Städte in Not
Monheim: Erst Steuerparadies, jetzt drohen 1,8 Milliarden Euro Schulden
Monheim am Rhein war einmal der Traum vieler Bürgermeister. Während anderswo über Steuererhöhungen, kaputte Schulen und leere Haushaltskassen gestritten wurde, schien die Stadt zwischen Düsseldorf und Köln das Rezept für kommunalen Wohlstand gefunden zu haben. Die Gewerbesteuer wurde drastisch gesenkt, Unternehmen siedelten sich an, die Einnahmen sprudelten. Monheim konnte sich Dinge leisten, von denen andere Städte nur träumten.
Kostenlose Kindergärten, kostenloser Nahverkehr, großzügige Investitionen in Bildung, Kultur und Stadtentwicklung. Geld war lange nicht das Problem.
Heute sieht die Welt anders aus. Auch das einstige Steuerparadies muss einen drastischen Sparkurs einschlagen. Der Haushaltsentwurf für 2027 sieht ein Defizit von 138,6 Millionen Euro vor. Bis 2029 könnte das gesamte bilanzielle Eigenkapital aufgebraucht sein. Und für 2030 rechnet die Stadt bereits mit rund 1,8 Milliarden Euro an Krediten.
Die Rechnung für die goldenen Jahre kommt jetzt. Und sie fällt deutlich höher aus als erwartet.
Monheim am Rhein: 138,6 Millionen Euro Defizit im Haushalt 2027
Die Zahlen, die Bürgermeisterin Sonja Wienecke und Kämmerin Nina Richter dem Stadtrat am 14. Oktober 2026 präsentierten, haben es in sich.
Für 2027 kalkuliert Monheim mit rund 305 Millionen Euro laufenden Erträgen. Dem stehen etwa 410 Millionen Euro laufende Aufwendungen gegenüber. Unter Berücksichtigung des Finanzergebnisses und einer pauschalen Einsparvorgabe ergibt sich ein Jahresdefizit von 138,6 Millionen Euro.
Es ist kein einmaliger Ausrutscher. Die Stadt kämpft seit Jahren mit erheblichen Fehlbeträgen. Seit Juni 2026 gilt eine Haushaltssperre, die wegen der angespannten Finanzlage aufrechterhalten wird.
Besonders dramatisch ist der Blick auf die kommenden Jahre. Nach der aktuellen Planung könnte Monheim erst 2034 wieder einen ausgeglichenen Haushalt erreichen.
Damit steht eine Stadt, die einst bundesweit als Vorbild für erfolgreiche kommunale Steuerpolitik gefeiert wurde, vor einer jahrelangen finanziellen Sanierung.
1,8 Milliarden Euro Schulden: Wie schlimm ist die Finanzkrise in Monheim?
Die langfristige Finanzplanung zeichnet ein düsteres Bild.
Bereits 2029 könnten die aufgelaufenen Verluste das bilanzielle Eigenkapital vollständig aufgezehrt haben. Für 2030 prognostiziert die Kämmerei einen Kreditbestand von rund 1,8 Milliarden Euro. Darin enthalten sind sowohl Kredite für Investitionen als auch solche zur Sicherung der laufenden Zahlungsfähigkeit.
Hinzu kommen voraussichtlich rund 55 Millionen Euro Zinsaufwendungen pro Jahr.
55 Millionen Euro, die nicht in Straßen, Schulen, Kindergärten oder andere kommunale Leistungen fließen können. Sondern allein dafür benötigt werden, die aufgenommenen Kredite zu finanzieren.
Noch handelt es sich um Prognosen und nicht um einen bereits erreichten Schuldenstand. Doch die Entwicklung zeigt, wie wenig finanziellen Spielraum die Stadt inzwischen besitzt.
Die Kämmerin warnt ausdrücklich davor, die Situation zu unterschätzen. Eine bilanzielle Überschuldung bedeutet in Nordrhein-Westfalen zwar nicht automatisch, dass eine Kommune in einen Nothaushalt fällt. Entscheidend sind unter anderem die Genehmigung des Haushalts und des Haushaltssicherungskonzepts durch die Kommunalaufsicht.
Eine Entwarnung ist das allerdings nicht.
Wie Monheim mit niedriger Gewerbesteuer zum Steuerparadies wurde
Um den Absturz zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück.
2012 begann Monheim unter dem damaligen Bürgermeister Daniel Zimmermann mit einer ungewöhnlichen Steuerstrategie. Der Gewerbesteuer-Hebesatz wurde von 435 auf 300 Prozentpunkte gesenkt. Weitere Schritte folgten. Seit 2018 lag der Satz bei nur noch 250 Prozent.
