Ortsmitten mal anders
Alte Bahnhöfe als neue Ortsmitte: So gelingt die Umnutzung
Hützemert: Dorfverein rettet verfallenden Bahnhof
Etwa in Hützemert, ein Ortsteil der Stadt Drolshagen im Sauerland. Dort begann das Jahr 2008 mit einer ernüchternden Diagnose: Eine Studie der Universität Siegen zum demografischen Wandel hatte den Ortsteil weitgehend abgeschrieben. „Bei der Präsentation gab es nur wenige Anmerkungen wie: ‚Da kann man nur schnell durchfahren“, erinnert sich Ulrich Hilchenbach, langjähriger Vorstand des Dorfvereins Hützemert. Im Dezember 2008 berief der Ortsvorsteher deshalb eine Dorfversammlung ein, aus der ein Arbeitskreis hervorging. Dieser wollte den verfallenden Bahnhof erhalten und zu einer Ortsmitte entwickeln. 2009 wurde dafür der Dorfverein als Trägerstruktur gegründet – „der finanzielle Aufwand war riesig, das konnten wir nur als Verein stemmen“, so Hilchenbach.
Die Stadt Drolshagen blieb Eigentümerin des Bahnhofs, weil die Förderquote so höher ausfiel. Der Verein erhielt einen langfristigen Nutzungsvertrag. Aus EU-Mitteln, Landeszuschüssen, der NRW-Stiftung, der Regionale Südwestfalen, 50.000 Euro der Stadt, 40.000 Euro Dorfspenden und zwei Bankkrediten über je 60.000 Euro entstand die Finanzierung. Über 8.000 ehrenamtliche Arbeitsstunden flossen in den Umbau, der nach 13 Monaten Bauzeit im September 2014 mit einem Fest zur Eröffnung der neuen Ortsmitte endete.
Heute trägt sich der Bahnhof selbst. Rund 8.000 bis 10.000 Euro jährliche Nebenkosten erwirtschaftet der Dorfverein über Saalvermietung, Vermietung an eine Firma, die das Haus für bis zu 20 Veranstaltungen pro Jahr nutzt, und verschiedene Veranstaltungen. Die beiden Bankkredite sind nach elf Jahren vollständig getilgt. Bürgermeister Ulrich Berghof: „Die seinerzeitigen Entscheidungen waren genau die richtigen. Das Bahnhofs-Projekt hat viel Strahlkraft entwickelt und gezeigt, dass mit gemeinsamem Engagement von Ehrenamt, unterschiedlichen Fördermittelgebern und Kommune mutige Projekte erfolgreich umgesetzt werden können.“
Das Modell Hützemert funktioniert, weil drei Faktoren zusammenkamen: kommunales Eigentum sicherte die Förderquote, ein verlässlicher Trägerverein übernahm Betrieb und Eigenleistung, und ein breit aufgestelltes Förderpuzzle machte die Finanzierung möglich.
Kall: Bahnhofsvorplatz als neue Ortsmitte
Rund 100 Kilometer südwestlich, in der Eifelgemeinde Kall, fährt der Zug noch – eine wichtige Verbindung von der Eifel nach Köln. Doch das Empfangsgebäude gehört nicht der Gemeinde. Bürgermeister Emmanuel Kunz: „Wir wollten ihn als zentralen Ort trotzdem in unsere Ortsentwicklung einbeziehen. Dabei haben wir voll auf die Kooperation mit den Verkehrsbetrieben gesetzt.“ Der erste Schritt war ein städtebauliches Konzept – 2016 ließ Kall eine Vorstudie vom Masterstudiengang Stadtplanung der RWTH Aachen erstellen. Daraus entwickelte sich ein vollständiges Integriertes Handlungskonzept, beschlossen Ende 2016. Zwei Bürgerwerkstätten lieferten den entscheidenden Impuls: den Bahnhofsvorplatz komplett neu zu denken. Die Umsetzung bestand aus vier parallellaufenden Bausteinen. Das Haus der Begegnung am Rathaus öffnete 2019. Der neue Bahnhofsplatz mit Freitreppe und Bühne folgte Ende 2020. Ab März 2023 wurden Bahnhofstraße und Rathausplatz saniert – rund zwei Millionen Euro, zu 60 Prozent vom Land NRW gefördert. Parallel investierte die Deutsche Bahn 7,2 Millionen Euro in die Bahnanlagen.
Es gab vorher keinen zentralen Platz mehr in Kall. Heute findet dort der Wochenmarkt statt, dort haben wir After-Work-Veranstaltungen. Es ist ein Begegnungsort entstanden.

