Jahr 2020. Doch wer sich die Entwicklung der Polizeistellen anschaut, erkennt, dass es den vielbeklagten massenhaften Stellenabbau nicht überall gegeben hat. Zusammen haben die Bundesländer zwar zwischen 1998 und 2015 rund 5.900 Polizeibeamte eingespart. Doch vier Bundesländer haben heute sogar mehr Polizeibeamte als im Jahr 1998. In Bayern stieg die Zahl laut dem Statistischen Bundesamt um rund 2.250 Beamte. Auch in Niedersachsen arbeiten heute rund 1.080 Polizeibeamte mehr als im Jahr 1998. In Berlin hingegen wurden etwa 2.270 Stellen eingespart, in Sachsen-Anhalt rund 2.340. Bei diesen Zahlen sind zwar auch Verwaltungsbeamte, die nicht auf Streife gehen, mitgezählt. Angestellte Verwaltungsmitarbeiter sind jedoch herausgerechnet. Das Land Mecklenburg-Vorpommern, in dem Hauptkommissar Michel alleine auf Streife gehen muss, hat noch eine vergleichsweise gute Polizeirate. 311 Beamte kommen auf 100.000 Einwohner. Das ist der beste Wert aller Flächenländer. Doch Mecklenburg-Vorpommern ist das Bundesland mit der sechstgrößten Fläche. Und die Polizisten werden älter. Wer älter wird, wird häufiger krank. Im Landkreis von Michel liegt das Durchschnittsalter bereits bei mehr als 50 Jahren.

Klaus-Dieter Michel kennt die Feldberger und kann Konfikte oft durch Reden lösen. © Andreas Maisch

Lokal verankerte Polizeibeamte wie Klaus-Dieter Michel zeigen, wie hilfreich Polizeipräsenz in der Fläche ist. Kaum ist der Polizeihauptkommissar aus seinem Auto ausgestiegen, spricht ihn auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt ein Bürger mit Vornamen an. Da Michel im Dorf aufgewachsen ist, ist er hier bekannt. „Wenn man die Menschen im Ort gut kennt, kann man manche Probleme und Sachverhalte auch durch Reden oder Vermitteln klären. Da muss nicht immer gleich ein großer polizeilicher Einsatz daraus entstehen“, sagt der 56-Jährige. Er habe kein Problem, selbstständig zu arbeiten. Aber manchmal wäre es schön, sich mit einem Kollegen austauschen zu können, wie man an einen Fall am besten herangehe. Michel muss jedoch nicht ständig Kriminalfälle lösen. „Die Bürger kommen auch mit ganz alltäglichen oder privaten Problemen zu mir und suchen Rat“, sagt er. Denn als Dorfpolizist ist er auch Seelsorger.

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