Bauweise der Zukunft
Bauen für wechselnden Bedarf
Für Kommunen entsteht daraus ein Planungsproblem: Gebäude, die heute dringend benötigt werden, könnten in einigen Jahren für ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr gebraucht werden. In Ludwigshafen versucht man deshalb, bereits beim Neubau mögliche spätere Nutzungen mitzudenken.
Die Stadt benötigt derzeit zusätzliche Kita-Plätze und plant drei neue Kindertagesstätten. Dafür hat die städtische Bauprojektgesellschaft mbH (BPG) das Konzept „FlexiKitaLU“ entwickelt. Die zweigeschossigen Gebäude werden in modularer Holzbauweise errichtet und haben jeweils eine Gebäudegrundfläche von rund 715 Quadratmetern.
Entscheidend ist dabei nicht allein, dass die Kitas vergleichsweise schnell gebaut werden können. Die Gebäude sollen so angelegt sein, dass die Kommune sie später auch anders nutzen kann.
Was aus einer Kita später werden könnte
Denkbar sind beispielsweise eine Begegnungsstätte, eine Bildungseinrichtung oder Räume für die Ganztagsbetreuung von Grundschulkindern. Selbst eine Nutzung durch die Verwaltung ist nach Angaben von Nadine Hainbuch, Geschäftsführerin der BPG, grundsätzlich vorstellbar.
„Theoretisch ist sogar eine Nutzung als Außenstelle des Rathauses gegeben, obwohl wir Büroeinheiten bislang nicht eingeplant haben. Auf jeden Fall können wir – ein wichtiger Bereich – die sanitären Einrichtungen mit relativ wenig Aufwand austauschen und sanitäre Anlagen für Erwachsene einbauen.“
Noch weiter geht eine zweite Möglichkeit: Die Gebäude sollen sich nicht nur umbauen, sondern bei Bedarf auch an einen anderen Ort versetzen lassen. „Ebenso ist es möglich, alle drei Kita-Gebäude komplett an ihrem Standort abzubauen und an anderer Stelle neu aufzubauen“, sagt Hainbuch.

Damit diese Flexibilität später tatsächlich vorhanden ist, muss sie allerdings schon bei der Planung berücksichtigt werden. „Wir haben uns in der Planungsphase auch mit Verantwortlichen aus Kitas zusammengesetzt, bevor wir das letztendliche Konzept beschlossen und ein Generalunternehmen mit der Entwicklung eines Prototypen beauftragt haben. Wir wollten sicher sein, auch wirklich alle Eventualitäten bedacht zu haben“, betont Hainbuch.
Was Kommunen frühzeitig bedenken sollten
Ein Forschungsprojekt des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zu anpassungsfähigen Gebäudestrukturen zeigt, welche Faktoren eine spätere Umnutzung erleichtern können. Entscheidend ist demnach nicht allein die Bauweise. Auch Grundrisse, Raumhöhen, Erschließung, Gebäudetechnik und Tragwerk bestimmen, wie leicht sich ein Gebäude später an neue Anforderungen anpassen lässt.

Für die kommunale Planung lassen sich daraus einige zentrale Punkte ableiten:
- Nachnutzungen mitdenken: Bereits vor dem Bau überlegen, welche anderen Funktionen das Gebäude später übernehmen könnte.
- Grundrisse flexibel halten: Raumzuschnitte möglichst so planen, dass spätere Veränderungen möglich bleiben.
- Raumhöhen und Tageslicht beachten: Was für die erste Nutzung genügt, muss nicht automatisch für eine spätere geeignet sein.
- Erschließung vorausplanen: Treppen, Eingänge und andere Erschließungswege können spätere Nutzungen ermöglichen oder erschweren.
- Gebäudetechnik anpassbar machen: Leitungen und Installationen sollten möglichst zugänglich und veränderbar bleiben.
- Tragwerk und Brandschutz mitdenken: Andere Nutzungen können später andere Anforderungen stellen.
- Rückbau ermöglichen: Wo es sinnvoll ist, sollte bereits bei der Konstruktion bedacht werden, ob Bauteile oder ganze Gebäudeteile später demontiert werden können.
Wenn aus einer Unterkunft eine Schule wird
Dass Gebäude oder Bauteile tatsächlich eine völlig neue Funktion übernehmen können, zeigt ein Beispiel aus Berlin. Für die Schule an der Haveldüne in Spandau wurden 60 Container einer früheren Gemeinschaftsunterkunft in Neukölln demontiert, aufgearbeitet und an ihrem neuen Standort wieder zusammengesetzt.
Entstanden ist ein dreigeschossiges Schulgebäude mit rund 1.300 Quadratmetern Fläche, zwölf Klassenräumen und einem Bereich für Lehrkräfte. Rund 100 zusätzliche Schulplätze wurden damit geschaffen. Im Februar 2024 wurde das Gebäude übergeben.
Die Wiederverwendung erforderte allerdings Planungs- und Anpassungsarbeiten; beim Innenausbau kamen zudem Materialengpässe hinzu. Das Beispiel zeigt damit auch: Eine spätere Umnutzung ist möglich, aber nicht automatisch ohne zusätzlichen Aufwand.
Die ersten Module werden gefertigt
In Ludwigshafen steht dieser Schritt noch weit in der Zukunft. Zunächst werden die Gebäude als Kitas gebraucht. Der Auftrag für das erste Gebäude ist vergeben; es soll einen alten, nicht mehr nutzbaren Containerstandort ersetzen. Die Module werden derzeit gefertigt. Nach rund vier Monaten sollen die ersten davon auf der Baustelle aufgestellt werden.
Im Frühjahr oder Sommer 2027 sollen die ersten Kinder einziehen. Ein Jahr später sollen alle drei geplanten Einrichtungen in Betrieb sein. „Das ist ambitioniert, aber nach unseren bisherigen positiven Erfahrungen durchaus machbar“, sagt Hainbuch.
Das Ludwigshafener Konzept könnte nach ihrer Einschätzung auch für andere Kommunen interessant sein. „Grundsätzlich ist eine Übernahme unseres Konzeptes durch andere Kommunen möglich, ganz besonders wenn die Kommunen ebenfalls in Rheinland-Pfalz liegen und mit den gleichen gesetzlichen Vorgaben arbeiten. Für Kommunen in anderen Bundesländern müssten halt Anpassungen vorgenommen werden. Wir in Ludwigshafen sind von unserer Konzeption jedenfalls sehr überzeugt und wir würden uns freuen, wenn unser Konzept auch anderswo Ressourcen sparen hilft.“
Ob die Gebäude später tatsächlich anders genutzt werden, ist offen. Ludwigshafen schafft aber bereits beim Neubau die Voraussetzungen dafür. Damit bleibt der Kommune Spielraum, wenn sich der Bedarf in den kommenden Jahren verändert.
Hier finden Sie den Leitfaden "Adaptive Gebäudestrukturen zur Erhöhung der Ressourceneffizienz von Geschossbauten im städtischen Raum", herausgegeben vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung.