Die Idee war einfach: Lieber einen kleineren Anteil von sehr viel mehr Gewerbe einnehmen, als mit hohen Steuersätzen Unternehmen abzuschrecken.
Die Rechnung ging zunächst auf.
Zahlreiche Firmen entschieden sich für Monheim als Standort. Die Gewerbesteuereinnahmen stiegen zeitweise auf mehr als 300 Millionen Euro jährlich. Die Stadt konnte Schulden abbauen, Rücklagen bilden und erhebliche Summen investieren.
Nach Angaben des früheren Bürgermeisters nahm Monheim seit Beginn der Steuerstrategie rund 3,16 Milliarden Euro Gewerbesteuer ein. Davon flossen etwa 2,36 Milliarden Euro über Umlagen an Kreis, Land und Bund. Rund 800 Millionen Euro verblieben in der Stadt.
Das ist ein wichtiger Punkt: Die niedrige Gewerbesteuer war zunächst kein finanzieller Fehlschlag. Sie brachte Monheim erhebliche Einnahmen und machte die Stadt über Jahre deutlich leistungsfähiger.
Doch das Erfolgsmodell hatte eine Schwachstelle. Es funktionierte nur dauerhaft, solange genügend Gewerbesteuer floss, um die wachsenden Ausgaben zu finanzieren.
Warum die Gewerbesteuer plötzlich nicht mehr reicht
Die Gewerbesteuer gehört zu den wichtigsten Einnahmequellen deutscher Städte und Gemeinden. Gleichzeitig ist sie eine der unberechenbarsten.
Verdienen große Unternehmen viel Geld, profitieren die Kommunen. Brechen Gewinne weg oder entstehen steuerliche Verluste, kann eine Finanzplanung schnell Makulatur werden.
Genau dieses Risiko wurde in Monheim sichtbar.
Für 2026 hatte die Stadt rund 140 Millionen Euro Gewerbesteuer eingeplant. Inzwischen rechnet sie nur noch mit etwa 120 Millionen Euro. Für 2027 sind im neuen Haushaltsentwurf 133 Millionen Euro angesetzt.
Noch im Oktober 2025 hatte die damalige Stadtspitze für 2027 mit 160 Millionen Euro gerechnet.
Die Erwartungen sind also innerhalb eines Jahres um 27 Millionen Euro gesunken.
Gleichzeitig bleiben zahlreiche Ausgaben bestehen. Mitarbeiter müssen bezahlt, Einrichtungen unterhalten, Verträge erfüllt und Kredite bedient werden.
Besonders bitter: Die Stadt muss 2027 voraussichtlich rund 120 Millionen Euro Kreisumlage zahlen. Dabei wirken hohe Gewerbesteuernachzahlungen aus dem Jahr 2025 zeitversetzt nach. Einnahmen der Vergangenheit führen somit noch zu Belastungen, während die aktuellen Steuereinnahmen längst niedriger ausfallen.
Die Gewerbesteuer ist in Monheim im Vergleich zu vielen anderen Städten noch immer hoch. Für den aufgebauten Ausgabenapparat reicht sie aber nicht mehr.
Kulturraffinerie für 166 Millionen Euro: Hat Monheim zu großzügig investiert?
Monheim investierte seinen Reichtum nicht nur in klassische kommunale Aufgaben. Die Stadt verwirklichte auch ehrgeizige Großprojekte.
Ein besonders auffälliges Beispiel ist die Kulturraffinerie K714. Die ehemalige industrielle Fassabfüllanlage am Rhein wurde zu einem großen Kultur- und Veranstaltungszentrum umgebaut. Anfang September 2026 wurde sie eröffnet.
Die Baukosten belaufen sich nach Angaben der Stadt auf rund 166 Millionen Euro.
Ein beeindruckendes Projekt, das die Stadt kulturell aufwerten soll. Aber auch ein Beispiel dafür, dass Investitionen nicht mit der Fertigstellung enden. Große Gebäude benötigen Personal, Energie, Instandhaltung und häufig laufende Zuschüsse.
Hinzu kommen weitere kostspielige Vorhaben.
Bei der sogenannten Mack-Pyramide waren nach Darstellung der neuen Bürgermeisterin rund fünf Millionen Euro für die Gebäudetechnik in früheren Kalkulationen nicht berücksichtigt worden. Das Projekt ist durch bestehende Verpflichtungen bereits weitgehend gebunden.
