dramatische Medienberichte
Keime im Trinkwasser: Wie groß ist die Gefahr?
Coliforme Bakterien sind ein Warnsignal
Coliforme Bakterien sind sogenannte Indikatororganismen. Ihr Nachweis bedeutet nicht automatisch, dass gefährliche Krankheitserreger im Wasser schwimmen. Er zeigt aber, dass im Versorgungssystem etwas nicht stimmt. Mögliche Ursachen sind Arbeiten am Leitungsnetz, undichte Bauteile, Rückströmungen, technische Störungen oder ein Eintrag von außen.
Die Trinkwasserverordnung ist streng: E. coli darf in 100 Millilitern Wasser nicht nachweisbar sein. Auch für coliforme Bakterien gilt in zentralen Versorgungsanlagen grundsätzlich der Wert null. Das ist kein bürokratischer Reinheitsfetisch, sondern ein Frühwarnsystem. Wo solche Organismen auftauchen, muss die Ursache gefunden werden, bevor aus einer technischen Macke ein Gesundheitsproblem wird.
In Buckow wurden Netzabschnitte gespült, zusätzliche Proben genommen und Anlagenteile untersucht. Der verdächtige Bereich wurde schließlich getrennt. So sieht seriöses Krisenmanagement aus: messen, eingrenzen, isolieren, reinigen – und erst dann Entwarnung geben.
Hitze ist Verstärker, nicht automatisch Ursache
Hohe Temperaturen können mikrobiologisches Wachstum begünstigen. Das gilt besonders, wenn Wasser lange in Leitungen steht, Rohre schlecht gedämmt sind oder sich unter aufgeheizten Straßen stark erwärmen. Stagnation, Wärme und Ablagerungen schaffen Bedingungen, unter denen sich bereits vorhandene Mikroorganismen leichter vermehren können.
Trotzdem wäre es falsch, jeden Nachweis coliformer Bakterien kurzerhand einer Hitzewelle oder dem Klimawandel zuzuschreiben. Die Keime gelangen durch einen technischen oder hygienischen Eintrag in das System. Wärme kann ihre Vermehrung beschleunigen – sie zaubert sie aber nicht aus dem Nichts in die Leitung.
Gerade Buckow mahnt zur Vorsicht vor Ferndiagnosen. Der Wasserversorger geht von einem fortlaufenden Eintrag an einem inzwischen eingegrenzten Anlagenteil aus. Die genaue Ursache wird weiter untersucht. Wer daraus bereits die ganz große Klimaerzählung bastelt, verwechselt Ursache und Verstärker.
Legionellen entstehen meist im Gebäude
Legionellen sind ein anderes Thema. Sie kommen natürlicherweise in Wasser vor und vermehren sich besonders gut bei etwa 25 bis 45 Grad. Begünstigt werden sie durch Stagnation, Ablagerungen und Biofilme. Das größte Risiko liegt deshalb meist nicht im kommunalen Hauptnetz, sondern auf den letzten Metern: in Wohnhäusern, Hotels, Krankenhäusern, Pflegeheimen oder länger leer stehenden Gebäuden.
Gefährlich wird legionellenhaltiges Wasser vor allem, wenn feinste Tröpfchen eingeatmet werden – etwa beim Duschen. Das Trinken ist normalerweise nicht der typische Infektionsweg. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, Raucher, chronisch Kranke und Personen mit geschwächtem Immunsystem. Eine Legionellose kann eine schwere Lungenentzündung auslösen.
Technisch gilt: Kaltes Wasser muss kalt, warmes Wasser ausreichend heiß bleiben. Der DVGW nennt für Kaltwasser weniger als 25 Grad. In größeren Warmwassersystemen sollen im Zirkulationsnetz mindestens 55 Grad erreicht werden; am Ausgang des Erwärmers sind häufig 60 Grad erforderlich. Wer den Boiler dauerhaft herunterdreht, spart womöglich an der falschen Stelle – und lädt die Legionellen zur Betriebsversammlung ein.
Was Kommunen und Versorger tun müssen
Bei einer Auffälligkeit zählen schnelle Proben, Netzspülungen, gegebenenfalls Desinfektion und die Suche nach dem Eintragspfad. Ebenso wichtig ist eine klare Kommunikation: Bürger müssen wissen, wofür das Wasser noch verwendet werden darf, wie es abzukochen ist und welche Personengruppen besonders vorsichtig sein müssen. Pauschale Warnungen schaffen vor allem Gerüchte.
Langfristig müssen Versorger Schwachstellen beseitigen: tote Leitungsenden, geringe Fließgeschwindigkeiten, sanierungsbedürftige Armaturen, Wärmebrücken und ungünstige Rohrlagen. Das kostet Geld. Aber alte Leitungen werden nicht dadurch jünger, dass man sie im Investitionsplan unter „später“ ablegt. Gerade kleine Versorger brauchen Investitionsmittel, Fachpersonal und vollständige Netzdaten.
Auch Gebäudeeigentümer tragen Verantwortung. Selten genutzte Leitungen müssen regelmäßig gespült, stillgelegte Leitungsabschnitte fachgerecht entfernt und Warmwasseranlagen bestimmungsgemäß betrieben werden. Das kommunale Wasserwerk kann schließlich erstklassiges Wasser liefern – was danach im Heizungskeller oder in einer jahrelang ungenutzten Stichleitung geschieht, liegt nicht mehr vollständig in seiner Hand.
Andere Länder setzen auf Temperaturkontrolle
Auch international steht nicht die Panik, sondern die Technik im Mittelpunkt. In der Schweiz soll Kaltwasser in Gebäudeinstallationen unter 25 Grad bleiben. Der Versorger ist dort üblicherweise bis zum Wasserzähler verantwortlich, danach der Gebäudeeigentümer.
Großbritannien empfiehlt strengere Grenzen: Kaltes Wasser soll möglichst unter 20 Grad gespeichert und verteilt, heißes Wasser bei mindestens 60 Grad vorgehalten werden. Die britischen Regeln zeigen, dass Temperaturkontrolle, regelmäßige Prüfungen und eindeutig benannte Verantwortliche wichtiger sind als politische Sonntagsreden über das Wetter.
Deutschland steht dennoch nicht am Rand einer Trinkwasserkatastrophe. Nach dem jüngsten Bericht von Bundesgesundheitsministerium und Umweltbundesamt werden bei den meisten mikrobiologischen und chemischen Parametern mehr als 99 Prozent der Anforderungen eingehalten. Im Jahr 2022 stellten 5.599 Wasserversorger die öffentliche Versorgung sicher.
Die Bilanz: Keime im Trinkwasser sind ernst zu nehmen, aber kein Grund für flächendeckende Panik. Auffälligkeiten sind selten, werden wegen der Kontrollen meist früh erkannt und können gezielt bekämpft werden. Für die betroffene Kommune bleibt ein solcher Fall trotzdem ein Stresstest – technisch, finanziell und kommunikativ. Denn Vertrauen fließt langsam in die Leitung, ist aber verdammt schnell wieder weg.

