Bayern: Kommunen bekommen Islamberatung
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Bayerns Kommunen bekommen Islamberatung

Mo, 10.12.2018

Bayerns Kommunen bekommen ab dem Jahr 2019 eine Islamberatung. Doch: Was soll die überhaupt bringen? Und ist die wirklich notwendig?

Wie soll eine Kommune mit dem Antrag auf ein Moscheebauprojekt umgehen? Sollten Schulklassen noch Besuche in einer Ditib-Moschee organisieren? Wie schafft es eine Kleinstadt, dass sich mehr Muslime vor Ort engagieren? Und: Wie baut man Vorurteile gegenüber Muslimen ab?

Mit solchen Fragen mussten sich Kommunen bislang allein herumschlagen. Doch ab 2019 können sich bayerische Kommunen nun an eine Islamberatung wenden. Diese soll bei Konflikten zwischen Städten und Gemeinden und muslimischen Gemeinschaften vermitteln. Kostenlos. Vertraulich. Und weltanschaulich neutral.

 

Aber mal im Ernst: Wieso sollte es überhaupt eine Islamberatung für Kommunen geben?

In Deutschland leben zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime. Das sind 5,4 bis 5,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. In Bayern leben laut Statistiken circa 585.000 Muslime (Stand 2008). Trotzdem gibt es immer noch Vorurteile und Verunsicherung - und zwar auf beiden Seiten.

Das fand eine Studie heraus, wegen der die Islamberatung auch eingeführt wird. Unter der Federführung der christlich geprägten Eugen-Biser-Stiftung wurden Mitarbeiter von bayerischen Kommunen sowie Vertreter aus muslimischen Organsiationen und Wohlfahrtsverbänden interviewt.

Das Ergebnis: Kommunen und Muslime wissen kaum etwas voneinander. Ein reger Austausch zwischen den beiden Gruppen findet nicht statt. Aber auch dass Muslime immer noch Stereotypen und Diskriminierungen ausgesetzt sind, sich gleichzeitig aber kaum im ländlichen Raum engagieren, sind zentrale Ergebnisse der Studie. So werden heutzutage eigenständige Initiativen muslimischer Organisationen immer noch als Aufbau von Parallelstrukturen gedeutet.

Und genau bei solchen Vorurteilen oder Problemen soll die Islamberatung für Kommunen helfen. Sobald es Fragen, Konflikte oder Beratungsbedarf gibt, können sich die Kommunen an einen Berater der Stiftung wenden, die dann per Telefon, Mail oder Ortsbesuch zur Seite stehen.

Die Berater der Eugen-Biser-Stiftung sind entweder Christen oder Muslime, gleichzeitig gelten sie als Experten für beide Lebenswelten, weil sie Arabistik, katholische Theologie oder Ethnologie studiert haben.

 

Und: Welche Probleme haben Kommunen im Alltag?

 

Besonders interessant an der Studie ist, dass offene Fragen gestellt worden sind. Dadurch kann man aufgrund der individuellen Antworten einen tiefen Einblick in die Gedanken der Beteiligten bekommen. Anhand dieser erfährt man, was vorherrschende Probleme sind und wo Verbesserungsbedarf besteht. KOMMUNAL hat sich drei persönliche Sichtweisen herausgesucht, die beispielhaft aufzeigen, wo es im Alltag noch Probleme gibt:

Im Interview erklärt ein kommunaler Mitarbeiter, dass die Menschen im ländlichen Raum immer noch Vorurteile gegenüber Muslimen haben: „Also was ich schon seit 2015 beobachte: Es ist eine, gerade bei uns im ländlichen Raum, eine unterschwellige Muslimfeindlichkeit vorhanden und, ja, die ist einfach da, die bricht sich jetzt nicht unbedingt Bahn dadurch, dass wir jetzt hier eine extreme rechte Szene oder so was hätten. Aber man merkt es einfach in ganz vielen Gesprächen, wenn ich draußen irgendwo in einem Dorf erkläre, was ich mache, dann so: <Ja, und haben sie da nicht Angst? Und die Frauen werden doch eh alle unterdrückt.> Also solche platten Aussagen. Da merkt man das dann einfach.“

