Schule
Grundschule erhalten: So retten Dörfer ihre Schule
Geburtenrückgang trifft erst Kitas, dann Grundschulen
Die Ausgangslage ist überall dieselbe. 2025 kamen in Deutschland 654.241 Kinder zur Welt, der niedrigste Wert seit 1946 und fast ein Fünftel weniger als im Hochjahr 2021. In den ersten vier Monaten 2026 lag die Zahl noch einmal 2,5 Prozent darunter. Zuerst trifft das die Kitas, einige Jahre später die Grundschulen. Schulträger können also jetzt noch planen.
Rechenberg-Bienenmühle: Jahrgangsübergreifender Unterricht seit 2014
Die sächsische Gemeinde Rechenberg-Bienenmühle im Erzgebirge hat sich der Situation schon früh stellen müssen. „Die Gemeinde stand 2014 vor der Entscheidung, ob die Grundschule geschlossen werden muss, weil nicht genug Schulkinder angemeldet waren“, sagt Bürgermeister Michael Funke. Die Gemeinde stieß auf den jahrgangsübergreifenden Unterricht, bei dem Kinder verschiedener Klassenstufen gemeinsam lernen. Damals war das ein Sonderweg: „Es gab eine Schule in Berlin, die das gemacht hat, und sonst war nichts bekannt.“ Die Gemeinde sprach beim Kultusministerium vor und bekam die Genehmigung.
Dann begann die eigentliche Arbeit. Weg vom Frontalunterricht, hin zu offenen Lernformen mit Aufgabenblättern für unterschiedliche Altersgruppen. Ein Schreiner baute in einen größeren Raum kleine Büros ein, in denen die Kinder selbstständig lernen und Lehrkräfte einzeln unterstützen. Schwieriger als der Umbau war die Überzeugungsarbeit: Mehrere ältere Lehrkräfte ließen sich versetzen, drei Elternabende brauchte es, bis die meisten Familien mitzogen. Dass die Schulleiterinnen vom Konzept überzeugt waren und es engagiert umsetzten, nennt Funke einen Glücksfall.
60 Kinder und ein inklusives Konzept
Heute besuchen 60 Kinder die Grundschule, sie ist damit nahezu ausgelastet, und Eltern aus anderen Gemeinden zeigen Interesse. Die Schule arbeitet inklusiv, ebenso die beiden Kindergärten der Gemeinde. „Wir möchten nicht, dass Kinder mit einer Lernbehinderung 30 Kilometer nach Freiberg in die nächste Förderschule fahren müssen“, sagt Funke. Um Kosten in geburtenschwachen Jahren zu dämpfen, reduziert die Gemeinde die Stunden der Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas und setzt sie unterstützend im Hort ein. 15 Gemeinden haben sich das Modell inzwischen angesehen.
Rechtliche Grundlage in Sachsen
Was Rechenberg-Bienenmühle einzeln durchsetzen musste, ist heute geltendes Recht. Das sächsische Schulgesetz lässt jahrgangsübergreifenden Unterricht zu, wenn ein pädagogisches Konzept und qualifizierte Lehrkräfte vorhanden sind. Dazu kommt das Schulmoratorium von 2017: Außerhalb von Mittel- und Oberzentren dürfen solche Standorte in Sachsen fortbestehen, auch wenn sie die Mindestschülerzahlen verfehlen.
Heinsdorfergrund: Die Schule hält das Dorfleben zusammen
Auch im Vogtland fiel die Entscheidung für das Modell. „Der Schulstandort in den dörflichen Gemeinden erhält das gesellschaftliche Leben“, sagt Marion Dick, ehrenamtliche Bürgermeisterin von Heinsdorfergrund. Gemeinsam mit allen Betroffenen habe man sich für den jahrgangsübergreifenden Unterricht entschieden: „Das sicherte den Erhalt und machte den Weg frei für Investitionen.“ Die Gemeinde steckte Geld in Sportplatz und Werkraum der Grundschule Hauptmannsgrün. Weil Eltern frei wählen dürfen und auch Kinder von außerhalb kommen, blieben die Schülerzahlen zehn Jahre lang stabil.
