Bürgermeisterin Eliza Diekmann
Eliza Diekmann: "Mein Ziel ist es, Politik anders zu denken"
© Simonthon

Frauen in der Kommunalpolitik

Drei Bürgermeisterinnen, drei Erfolgskonzepte

Drei Bürgermeisterinnen, die es geschafft haben: Mathilde Kamprad ist 82 Jahre alt, seit gut 30 Jahren Bürgermeisterin eines kleinen Dorfes in Sachsen-Anhalt und will noch vier Jahre amtieren, Eliza Diekmann ist es gelungen, aus dem Stand heraus im münsterländischen Coesfeld die jüngste und erste Rathauschefin ohne Parteibuch zu werden – und im bayerischen Augsburg regiert Oberbürgermeisterin Eva Weber.

Der Weg zur ältesten Bürgermeisterin von Sachsen-Anhalt führt in die ostdeutsche Provinz. Vorbei an Halle und Merseburg, an Windrädern und weiten Äckern. Irgendwann, auf der Umgehungsstraße von Allstedt, geht es rechts ab nach Winkel. Das 350-Einwohner-Dorf von Mathilde Kamprad hat keine Schule und keinen Lebensmittelladen mehr, aber immer noch eine Gemeindeverwaltung.  Darin angekommen, finden sich auch Ortsfremde sofort zurecht. Auf Spannholz steht auf der Tür zur schmalen Treppe mit dunkelblauer Farbe geschrieben: „Zur Bürgermeisterin.“

1990 erstmals zur Bürgermeisterin gewählt

Seit 57 Jahren ist Mathilde Kamprad fast jeden Tag im Gemeindebüro anzutreffen. Zuerst als Angestellte zu DDR-Zeiten, dann als Bürgermeisterin. 1990 hat das Dorf sie das erste Mal in das Amt gewählt. Sie galt als politisch unbelastet, war nie in einer Partei. Hier oben im ersten Stock hat sie ihr Zimmer. Nein, sie hat keine Mitarbeiter. „Die beiden Schreibtische nutze ich“, sagt sie. Auf dem linken Schreibtisch stehen Telefon und Fax, auf dem rechten Schreibtisch gegenüber der Flachbildschirm und der PC. Mathilde Kamprad hat früh dafür gesorgt, dass Winkel schnelles Internet bekam. Sie selbst blieb bescheiden: Das Rathaus hat immer noch keine Heizung, das Holz für den Ofen stapelt sie in den Nebenzimmern.

Mathilde Kamprad will weitermachen - bis sie 86 Jahre alt ist

Die weißen Spitzenvorhänge lassen den Blick auf die Kirche zu, an der Wand hängt hinter Glas ein Gedicht von Wilhelm Busch: „Ehrenamt. Willst Du froh und glücklich leben, Lass kein Ehrenamt Dir geben, Willst Du nicht zu früh ins Grab, Lehne jedes Amt gleich ab.“  Mathilde Kamprad hat sich das Amt geben lassen und ist damit glücklich geworden. Sie will es selbst mit jetzt 82 Jahren noch so lange behalten, wie sie gewählt ist: „Bis 2024, wenn die Gesundheit und Gott es zulassen“. Dann wird sie 86 Jahre alt sein. „Mein Mann versteht das nicht“, sagt sie. „Was willst du dauernd im Gemeindebüro?“, fragt er mich oft. „Reicht es nicht bald?“ Doch seine Frau hat als Bürgermeisterin noch viel vor. „Jetzt kommen bald die neuen Spielgeräte für den Spielplatz für 15.000 Euro“, erzählt sie. „Das Pflaster im Ort muss erneuert werden und wir müssen die Friedhofsatzung ändern. Denn wir haben nicht mal Wasser in der Leichenhalle.“

Seit 1. September 2010 ist Mathilde Kamprad nur noch ehrenamtliche Ortsbürgermeisterin. An jenem Tag war Winkel nach Allstedt zwangseingemeindet worden. Das schmerzt sie heute noch. Seitdem hat sie auch weniger zu tun und zu bestimmen. „Ich würde sagen: Seither bin ich fast tote Hose.“  So nimmt sie die Grundsteuer bar entgegen und bringt die dann zum Verwaltungsamt, gibt blaue und gelbe Müllsäcke aus und Windeln für einige ältere Dorfbewohner, dann kümmert sie sich darum, dass die Klärgrube regelmäßig geleert wird. Oder fährt mit dem Auto zum Hauptausschuss oder zur Ortsbürgermeisterrunde nach Allstedt.

Mathilde Kamprad

Konflitkscheu darf man nicht sein, denn ohne Ärger geht es nicht."