Auch verkehrlich wurde nachjustiert: Die Bahnhofstraße erhielt großzügige Gehwege, Bäume und eine angepasste Straßenführung. Die Flutkatastrophe von 2021 traf den frisch gepflasterten Platz schwer – Kall nutzte den Wiederaufbau für mehr Retentionsflächen und entsiegelte Böden.
Das Besondere am Modell Kall: Selbst ohne kommunales Eigentum am Empfangsgebäude lässt sich ein lebendiger Bahnhofsbereich entwickeln – wenn die Zusammenarbeit funktioniert und das Umfeld konsequent mitgeplant wird. Bürgerbeteiligung und ein integriertes Konzept waren dabei die entscheidenden Hebel.
Windeck: Sechs Bahnhöfe, drei Eigentumsmodelle
Ein drittes Modell zeigt die Flächengemeinde Windeck im Rhein-Sieg-Kreis mit ihren sechs Bahnhöfen. Beim Bahnhof Schladern setzte die Kommune 2002 auf ein Sale-and-Rent-Back-Modell: Erster Schritt war der Erwerb des Bahnhofs durch die kommunale Wirtschaftsförderungsgesellschaft. Weiterverkauft wurde an einen ortsansässigen privaten Investor, der das Gebäude in neun Monaten denkmalgerecht sanierte. „Die Wirtschaftsförderung GmbH hatte das Vermietungsrisiko übernommen für 10 Jahre “, erläutert Bürgermeisterin Alexandra Gauß. „Wir haben die Flächen Gewerbetreibende weitervermietet.“
Dieser Mut hat sich ausgezahlt und die Entwicklung mit vorangetrieben.

Dann wurde seitens der Gemeinde in das Bahnhofsumfeld investiert – 945.000 Euro ab 2018, davon 670.000 Euro Förderung des Zweckverbands Nahverkehr Rheinland, für Park-and-Ride, Fahrradabstellplätze und Toiletten. 2024 kam eine Mobilstation mit Leihrädern und Carsharing hinzu.
Im benachbarten Ortsteil Au geht Windeck nun einen neuen Weg, weil die Deutsche Bahn seit 2022 keine Empfangsgebäude mehr verkauft. „Die Kommune mietet den Bahnhof in Au von der Bahn zu Selbstkosten und wir vermieten ihn an die Initiative zu den selben Konditionen weiter“, erläutert Gauß.
Neue Bundesförderung: Chance für Kommunen
Mit dem 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen Infrastruktur, dem BahnhofskonzeptPlus von fünf Milliarden Euro bis 2030 und der neuen Bundesfinanzierungsfähigkeit von Empfangsgebäuden seit der BSWAG-Novelle 2024 öffnet sich eine neue Chance für Bahnhöfe als Ortsmitten.
Die BSWAG-Novelle ist dabei besonders relevant: Erstmals können Kommunen für die Sanierung von Bahnhofsempfangsgebäuden Bundesmittel beantragen. In Kombination mit Landesprogrammen wie „Dritte Orte“ in NRW entstehen so neue Finanzierungspfade, die bislang nicht möglich waren.
Der Fahrplan zur Bahnhofs-Ortsmitte
Schritt 1: Diagnose und Konzept
Hochschulkooperation, Stadtplanungsbüro oder Bürgerwerkstatt. Ein professionelles Konzept ist die Eintrittskarte für strukturierte Prozesse – und Fördermittel.
Schritt 2: Trägerstruktur gründen
Dorfverein, Genossenschaft oder Bürgerinitiative – ein verlässlicher Träger ist unverzichtbar.
Schritt 3: Eigentumsmodell wählen
Kommunales Eigentum mit Nutzungsvertrag, privater Investor mit kommunaler Ankermietung oder kostenlose Anmietung von der DB.
Schritt 4: Förderpuzzle bauen
Städtebauförderung, LEADER, regionale Förderprogramme – einzelne Töpfe reichen selten. Seit der BSWAG-Novelle 2024 kommen erstmals auch Bundesmittel für Empfangsgebäude infrage.
Schritt 5: Umfeld mitdenken
Park-and-Ride, Mobilstation, Vorplatzgestaltung, Verkehrsführung – das Bahnhofsgebäude allein macht noch keine Ortsmitte.
Schritt 6: Betrieb sichern
Saalvermietung, Gastronomie, Dauernutzer und Ehrenamt müssen die laufenden Kosten dauerhaft decken.


