Netzwerke im Ruhestand
So gewinnen Kommunen Rentner fürs Ehrenamt
„Zwischen Arbeit und Ruhestand“ - eine besondere Zeit
Hinter der Abkürzung „ZWAR“ steckt die Formulierung „Zwischen Arbeit und Ruhestand“. Mittlerweile gibt es derart benannte Netzwerke für Menschen in dieser Lebensphase in über 85 Kommunen; seit vergangenem Jahr ist das auch in Wachtberg der Fall. „Wir haben hier in Wachtberg zwar ein reiches Angebot an Ehrenamt, aber es fehlte etwas die übergeordnete Struktur, gerade was Nachbarschaftshilfe anbelangt“, erzählt die Ehrenamtskoordinatorin Katja Ackermann. So hätten sich bei ihr die Anrufe von Menschen gehäuft, die Bedarf an Unterstützung und Hilfe bei Alltagstätigkeiten hatten und nicht wussten, an wen sie sich wenden können.
Um hier gezielt zu helfen, hat man 2024 in Wachtberg eine Sozialraumkonferenz einberufen mit allen städtischen Institutionen im sozialen Bereich. „Bei der Konferenz haben wir im Detail geschaut, welche Angebote es bereits gibt bei uns und was noch fehlt“, sagt Ackermann. In diesem Zusammenhang entstand, angeregt von der örtlichen Caritas, auch die Idee, ein ZWAR-Netzwerk zu gründen.

Vernetzung hat Priorität
„Wir haben festgestellt, dass Menschen am Ende ihres Berufslebens oft kaum im Ort verankert sind, weil sie viele Jahrzehnte über wegen der Arbeit nur wenig Zeit hatten, am Stadtleben teilzunehmen und sich einzubringen“, sagt Ackermann. Umso vielversprechender hat man in Wachtberg die Idee empfunden, diese Menschen zwischen Ende 50 und Anfang 70 anzusprechen und ihnen eine lose Vernetzung anzubieten. „Am Anfang stand das Ziel, für diese besondere Altersgruppe ein Netzwerk zu schaffen und die Menschen über ihr gemeinsames Tun zusammenzubringen“, sagt die Ehrenamtskoordinatorin. In einem weiteren Schritt war damit auch die Hoffnung verbunden, die älteren Bürger zu mehr Engagement im Ort zu motivieren.
Bewusste Ansprache aller Bürger der Altersgruppe
Die Gemeinde Wachtberg verfasste zunächst ein Einladungsschreiben an alle Bürger zwischen 60 und 70 Jahren und ließ ´ es an über 3.000 Menschen persönlich verteilen. Sie wurden zur Gründungsveranstaltung eines ZWAR-Netzwerks eingeladen. Es sollte sich dabei um keinen festen Verein handelt, sondern um eine lose Vernetzung untereinander handeln. Neben den Bürgern wurden zur Gründungsversammlung zudem die örtlichen Vereine und Multiplikatoren eingeladen, um ihre Arbeit den Interessierten vorzustellen. Als im Januar 2025 das ZWAR-Netzwerk gegründet wurde, kamen knapp 300 Leute zusammen - aus Sicht von Ackermann ein großer Erfolg. „Die Nachfrage und das Interesse waren wirklich beeindruckend und wir haben gemerkt, dass wir hier offensichtlich auf eine echte Lücke getroffen sind und es bei den Menschen einen großen Bedarf gibt an sozialem Kontakt“.
Zahlreiche Ideen entwickelt
Beim ersten Netzwerktreffen wurden verschiedene Arbeitsgruppen gegründet und Ideen für gemeinsame Freizeitaktivitäten gesammelt. Seither finden alle 14 Tage Basisgruppen-Treffen statt. Außerdem entstanden verschiedene Freizeitgruppen, etwa ein Kochtreff, ein Kneipenquiz, ein Literaturkreis oder eine E-Bike-Gruppe. Das Besondere: All diese Strukturen sind offen für jeden, der Lust hat, mitzumachen. Die Kommune selbst bietet hierfür in Kooperation mit der Caritas den strukturellen Rahmen, stellt die Räumlichkeiten und steht in engem Austausch mit dem Netzwerk. Schon jetzt habe sich die Gründung sehr bewährt. „Es ist ein Netzwerk für gewisse Altersgruppen entstanden, das viel Begegnung und Teilhabe ermöglicht und ein starkes Mittel gegen die Einsamkeit ist“, so die Koordinatorin.