Ein anderes Vorhaben, das sogenannte Blaue Band, wurde dagegen gestoppt. Nach Berechnungen der Stadt werden dadurch trotz Ausstiegskosten rund neun Millionen Euro an künftigen Aufwendungen vermieden.
Die neue Stadtspitze macht deutlich, dass frühere Investitionsentscheidungen die heutigen Handlungsmöglichkeiten erheblich einschränken.
Dabei wäre es zu einfach, sämtliche Finanzprobleme einzelnen Prestigeprojekten zuzuschreiben. Monheim hat auch in Schulen, Infrastruktur und die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts investiert.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, was ein Projekt beim Bau kostet. Sondern auch, welche Verpflichtungen eine Stadt damit für die kommenden Jahrzehnte übernimmt.
Kita-Gebühren ab 2027: Jetzt sollen Familien wieder zahlen
Für viele Monheimer dürfte die finanzielle Krise bald ganz persönlich spürbar werden.
Seit dem 1. Januar 2014 verzichtet die Stadt auf Elternbeiträge für die Kinderbetreuung. Das war eines der bekanntesten Versprechen des Monheimer Erfolgsmodells.
Damit könnte bald Schluss sein.
Der Haushaltsentwurf sieht vor, ab August 2027 wieder Elternbeiträge für Kindertagesstätten, Kindertagespflege und den offenen Ganztag an Grundschulen einzuführen.
Die konkrete Höhe der Gebühren ist noch offen. Sie soll in entsprechenden Satzungen geregelt werden. Dabei müssen die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Familien und soziale Gesichtspunkte berücksichtigt werden.
Beschlossen ist die Wiedereinführung also noch nicht. Aber dass eine Stadt, die einst stolz mit kostenfreier Kinderbetreuung warb, nun über neue Elternbeiträge nachdenkt, zeigt das Ausmaß der finanziellen Probleme.
Bürgermeisterin Wienecke hatte im Wahlkampf angekündigt, auf Kita-Gebühren verzichten und die Grundsteuer B senken zu wollen. Beide Versprechen kann sie nach eigener Aussage angesichts der Haushaltslage vorerst nicht einlösen.
Stadtfeste, Musikschule, Verwaltung: Hier will Monheim sparen
Die geplanten Kita-Gebühren sind nur ein Teil der Konsolidierung.
Monheim muss nach dem aktuellen Haushaltssicherungskonzept 2027 eine Entlastung von rund 19,5 Millionen Euro erreichen. Bis 2030 sollen die jährlichen Verbesserungen auf etwa 32 Millionen Euro steigen.
Gespart werden soll unter anderem bei Musikschule, Kunstschule und Volkshochschule. Auch freiwillige Zuschüsse und die Grünpflege stehen auf dem Prüfstand.
Stadtfest, Frühlingsfest, Martinsmarkt und Weihnachtsmarkt sollen künftig in kleinerem Umfang stattfinden.
Besonders deutlich wird der Spardruck in der Verwaltung. Bei den Personalaufwendungen sollen 2027 drei Millionen Euro eingespart werden. Bis 2030 steigt das jährliche Einsparziel auf zwölf Millionen Euro. Dafür müssen Aufgaben, Abläufe und Verwaltungsstrukturen überprüft werden.
Zusätzliche Einnahmen sollen eine Zweitwohnungssteuer und möglicherweise eine Übernachtungssteuer bringen.
Wichtige Schulbauprojekte sollen dagegen weiterlaufen. Auch grundlegende Angebote für Kinder und Familien will die Stadt erhalten, allerdings teilweise in reduziertem Umfang.
Die Botschaft ist klar: Monheim muss sich künftig stärker darauf konzentrieren, was notwendig ist, statt alles zu finanzieren, was wünschenswert erscheint.
Monheims Schulden: Wer trägt die Verantwortung?
Politisch ist die Entwicklung besonders brisant.
Der langjährige Bürgermeister Daniel Zimmermann und seine lokale Partei PETO hatten das Monheimer Modell über Jahre geprägt. Die Steuersenkungen, der Ausbau städtischer Leistungen und zahlreiche Großprojekte waren zentrale Bestandteile dieser Politik.
Die frühere Stadtspitze verwies immer wieder auf die wirtschaftlichen Erfolge. Tatsächlich brachte die Ansiedlung von Unternehmen hohe Einnahmen, zusätzliche Arbeitsplätze und erhebliche Investitionen in die Infrastruktur.