Mathilde Kamprad, Ortsbürgermeisterin in Winkel

Was hat sie gekämpft und gestritten in den Nachwendejahren! „Und wir haben sehr oft recht bekommen“, erinnert sie sich. Ihre Augen leuchten, als sie erzählt, wie Winkel sich von einem pleite gegangenen westdeutschen Investor wenigstens einen Teil des Geldes aus dem Verkauf der einst von russischen Offizieren genutzten Wohnblocks zurückholte. Was sie traurig macht: „1960 wurden bei uns 15 Kinder geboren, in diesem Jahr noch kein einziges.“ Sie selbst hat vier Kinder großgezogen.  Was ist ihr Erfolgsrezept? „Man muss sich für die Aufgaben und die Menschen interessieren“, sagt sie. „Konfliktscheu darf man nicht sein, denn ohne Ärger geht es nicht.“ Und man muss sich kümmern: Eine Friseurin kommt alle 14 Tage ins Dorf. Gewaschen, geschnitten und geföhnt wird in einem kleinen Zimmer in der Gemeindeverwaltung.

Eliza Diekmann neue Bürgermeisterin in Coesfeld

Ganz am Anfang ihres Bürgermeisterinnen-Amtes steht Eliza Diekmann. Die 34-Jährige ist kürzlich im nordrhein-westfälischen Coesfeld als jüngste und erste Rathauschefin ohne CDU-Parteibuch gewählt worden. In der katholisch geprägten 37.000-Einwohner-Stadt gelang es ihr, mit frischen Ideen, neuen Wahlkampf-Formaten und ungewohnter Offenheit zu überzeugen. Ihr Versprechen zum Amtsantritt: „Wir werden Gutes bewahren und Neues endlich ermöglichen.“ Nach Coesfeld kam Eliza Diekmann vor fünf Jahren mit ihrem Mann. Aufgewachsen ist sie in Steinfurt, hat Publizistik und Politikwissenschaften studiert und ein Masterstudium Internationale Kommunikation in London absolviert. Danach arbeitete sie als Journalistin. In den vergangenen drei Jahren war sie als Managerin in der Unternehmenskommunikation einer großen Firma in Coesfeld tätig.

Ortsgruppe Parents for Future gegründet

Was hat sie dazu gebracht, Bürgermeisterin werden zu wollen? „Irgendwann habe ich gemerkt: Über andere zu schreiben, das reicht mir nicht mehr“, sagt Eliza Diekmann. „Ich wollte selbst aktiv werden und etwas verändern.“ Sie gründete die Ortsgruppe „Parents for Future“, die sich für den Klimaschutz einsetzt und organisierte Workshops, Infoabende und Demos. Dabei wuchs der Wunsch, noch mehr erreichen zu wollen. Verbesserungsbedarf sieht sie vor allem bei der Kommunikation, der Digitalisierung der Verwaltung und bei der Schulinfrastruktur. SPD, Grüne und zwei Wählergemeinschaften unterstützten die Newcomerin.

„Mein Ziel ist es, Politik anders zu denken“, erklärt die neue Bürgermeisterin. Dass Eliza Diekmann für einen neuen Politikstil steht, wurde schon im Wahlkampf deutlich. Sie startete damit zehn Monate vor der Wahl, setzte auf Präsenz über eine lange Strecke. „Auf nen Kaffee mit Eliza“ wurde zum Erfolg. Auch ihr Angebot „Gerne komme ich auch zum Austausch in Ihre Nachbarschaft“ nutzten viele Coesfelder. 

Eliza Diekmann

Ich bin fleißig, ich bin verletzlich, nicht perfekt, mache Fehler und stehe dazu."

Eliza Diekmann, Bürgermeisterin in Coesfeld

Sie habe sich das Amt erarbeitet, sagt sie und alle an dem Prozess teilhaben lassen. Auch über Videos im Netz. „Kommunalpolitik“, so zeigt Eliza Diekmann sich überzeugt, „muss viel offener gestaltet werden.“ Sie gibt sich nahbar: „Ich bin fleißig, ich bin verletzlich, nicht perfekt, mache Fehler und  stehe dazu.“ Ihre Stärken, so glaubt sie, könne sie in diesem Beruf am besten einbringen: Die Menschen zusammen zu bringen, sie zu begeistern und verschiedene Gruppen auf ein Thema zu fokussieren. „Das Amt hört nie auf, es ist ein 24/7-Job“, weiß Eliza Diekmann. „Im Wahlkampf wurde mir immer wieder empfohlen: Wenn du gefragt wirst, wie du das mit deiner Vierjährigen und deinem Zweijährigen dann machst, antworte ja nicht darauf! Ein Mann wird so etwas auch nicht gefragt.“ Doch sie handhabte es anders – eben ganz offen: „Ich sage den Leuten, dass es mir als leidenschaftliche Mutter manchmal Herzschmerz macht und schildere ihnen, wie ich mich in meinem Amt organisiere: mit einem flexibel arbeitenden Mann, einem tollen Kindergarten, einem AuPair und liebevollen Großeltern.“