Aus Gemeinschaft erwächst Engagement
Durch das Zusammensein und den Austausch haben die Bürger zudem begonnen, Ideen für die Kommune zu entwickeln und sich mehr einzubringen. „Wir merken, dass bei den Menschen die Lust entsteht, sich zu engagieren und die eigenen Fähigkeiten weiterzugeben“, sagt Ackermann. So entstünden derzeit verschiedene ehrenamtliche Projekte. Ältere Bürger unterstützen die Jugendarbeit, indem sie ihre Expertise und Lebenserfahrung weitergeben, auch werde eine Nachbarschaftshilfe aufgebaut. „Das Netzwerk ist schon jetzt ein wichtiger Baustein einer sorgenden Gemeinschaft bei uns“, sagt Ackermann. Man sei dem Ziel, „gemeinsam ins Alter zu gehen, sich selbst zu tragen und zu unterstützen“ deutlich nähergekommen. Die wichtigsten Erkenntnisse bisher:
- Es gibt großes Potenzial für Engagement in der dritten Lebensphase. Ackermann stellt fest: „Wir spüren bei den Menschen einen starken Gestaltungswillen, sie haben Lust darauf, sich einzubringen“. Kein Wunder: Denn sie sind in einem Lebensalter, in dem man über viel Erfahrung verfügt und immer noch anpacken will.
- Man sollte als Kommune offen sein für die Ideen der engagierten Bürger und den Mut haben, auch mal etwas ausprobieren, dessen Wert sich erst mit der Zeit zeigt. „Dazu braucht es natürlich Investitionen, Arbeitszeit und auch Geld“, so Ackermann.
- Es bewährt sich, einen persönlichen Ansprechpartner in der Verwaltung zu haben, der die älteren Bürger gezielt und persönlich anspricht und einlädt und für das entstehende Netzwerk bei allen Belangen ein offenes Ohr hat.
Weitere Infos zum ZWAR-Netzwerk in Wachtberg hier
5 Tipps, um Rentner fürs Ehrenamt zu gewinnen:
- Gezielt ansprechen statt allgemein werben
Viele Rentner engagieren sich gern – aber nur, wenn sie konkret wissen, wo sie gebraucht werden. Kommunen sollten deshalb persönliche Formate nutzen: Informationsnachmittage, direkte Ansprache über Seniorentreffs, Vereine oder Kirchengemeinden sowie leicht verständliche Projektbeschreibungen mit klarem Zeitaufwand. - Flexible Einsatzmöglichkeiten schaffen
Nicht jeder möchte sich dauerhaft oder mehrmals pro Woche verpflichten. Erfolgreich sind flexible Modelle: projektbezogene Einsätze, Patenschaften, Vertretungspools oder „Schnupper-Ehrenämter“. So können Seniorinnen und Senioren selbst entscheiden, wie viel Zeit sie investieren möchten. - Kompetenzen und Lebenserfahrung sichtbar nutzen
Viele Ruheständler bringen jahrzehntelange Berufs- und Führungserfahrung mit. Kommunen sollten diese Expertise aktiv einbinden – etwa bei Mentoring-Projekten, Lesepatenschaften, Nachbarschaftshilfe oder Beratungsangeboten. Wer merkt, dass seine Fähigkeiten wertgeschätzt werden, engagiert sich eher langfristig. - Bürokratische Hürden abbauen
Komplizierte Anmeldungen, unklare Ansprechpartner oder fehlende Informationen schrecken ab. Ein zentraler Ehrenamtslotse im Rathaus, einfache digitale und analoge Zugänge sowie schnelle Rückmeldungen erleichtern den Einstieg erheblich. - Anerkennung sichtbar machen
Wertschätzung ist ein entscheidender Motivationsfaktor. Kommunen können Ehrenamtliche durch öffentliche Dankesveranstaltungen, kleine Vergünstigungen, Weiterbildungsangebote oder Berichte in lokalen Medien sichtbar machen. Gerade ältere Menschen möchten spüren, dass ihr Einsatz gesellschaftlich zählt.

