Demografischer Wandel
Demografischer Wandel: So planen Kommunen für alle Generationen
Das Dilemma kleiner Kommunen
Diese Unsicherheit ist das Dilemma vieler kleiner Kommunen. Nach der aktuellen Prognose des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung wächst die Zahl der Menschen ab 67 Jahren bis 2045 um 13,2 Prozent. Zentral gelegene Regionen wachsen um durchschnittlich sieben Prozent, sehr periphere verlieren 17 Prozent. Und 55 Prozent der Menschen werden 2045 allein oder zu zweit wohnen.
Hiddenhausen: „Jung kauft Alt“ statt neuer Baugebiete
Wer daraus weiter Einfamilienhausgebiete am Ortsrand ableitet, bestellt Kanal, Straße und Winterdienst für eine Generation, die nach Prognosen im ländlichen Raum kleiner ausfallen wird. Hiddenhausen in Nordrhein-Westfalen hat deshalb die unbequeme Entscheidung getroffen: kein neues Baugebiet mehr, stattdessen Zuschüsse für Altbaugutachten und für den Kauf alter Häuser im Ortskern. Das Programm „Jung kauft Alt“ wurde vielfach prämiert und bundesweit kopiert. Die Rechnung: Wer im Alter aus dem zu groß gewordenen Haus in den Ortskern zieht, hat Arzt und Laden zu Fuß erreichbar und macht zugleich ein Familienhaus frei.
Funktionen in der Ortsmitte bündeln
Der zweite Hebel liegt ebenfalls in der Mitte. Feilitzsch in Oberfranken kaufte ein Anwesen von 1871 und machte daraus ein Zentrum neben Rathaus und Feuerwehr, in dem Einkauf, Treffpunkt und Dienstleistungen zusammenliegen. In der Steinwald-Allianz fährt ein begehbarer Lkw als mobiler Dorfladen 42 Ortschaften in 17 Kommunen an, 30 Minuten pro Ortschaft und Woche. Einzeln trägt sich keines dieser Angebote mehr, gebündelt schon. Das gilt für Gebäude genauso wie für Geschäfte: Wer Kita, Laden und Verwaltung getrennt denkt, zahlt dreimal für Räume, die im schlechtesten Fall leer stehen.
Ländliche Räume schrumpfen
- Um 17 Prozent schrumpfen ländliche Räume in Deutschland bis 2045.
Quelle: Prognose des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (siehe Text)
9 Tipps für alle Generationen
1. Erst rechnen, dann planen
Die Folgekosten jedes Baugebiets über 30 Jahre durchrechnen. Rechtfertigen prognostizierte Zuzüge die Investition in Kanal, Straße und Winterdienst?
2. Innen vor außen
Hiddenhausen zeigt: Entweder Leerstandsprogramm oder neues Baugebiet. Sonst subventioniert die Gemeinde beides gegeneinander.
3. Kommunale Programme an Förderlandschaft andocken
„Jung kauft Alt“ adressiert Familien, kommunale Zuschüsse für Altbaugutachten senken die Hemmschwelle davor. Beides zusammen ergibt ein attraktives Angebot.
4. Leerstandskataster vor Förderprogramm
Ohne Kenntnis, welches Haus wann frei wird und wem es gehört, fördert die Kommune ins Blaue.
5. Nutzungsoffen bauen
Jeder Neubau für Kinder sollte so geschnitten sein, dass er in 15 Jahren Arztpraxis, Verwaltung oder Wohnen aufnehmen kann und umgekehrt.
6. Funktionen bündeln statt Gebäude addieren
Laden, Café, Bürgerbüro, Pflegeberatung und Paketstation in einem Haus in der Ortsmitte befruchten sich gegenseitig.
7. Barrierefreiheit im Bestand und öffentlichen Raum zusammendenken
Eine barrierefreie Wohnung nützt wenig, wenn der Weg zum Laden über einen Bordstein ohne Absenkung führt.
8. Kleine, zentrale Wohnungen bauen, nicht nur Pflegeplätze
Ein Haus am Ortsrand macht die Teilhabe für Menschen im Alter deutlich schwerer. Wohnungen im Ortskern sind besser geeignet und machen beim Umzug Häuser für Familien frei.
9. Vorhandene Angebote sichtbar machen
Viele Kommunen haben gute generationengerechte Angebote, die schlicht niemand kennt.