Eva Weber ist die erste Bürgermeisterin in Augsburg

In der drittgrößten Stadt Bayerns regiert seit diesem Jahr ebenfalls das erste Mal eine Frau.  Eva Weber hat sich bei der Stichwahl gegen den Konkurrenten durchgesetzt und ist seit 1. Mai Oberbürgermeisterin von Augsburg. Die Amtskette musste sie sich in der Corona-Krise selbst umhängen. Ein Neustart inmitten einer Ausnahmesituation.

Oberbürgermeisterin – wie kam es dazu?  Vor allem für eine, die eigentlich niemals in die Politik gehen wollte? Politisch war Eva Weber schon immer. Schon in der Grundschule konnte sie die Mitglieder der Bayerischen Staatsregierung aufsagen. Ihr Vater war CSU-Landtagsabgeordneter und elf Jahre lang Staatssekretär im Wirtschafts- und dann im Finanzministerium in München. Aufgewachsen ist die heutige Rathauschefin der knapp 300.000-Einwohner-Stadt in Burgberg, einem kleinen Ort im Allgäu. Eine Kindheit zwischen der großen Politik und dem Bauernhof ihrer Großeltern, die gleich nebenan wohnten. Sie hat Jura studiert, arbeitete beim Sparkassenverband und danach bei der Industrie- und Handelskammer. „Ich war fest davon überzeugt, dass ich nie in die Politik gehen werde“, erzählt sie. Auf keinen Fall jeden Abend und nicht jedes Wochenende wie der Vater unterwegs sein.  Bis der damalige Oberbürgermeister Kurt Gribl sie fragte, ob sie Wirtschaftsreferentin werden wolle.

Eva Weber

Die Gründe sind vielfältig, warum es weniger Frauen als Männer in politischen Führungspositionen gibt. Ihre Chancen haben viel damit zu tun, wie Parteien funktionieren.“

Eva Weber, Oberbürgermeisterin von Augsburg

2011 wählte der Stadtrat Eva Weber auf diesen Posten, drei Jahre später kandidierte sie selbst für den Stadtrat. So wurde sie mit 36 Jahren nicht nur Wirtschafts- und Finanzreferentin, sondern auch noch 2. Bürgermeisterin, seit diesem Jahr ist sie nun Oberbürgermeisterin.

„Vielleicht gibt es so was wie eine vererbte Begabung, so einen Beruf zu wählen“, sagt Eva Weber schmunzelnd. Ihr Antrieb? „Ich muss etwas tun, wenn ich möchte, dass sich etwas verändert. Und meine tiefe Überzeugung ist, dass unsere demokratische freiheitliche Grundordnung Menschen braucht, die sich für etwas einsetzen“. 

Die Zeiten sind schwierig: Zwei große Betriebe am Ort wollen in der Corona-Krise knapp 2.000 Stellen streichen. Ministerpräsident Markus Söder kam vor kurzem auf ihre Einladung hin nach Augsburg, sagte Fördergelder in Höhe von 100 Millionen Euro für ein Zentrum für künstliche Intelligenz zu.  Die Gründe sind vielfältig, warum es weniger Frauen als Männer in politischen Führungspositionen gibt. Ihre Chancen haben viel damit zu tun, wie Parteien funktionieren“, stellt Eva Weber fest.

Inzwischen für die Frauenquote

Nicht umsonst seien bei der jüngsten NRW-Kommunalwahl vor allem Politikerinnen der Grünen ans Ruder gekommen. „Ich war lange dagegen, inzwischen bin ich der Meinung: Die Frauenquote kann eine Veränderung herbeiführen.“ Doch die Beharrungskräfte sind mächtig: Auch CSU-Parteichef Söder hatte durchsetzen wollen, dass die 40-Prozent-Frauenquote der CSU auf Bezirks- und Vorstandsebene künftig auch auf Kreisebene gilt. Er scheiterte 2019 auf dem Parteitag mit seinem Vorschlag.  So viele Frauen haben man an der Basis gar nicht, argumentierten die Gegner. 

Und was ist aus den Plänen geworden, sich nicht, wie der Vater einst, von dem Beruf komplett vereinnahmen zu lassen? „Schon als 2. Bürgermeisterin arbeitete ich mit voller Begeisterung für meine Berufung. 70 bis 80 Stunden in der Woche sind da schon mal drin“, sagt Eva Weber, die Oberbürgermeisterin, die einst nie in die Politik gehen wollte.