Finanzkrise
Kommunen in der Finanzkrise: Kreativ wirtschaften statt aufschieben
Etwa 15.000 Menschen leben in Niedernhausen mit seinen sechs Ortsteilen. Die Gemeinde liegt nur 13 Kilometer von Wiesbaden entfernt. Frankfurt am Main ist per S-Bahn erreichbar. Doch die günstige Lage im Rhein-Main-Gebiet schützt die hessische Kommune nicht vor roten Zahlen. „Selbst wenn Niedernhausen alle tatsächlich verzichtbaren freiwilligen Leistungen streichen würde, bliebe ein Defizit“, schildert Bürgermeisterin Lucie Maier-Frutig die desolate Lage. Die Gemeinde versucht auf mühsame, aber kreative Weise, das Beste aus der Situation zu machen. „Früher hat der Gemeinderat den Zuschuss genehmigt, wenn ein Verein eine Tonanlage brauchte“, erzählt die Bürgermeisterin. „Das ist jetzt gar nicht mehr möglich.“
Eine pfiffige Lösung ermöglicht es, dass sich die Vereine solche Wünsche selbst erfüllen können. Den Sommer über öffnete Freitag und Samstag ein Weinstand auf dem Platz vor dem Rathaus. „Die Hütte hatten wir schon, wir haben sie dann an die Vereine vergeben“, so Maier-Frutig. Ein Winzer habe sie eingerichtet und dazu viel gesponsert, der Bauhof half beim Aufbau. „Wir stellten mit dem Winzer den Wein, die Vereine durften Wasser verkaufen, aber zum Beispiel auch Brezeln und Käse. Und so hat jeder Verein im Schnitt 1000 Euro pro Abend verdient.“

Kommunales Haushaltsdefizit erreicht Rekordhöhe
Fast vier von fünf hessischen Kommunen schlossen das Jahr 2025 mit einem Finanzierungsdefizit ab. Zusammen fehlten ihnen 2,4 Milliarden Euro. Deutschlandweit vergrößerte sich das Finanzloch der Städte, Gemeinden und Landkreise auf 31,9 Milliarden Euro – ein neuer Negativrekord. In der ersten Hälfte dieses Jahres fehlten 20,1 Milliarden Euro in den kommunalen Haushalten, so viel wie noch nie.
Niedernhausen spart bei Personal und Verwaltung
Wichtige Stellschraube beim Sparen in Niedernhausen ist die Verwaltung. „Beim Personal hatten wir eine Lohnkostensteigerung von 35 Prozent in den letzten fünf Jahren“, beklagt die Bürgermeisterin. Auch das ist für sie eine vom Bund übertragene Aufgabe, denn die Gemeinden entscheiden nicht über den Tarifvertrag. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen. Wird eine Stelle frei, prüft die Verwaltung deshalb, ob Aufgaben anders verteilt oder extern vergeben werden können. Auch in der IT beschäftigt Niedernhausen eine Person weniger. Ein Fachmann bleibt im Rathaus, zusätzlich setzt die Gemeinde auf externe Beratung. Anwendungen wurden gebündelt, Verträge geändert und Lizenzen überprüft. „Die Veränderungen machen sich noch nicht in diesem Haushalt, aber in den Folgejahren mit rund 100.000 Euro jährlich bemerkbar“, so die Bürgermeisterin. „Aber auch Kleinvieh macht Mist - deshalb überprüfen wir jedes Einzelbudget - es macht aber auch unfassbar viel Arbeit.“

Auch Kleinvieh macht Mist - deshalb
überprüfen wir jedes Einzelbudget.“
Digitale Lösungen sollen zusätzlich Arbeitszeit sparen. Die Gremienarbeit läuft papierlos, im Bürgerbüro soll nun möglichst jeder alle Aufgaben erledigen können. Bei Neueinstellungen schaut die Gemeinde genauer auf den Bedarf. „Wenn ich Aufgaben habe, die 30 Stunden bedürfen, stelle ich keine Vollzeitkraft mehr ein.“ Vom Sondervermögen profitiere Niedernhausen mit 4,3 Millionen Euro. „Wir haben aber einen Investitionsstau von rund 50 bis 60 Millionen Euro“, sagt sie. Jahrelang habe man vermieden, die Grundsteuer zu erhöhen. „Im nächsten Jahr wird es nicht mehr anders gehen.“ Das Waldschwimmbad will Maier-Frutig erhalten. Mehr als sechs Millionen Euro seien bereits in dessen Sanierung geflossen. Für sie ist klar: Auch eine sogenannte freiwillige Leistung kann unverzichtbar sein.
Nauheim will investieren, ohne neue Schulden zu machen
Im knapp 11.000 Einwohner großen Nauheim im Kreis Groß-Gerau wird seit Jahren gespart. Bürgermeister Marc Friedrich, der vor seinem Wechsel ins Rathaus im Bankwesen gearbeitet hat, sucht zunächst im eigenen Haus nach Spielräumen. Prozesse und Zuständigkeiten werden überprüft. „Wir kehren erstmal vor unserer eigenen Haustür“, sagt Friedrich. Das zunächst mit 3,8 Millionen Euro angesetzte Defizit im laufenden Haushalt konnte auf 3,2 Millionen Euro gedrückt werden.

Doch jahrelang notwendige Investitionen aufzuschieben, hält der Bürgermeister für den falschen Weg. „Irgendwann wird daraus kein Sparen mehr, sondern wir reden von einem ganz klaren Substanzverlust.“ Aus einer überschaubaren Reparatur könne nach einigen Jahren eine teure Grundsanierung werden. „Man hat die Rechnung ja nur in die Zukunft verschoben und sie wird immer teurer.“ Was heute nicht saniert erde, koste morgen ein Vielfaches.

