Handyverbot an der Schule
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Bildung

Schulen in Europa: War die Digitalisierung ein Fehler?

Schweden sammelt seit dem Schulstart nach den Sommerferien alle Handys ein, Dänemark filtert das Schulnetz, Frankreich verbietet Smartphones am Gymnasium. Weltweit haben 114 Bildungssysteme ein Verbot. Ein Land dreht die pädagogische Digitalisierung komplett zurück.

Seit dem Schulstart 2026/27 gilt in Schweden ein nationales gesetzliches Handyverbot für den gesamten Schultag. Zeitgleich startet Dänemark die handyfreie Folkeskole, in Frankreich greift das Verbot ab September auch an den Gymnasien.

Für die Debatte in Deutschland lohnt eine Unterscheidung. Der Rückzug privater Smartphones aus dem Schulalltag ist europaweit auf dem Vormarsch. Laut UNESCO haben inzwischen 114 Bildungssysteme weltweit ein nationales Handyverbot, das sind 58 Prozent aller Länder. 2023 waren es 24 Prozent. 

Die Korrektur der pädagogischen Digitalisierung selbst, also bei Lehrmitteln, Lehrplänen und Vorschule, findet fast ausschließlich in Schweden statt - in Teilen auch in Dänemark. Zwei der Vorreiter digitaler Lehrmittel. Schweden stieg schon 2009 von gedruckten Schulbüchern auf digitale Tools um. 

Schweden dreht digitale Schule zurück

Die schwedische Regierung stoppte 2023 die nationale Digitalisierungsstrategie der Schulbehörde Skolverket. Vorausgegangen waren kritische Stellungnahmen, unter anderem des Karolinska-Instituts.

Warum die Forschung die Digitalisierungsstrategie kippte

Ausschlaggebend war eine Stellungnahme des Karolinska Institutet, verfasst von fünf Professorinnen und Professoren. Ihr Vorwurf: Die erwarteten positiven Effekte der Strategie seien nicht durch Studien belegt, die Forschung zu negativen Folgen werde ausgeblendet, ein Umsetzungsplan fehle. An einer Stelle stütze sich die Schulbehörde statt auf Forschung auf einen Blogbeitrag.

Für Schulträger ist ein anderes Argument relevanter. Die Gruppe verwies auf eine Untersuchung des Instituts IFAU zur Ausstattung mit je einem Gerät pro Schulkind. Danach verschlechterten sich die Mathematikleistungen und die Übergangsquoten aufs Gymnasium bei Kindern von Eltern mit niedriger Bildung. Kritik kam allerdings auch aus der Gegenrichtung: Die Lehrergewerkschaft Sveriges Lärare bemängelte fehlende Fortbildung, der Arbeitgeberverband Svenskt Näringsliv das völlige Fehlen von Künstlicher Intelligenz in der Strategie.

Geld für gedruckte Lehrbücher, Grenzen für digitale Lehrmittel

Seither fließt Geld gezielt in gedruckte Lehrbücher: 685 Millionen Kronen 2023, 658 Millionen 2024, für 2026 sind 555 Millionen Kronen ausgeschrieben. Hinzu kommt ein Buchzuschuss von rund 500 Millionen Kronen jährlich. Seit dem 1. Juli 2024 definiert das Schulgesetz ein Lehrbuch ausdrücklich als gedrucktes Lehrmittel. Rein digitale Angebote sind nicht förderfähig. Im Lehrplan der Vorschule gilt seit Juli 2025: Für Kinder unter zwei Jahren sollen nur analoge Lernwerkzeuge zum Einsatz kommen. Die frühere Schulministerin Lotta Edholm sprach von einer „unbedachten Digitalisierung der Schule“.

Inhaltsfilter und Handyverbot in Dänemark

Eine breite Mehrheit im dänischen Folketing beschloss am 30. September 2025 die handyfreie Folkeskole ab diesem Schuljahr. Die Schulvorstände müssen jeweils eine lokale Regelung fassen. Neu ist zudem eine Pflicht zu Inhaltsfiltern im Schulnetz, die Spiele, Streaming, soziale Medien und Glücksspiel blockieren. 

Norwegen verzichtete auf ein Gesetz. Das Bildungsdirektorat sprach im Februar 2024 lediglich eine nationale Empfehlung aus. Binnen weniger Monate führten 96 Prozent der Grundschulen und 64 Prozent der weiterführenden Schulen Regeln ein. Wissensministerin Kari Nessa Nordtun begründete das so: „Das Mobiltelefon hat keinen natürlichen Platz im norwegischen Schulalltag.“ Finnland änderte das Grundbildungsgesetz zum 1. August 2025. Die Nutzung im Unterricht ist verboten, Ausnahmen gelten für Lernzwecke und Gesundheit.

Frankreich setzt auf Gesetz, die Niederlande auf Vereinbarung

Frankreich verbot Handys bereits 2018, in der Praxis blieb das oft folgenlos. Das Pilotprojekt „pause numérique“ mit physischer Abgabe der Geräte erreichte über 32.000 Schulkinder. Im Juli 2026 nahm das Parlament ein Gesetz an, das soziale Medien unter 15 Jahren verbietet und Handys auch am Lycée untersagt.

Die Niederlande wählten ein anderes Modell: eine ausgehandelte Vereinbarung zwischen Ministerium, Lehrkräften, Schulleitungen, Eltern und Schülervertretung. Eine Evaluation zeigt breite Zustimmung und kaum Durchsetzungsprobleme. Als Schlupfloch erweisen sich Smartwatches.

Was das Handyverbot für Schulträger in Deutschland bedeutet

Ein bundesweites Verbot gibt es nicht, die Kultusministerkonferenz lehnte es im Mai 2025 ab. Landesgesetzliche Verbote bestehen unter anderem in Hessen, Bremen, Schleswig-Holstein, Thüringen und Sachsen. Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen verpflichten die Schulen lediglich, selbst Regeln zu setzen. 

Warum die Wende kam, und was daraus folgt

Auslöser der Wende war kein einzelnes Ereignis. PISA 2022 und IGLU 2021 zeigten schwache Lesekompetenzen in stark digitalisierten Ländern. Der UNESCO-Weltbildungsbericht 2023 gab der Skepsis weiteres Futter. Schweden ist der Sonderfall, weil dort ab 2009 Lehrbücher großflächig durch Geräte ersetzt wurden und digitale Werkzeuge 2019 sogar in der Vorschule verpflichtend waren.

Für Schulträger in Deutschland heißt das: Wer Geräte beschafft, ohne den pädagogischen Nutzen zu belegen und den Betrieb zu sichern, riskiert genau die Rolle rückwärts, die Schweden vollzieht. Die europäische Debatte verläuft entlang zweier getrennter Fragen. Beim privaten Handy ist sie so gut wie entschieden. Bei den Lehrmitteln fängt sie gerade erst an.