Ein anderer Mitarbeiter hingegen bemängelt, dass sich Muslime nicht aktiv engagieren: „Das ist das, was mir auffällt und was mich ein bisschen stört, obwohl ich es immer wieder nachfrage. Wenig. Sie [die Muslime] bleiben schon als Gruppe. Sie machen vieles mit, so wie bei unserem Bürgerfest, man hilft sich. […] Aber wo ich sie zum Beispiel vermisse, aber auch andere Bevölkerungsgruppen, muss nicht jetzt an ihnen liegen, das kann auch an den deutschen Mitgliedern des Vereins liegen: warum treffe ich so wenig Leute, das kreide ich meinen deutschen Bürgern genauso an, warum treffe ich keinen bei der Feuerwehr? Warum treffe ich keinen bei der Wasserwacht? Wo ich glaube, wo die Akzeptanz bei der Bevölkerung, wenn einer bei der Feuerwehr ist, bei der Wasserwacht, beim Roten Kreuz hilft, dann hat er wirkliches Ansehen. Kann aber auch sein, dass die Vereine selber zu geschlossen sind. […] Gerade weil die Stadt dieses Problem erkannt hat, hat sie im Kleinen damit angefangen, dagegen zusteuern und zum bürgerlichen Engagement einzuladen.“

Aus Sicht der Muslime ist es insbesondere die veränderte poltische Richtung der Parteien, die für kein gutes Klima sorgt: „Das, was vorher nicht in der Presse gestanden hat, steht jetzt in der Presse. Und dadurch wird natürlich auch das Öffentlichkeitsbild von den Flüchtlingen verändert. Mir fällt das in letzter Zeit extrem auf, dass eigentlich nur noch negative Sachen drinstehen, und dass die jetzt auch von der Presse veröffentlicht werden. Dann kommt noch die politische Richtung hinzu, in die man jetzt gehen möchte. Hintergrund waren ja die Wahlen, in denen die AfD so viel Stimmen bekommen hat, und dass man da versuchen will, dass sie die Stimmen bei den nächsten Landtagswahlen bspw. in Bayern nicht mehr bekommen. Und dafür tut man halt jetzt alles, diese Wähler zurückzugewinnen. Und dafür ist ein anderer Asyl-Kurs notwendig. Andernfalls gewinnt man diese Wähler nicht zurück. Und wir merken da schon eine Veränderung in der Bevölkerung. Die Helferkreise sind rückläufig. Das hängt aber auch nicht nur damit zusammen, sondern das hängt eher mit der Frustration zusammen.“

Aber auch gesellschäftliche Probleme, wie etwa Konflikte mit der Türkei, färben auf den einzelnen Muslimen ab: „Hey, hallo? Ich soll mich wie ein Deutscher benehmen. Ich soll mich integrieren. Ich habe den deutschen Pass. Ich habe ja nicht mal den türkischen Pass. Und trotzdem höre
ich es immer raus: <Ja, aber euer Erdoğan.> Da denke ich mir, sage ich: Das ist nicht mein Erdoğan. Ich lebe hier in Deutschland. Für mich ist die Merkel meine Bundeskanzlerin. Und das ärgert mich. Muss ich ganz ehrlich sagen. Dass du es halt immer wieder aufs Butterbrot geschmiert kriegst.“

Die Interview-Antworten zeigen aber auch, dass es hierzulande nur wenig Bewusstsein dafür gibt, wie unterschiedlich die muslimischen Strömungen eigentlich sind.

Zudem zeigen sie, dass Ängste sowie Vorbehalte abgebaut und das Verständnis füreinander gefördert werden sollten. Bayerns Innenminister Joachim Herrman (CSU) jedenfalls ist froh, dass es die Islamberatung für Kommunen gibt. Er sprach sich auch dafür aus, den Modellversuch des Islamischen Unterrichts fortzuführen.

Andere Akteure aus Politik, Wissenschaft und islamischen Verbänden äußern sich ebenfalls positiv über die Islamberatung für Kommunen. Das Projekt soll nun nach Baden-Württemberger Vorbild laufen, wo es ein ähnliches Projekt bereits gibt.

 

 

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