Die klassische Trennung zwischen Pflichtaufgaben und freiwilligen Leistungen greift zu kurz.“
Etwa 35 Kilometer Straßen müssen unterhalten werden. Statt überall grundlegend zu sanieren, lässt die Gemeinde Schäden gezielt reparieren. Die Investitionen der kommenden Jahre seien so angelegt, dass Nauheim möglichst ohne Kredite auskommt. Dafür setzt die Gemeindeverwaltung die ihr aus dem Hessischen Infrastrukturfördergesetz zugewiesenen rund 3,8 Millionen Euro ein. So könnten wichtige Investitionen finanziert werden, ohne die Verschuldung weiter anwachsen zu lassen. Die klassische Trennung zwischen Pflichtaufgaben und freiwilligen Leistungen greift für Friedrich zu kurz. Rechtlich mag die Unterstützung von Vereinen oder Ehrenamt freiwillig sein, für das Leben in einer Gemeinde ist sie seiner Sicht aber notwendig. „Wer da pauschal kürzt, spart vielleicht kurzfristig Geld“, sagt er, „verliert langfristig aber den Zusammenhalt, das Engagement und die Lebensqualität im Ort.“
Eschenburg: Mit „Verband 4.0“ Investitionen finanzieren
Von seinem Konzept ist Götz Konrad überzeugt. Der Bürgermeister von Eschenburg im Lahn-Dill-Kreis hat sich intensiv damit beschäftigt, wie seine rund 10.000 Einwohner große Gemeinde trotz knapper Kassen weiter investieren kann. Herausgekommen ist ein Modell, das er „Verband 4.0“ nennt und das er mit großer Begeisterung erklärt. Wie es funktioniert, macht er am gemeinsamen Schwimmbad mit der Nachbarkommune fest. Über ein mehrjähriges Bauprogramm legen beide Gemeinden fest, welche Maßnahmen anstehen und wievielt sie dafür bereitstellen. Was nicht an Zuschüssen von außen kommt, bringen für dieses Bauprogramm die beiden Mitgliedsgemeinden des Zweckverbands als interne Zuweisungen auf. „Es ist wie 100 Prozent Zuschuss, nur ohne Warten“, sagt Konrad und spricht von „Echtzeitfinanzierung“. Das Geld soll möglichst dann vorhanden sein, wenn gebaut wird. „Wir können nicht so wie früher immer alles auf Pump finanzieren“, sagt Konrad.

Wir setzen auf
Echtzeitfinanzierung.“
Sonderposten entlasten den Haushalt
Eine wichtige Rolle spiele die sogenannte Sonderposten-Auflösung. Werden Investitionen durch Zuschüsse von außen, interne Zuweisungen der Mitgliedsgemeinden und Beiträge der Bürger mitfinanziert, erscheinen diese Mittel in der Bilanz als Sonderposten. Über die Nutzungsdauer werden sie mit einem jährlichen Bruchteil als Ertrag verbucht und stehen den Abschreibungen gegenüber. „Wir lösen nichts auf. Wir lösen ein Problem, nämlich die Abschreibung“, betont er.

neue Kläranlage für „Abwasser 4.0“.
Für das Jahr 2026 sind rund 726.000 Euro aus solchen Sonderposten eingeplant. Die geplante Erneuerung der Kläranlage ist mit rund 44 Millionen Euro veranschlagt, auf Eschenburg entfallen etwa 23,8 Millionen Euro. Die Gemeinde setzt auch hier auf Beiträge. Er wirbt dafür bei den Bürgern für Verständnis. „Das Geld hat niemand zuhause herumliegen, aber nur bei Beiträgen ermöglicht das Gesetz Ratenzahlung, Stundung und den Abzug von 33 Prozent für die Straßenentwässerung“, erläutert Konrad. Dass Eschenburg allein mit dem Konzept seine Finanzprobleme gelöst bekommt, behauptet Konrad nicht. Aber er glaubt fest daran, dass eine Kommune mehr selbst gestalten kann, als es angesichts leerer Kassen manchmal scheint. Auch wenn er die Bürgerinnen und Bürger wie beim Straßenausbau kräftig mitzahlen lässt, so ist er doch wiedergewählt worden. Sogar dreimal bisher.
Die drei Gemeinden im Überblick
- Niedernhausen: 15.000 Einwohner, voraussichtliches Defizit 2026: 2,7 Mio. Euro
- Nauheim: 11.000 Einwohner, voraussichtliches Defizit 2026: 3,2 Mio. Euro
- Eschenburg: 10.000 Einwohner, voraussichtliches Defizit 2026: 2,9 Mio. Euro
Zahlen und Fakten: Wo Kommunen sparen
- Häufigste Sparfelder: Stellen nicht nachbesetzen, freiwillige Leistungen kürzen, laufende Kosten reduzieren, Aufgaben und Standards überprüfen, Investitionen verschieben
- 100 Milliarden Euro: Diese Marke könnten die kommunalen Ausgaben für soziale Leistungen 2028 überschreiten. 2016 betrugen die Sozialausgaben 59,3 Milliarden Euro. (Quelle: Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände, Finanzprognose 2026-2029, Juni 2026/Destatis)
- 44 Prozent der Kommunen bewerten ihre Finanzlage als mangelhaft. (Quelle: KfW-Kommunalpanel 2026)
- 2.550 Euro je Einwohner betrugen die kommunalen Schulden Ende 2025. (Quelle: Destatis)
- 231,2 Milliarden Euro umfasst der geschätzte kommunale Investitionsrückstand. (Quelle: KfW-Kommunalpanel 2026)