Vereine und Freiwillige Feuerwehr gestalten die Ganztagsangebote mit und gewinnen so Nachwuchs. Seit 2016 arbeitet ein Kindergemeinderat aus gewählten Kindern der vier Klassen, seit Januar 2025 kommt ein Jugendgemeinderat dazu. „Alles das wäre ohne die Grundschule nicht möglich“, sagt Dick. Ihr Rat an Kolleginnen und Kollegen, deren Dorfschule auf der Kippe steht, besteht aus einem Wort: „Kämpfen!“
Berge: Kleine Grundschule mit Flexklassen
In Brandenburg heißt das Instrument „Kleine Grundschule“, der Unterricht findet in Flexklassen statt. Die Gemeinde Berge in der Prignitz führt ihre Schule seit dem Schuljahr 2012/13 so. Das Modell setzt drei Klassen mit je 15 Kindern an. „Kritisch wäre eine Belegung ab 45 Kindern“, sagt Bürgermeisterin Susanne Scherfke-Weber. Die Prognose bis 2033 liegt zwischen 76 und 69 Kindern. Die Alternative wären Schulwege nach Perleberg oder Putlitz, die die heutigen Fahrzeiten von 10 bis 30 Minuten verdoppeln bis verdreifachen würden.
Die Schule ist zugleich Gemeindezentrum, mit Lehrschwimmbecken, Aula, Turnhalle und Sportplatz. Mehrere Familien seien aus westdeutschen Großstädten zurückgekehrt, Schule und Kita hätten dabei eine Rolle gespielt. Aktuell bauten Eltern dort in der Gewissheit, Kitaplatz und Schule am Ort zu haben. Scherfke-Weber, seit 2019 im Amt, benennt den Preis deutlich: „Wenn sich Gemeinden zwischen einem Gehweg und einer funktionierenden Schulträgerschaft entscheiden müssen, ist das bereits fatal.“ Seit Jahren bemüht sich Berge um die Festlegung als Grundfunktionaler Schwerpunkt, einen raumordnerischen Status mit zusätzlichen Fördermöglichkeiten. Nach ihren Angaben geht es um jährlich 100.000 Euro. Der Petitionsausschuss des Landtags habe der Gemeinde recht gegeben, für die Anerkennung reichte es nicht.

„Wenn sich Gemeinden zwischen einem Gehweg und einer funktionierenden Schule entscheiden müssen, ist das fatal.“
Susanne Scherfke-Weber, Bürgermeisterin der Gemeinde Berge
Wenn der Erhalt nicht gelingt: Der Fall Morsbach
Dass der Erhalt nicht überall gelingt, zeigt der oberbergische Fall Morsbach. Der Gemeinderat machte im September mit nur einer Gegenstimme den Weg frei, die Außenstandorte Holpe und Lichtenberg der Amitola-Grundschule am Hauptstandort zusammenzuführen. Bürgermeister Jan Schumacher verwies auf einbrechende Schülerzahlen, das Gebäude in Holpe ist sanierungsbedürftig, die Gemeinde steht unter Haushaltssperre. Die Schulpflegschaften hatten 1.720 Unterschriften für den Erhalt gesammelt. Die Zusammenlegung ist zum Schuljahr 2029 oder 2030 geplant.

Es wäre ein Fehler, in den Phasen mit weniger Kindern Schulen und Kindergärten einfach zu schließen.“
Michael Funke, Bürgermeister der Gemeinde Rechenberg-Bienenmühle
Weitere Modelle in den Bundesländern
Jahrgangsübergreifender Unterricht ist nicht das einzige Werkzeug. Schleswig-Holstein lässt Außenstellen von Grundschulen ab 27 Kindern zu. Nordrhein-Westfalen kennt den Grundschulverbund, Rheinland-Pfalz dislozierte Standorte in einer anderen Kommune. Baden-Württemberg bündelt mit dem „Bildungshaus 3-10“ Kita und Grundschule unter einem Dach.
Eine weitere Option sind freie Träger. Im Weimarer Land zogen die ersten 20 Kinder der Freien Talschule Tonndorf in eine aufgegebene Dorfschule. Nach einem Urteil des OVG Sachsen dürfen Gemeinden dort private Schulen bezuschussen, wenn sie die Schulform auch selbst tragen könnten.
Fazit: Früh in den Schulentwicklungsplan schauen
Für kommunale Schulträger lohnt der frühe Blick in den Schulentwicklungsplan. Wer die Umstellung erst beschließt, wenn die Mindestschülerzahl bereits unterschritten ist, hat weder Zeit für Konzept und Genehmigung noch für die Personalgewinnung. Michael Funke formuliert es grundsätzlicher: „Es wäre ein Fehler, in den Phasen mit weniger Kindern Schulen und Kindergärten einfach zu schließen. Sie später vielleicht wieder öffnen zu wollen, ist fast unmöglich."