PETO argumentierte zudem, dass vor allem die Verluste großer Gewerbesteuerzahler die Haushaltsprobleme ausgelöst hätten. Die geschaffenen Vermögenswerte und Rücklagen seien eine wichtige Grundlage, um die Krise zu überwinden.
Die neue Bürgermeisterin Sonja Wienecke, seit November 2025 im Amt, bewertet die Situation deutlich kritischer. Sie verweist auf langfristige Verpflichtungen aus früheren Entscheidungen, unvollständig berücksichtigte Projektkosten und zu optimistische Einnahmeerwartungen.
Damit stehen sich zwei unterschiedliche Sichtweisen gegenüber.
Die eine betont den Erfolg einer mutigen Steuer- und Investitionspolitik. Die andere warnt vor einem Ausgabenniveau, das auf Dauer nicht mehr finanzierbar ist.
Beide Perspektiven enthalten einen wichtigen Teil der Monheimer Geschichte.
Was andere Städte aus der Finanzkrise in Monheim lernen können
Monheim ist mehr als ein lokaler Haushaltsfall. Die Stadt liefert ein Lehrstück für Bürgermeister und Kämmerer in ganz Deutschland.
Die Entwicklung zeigt zunächst, dass niedrige Gewerbesteuersätze wirtschaftlich erfolgreich sein können. Monheim zog Unternehmen an, erzielte hohe Einnahmen und schuf zusätzliche Standortvorteile.
Sie zeigt aber ebenso, dass hohe Steuereinnahmen nicht automatisch einen dauerhaft gesunden Haushalt garantieren.
Besonders riskant wird es, wenn schwankende Einnahmen zur Finanzierung immer neuer, langfristiger Verpflichtungen verwendet werden. Dann reichen wenige schlechte Jahre, um aus einem komfortablen finanziellen Spielraum eine ernsthafte Haushaltskrise zu machen.
Ein einmaliges Steuerhoch ist eben noch keine dauerhafte Einnahmequelle.
Und eine Kommune, die sich in guten Jahren nahezu alles leisten kann, muss trotzdem beantworten können, was sie in schlechten Jahren noch bezahlen will.
Genau darum geht es jetzt in Monheim.
Die Stadt will an ihrer Gewerbesteuerstrategie festhalten, weiterhin Unternehmen gewinnen und bestehende Betriebe am Standort halten. Zugleich soll sie ihre Ausgaben dauerhaft reduzieren.
Ob das gelingt, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aber steht schon jetzt fest: Eine niedrige Steuer macht eine Stadt nicht arm. Ein dauerhaft zu hoher Ausgabenapparat kann es sehr wohl.
Häufige Fragen zu Monheims Schulden und dem Haushalt 2027
Wie hoch sind die Schulden von Monheim am Rhein?
Nach der aktuellen Haushaltsplanung könnten die Kredite der Stadt bis 2030 auf rund 1,8 Milliarden Euro steigen. Diese Summe ist eine Prognose und nicht der bereits erreichte Schuldenstand. Sie umfasst Investitionskredite und Kredite zur Sicherung der laufenden Zahlungsfähigkeit.
Warum hat Monheim so hohe Schulden?
Als wesentliche Ursachen gelten gesunkene Gewerbesteuereinnahmen, hohe laufende Ausgaben, langfristige Verpflichtungen aus Investitionen sowie steigende Zinsen und Umlagen. Besonders problematisch ist, dass die Einnahmen stark schwanken, zahlreiche Ausgaben aber dauerhaft bestehen bleiben.
Kommen die Kita-Gebühren in Monheim zurück?
Die Stadtverwaltung schlägt vor, ab August 2027 wieder Elternbeiträge für Kitas, Kindertagespflege und den offenen Ganztag einzuführen. Die Entscheidung und die konkrete Ausgestaltung stehen noch aus.
Ist Monheim am Rhein pleite?
Nein. Die Stadt ist nicht zahlungsunfähig. Allerdings befindet sie sich in einer ernsthaften Haushaltskrise und muss ein Haushaltssicherungskonzept umsetzen. Für 2029 droht nach der aktuellen Planung eine bilanzielle Überschuldung.
Wann ist Monheims Haushalt wieder ausgeglichen?
Nach der aktuellen Finanzplanung könnte ein Haushaltsausgleich frühestens 2034 gelingen. Ob diese Prognose erreicht wird, hängt insbesondere von den Gewerbesteuereinnahmen und dem Erfolg der Sparmaßnahmen ab.



