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Studie

Jugend glaubt an Zukunft, aber nicht an die Politik

Junge Menschen blicken erstaunlich zuversichtlich nach vorn – und glauben an Leistung, Familie und Wohneigentum. Gleichzeitig schwindet ihr Vertrauen in Politik und Wirtschaft. Zukunftsforscher Daniel Dettling erklärt, warum jetzt auch die Kommunen gefragt sind.

In unserem Land wächst eine neue Generation heran. Ihr Markenzeichen ist eine erstaunliche Stille und Zuversicht. Junge Menschen im Alter von 16 bis 24 Jahren sind überwiegend optimistisch und leistungsorientiert, legen Wert auf Lebensqualität, Familie, gesundes Essen und beruflichen Erfolg, so eine neue Studie und Befragung. Zwei Drittel der jungen Menschen glauben an eine bessere persönliche Zukunft durch Leistung und Anstrengung. Der Wunsch nach Wohneigentum und Leben auf dem Land ist hoch.

Jugend politisch stark interessiert

Das politische Interesse junger Menschen ist so stark wie lange nicht. Obwohl die Zustimmung zur Demokratie des Grundgesetzes sehr groß ist, ist aber nur noch die Hälfte der jungen Menschen zufrieden mit der politisch praktizierten Politik. Das Vertrauen in Politik und Wirtschaft ist auf einem Tiefstand: Nur jeder dritte junge Mensch hat großes Vertrauen in die Bundesregierung, nur jeder Vierte in die Unternehmen und nur acht Prozent vertrauen den sozialen Medien. Ein deutlicheres Misstrauensvotum der Jugend gegenüber dem Status Quo hat es lange nicht mehr gegeben. 

Vertrauen in Politik auf dem Tiefstand

Das politische Interesse ist auf einem Höchststand, das Vertrauen in die Politik auf einem Tiefstand. Kinder und Jugendliche wachsen heute in einer Zeit multipler Krisen auf. Die Bevölkerung wird älter und weniger, das Wirtschaftswachstum geht seit Jahren kontinuierlich zurück, kulturelle Konflikte nehmen zu. Junge Menschen haben der Befragung zufolge große Sorgen vor Krieg, Krisen und Altersarmut. Es ist eine Generation, die Sicherheit, Orientierung und Vertrauen sucht und sich von der Politik weitgehend vergessen fühlt. Die größte materielle Sorge der jungen Generation ist die Armut im Alter. 

Noch sprechen für ein Leben in Deutschland aus Sicht der jungen Deutschen das Grundgesetz, der Rechtsstaat, das Gesundheitssystem und beitragsfreie Bildung. Das, was für junge Menschen heute zählt, ist, was sie unmittelbar selbst beeinflussen können: Das Leben genießen, Zeit mit Partner und Familie, gesunde Ernährung, Erfolg im Beruf und ein hoher Lebensstandard. Der Kinderwunsch ist hoch, fast alle wollen später im Wohneigentum leben. 

Grafik Jugend in Deutschland

Und doch steht Deutschland vor einem Kipp-Punkt wie 1989. Wie und wo kann neues Vertrauen in die politischen Institutionen, allen voran Parteien und Regierungen, und in die Wirtschaft entstehen? Wenn das Gefühl dominiert, dass dem Land wenig an der Jugend liegt, wächst die Gefahr einer stillen Flucht, die sich als Auswanderung zeigt oder als Rückzug ins Private. Nach der zu Beginn des Jahres veröffentlichten Trendstudie „Jugend in Deutschland“ können sich 41 Prozent der jungen Menschen vorstellen, im Ausland zu leben. Jeder Fünfte hat konkrete Abwanderungspläne.

Ökonom Kolv warnt vor "Kipp-Punkt"

Der Ökonom und Leiter des Ludwig-Erhard-Forums, Stefan Kolev, warnt vor einem „Kipp-Punkt“, so heftig wie der Strukturbruch von 1989. Ab- und Zuwanderungsstatistiken zeigen, dass mehr Menschen aus Deutschland wieder nach Bulgarien zurückkehren als nach Deutschland kommen, so der gebürtige Bulgare, der in den 90er-Jahren nach Deutschland auswanderte. Bulgarien sei zwar immer noch ärmer, dafür wachse die Wirtschaft wesentlich dynamischer als die deutsche. 

Kolev, der soeben sein neues Buch „Wohlstand für Junge“ veröffentlicht hat, fordert einen besseren, effektiveren Staat (mehr Leistung bei Infrastruktur und Bildung bei gleichzeitiger Entlastung durch weniger Abgaben und Bürokratie) und eine Rückkehr zu wirtschaftlicher Dynamik. Seine These und Botschaft: Nur wenn „Wohlstand für Junge“ wieder ein glaubhaftes Versprechen wird, kann auch der „Wohlstand für Alle“ dauerhaft gesichert werden. Aus Sicht junger Menschen gehören dazu eine Bildungs­offensive in Schulen und Hochschulen, ein resilienter Staat, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Wohneigentum.  Jetzt muss die Politik in Bund, Ländern und Kommunen ein Signal für mehr Zuversicht geben, ein klares Zeichen, dass das Aufstiegsversprechen auch in Zukunft gilt. Angeblich schreibt Bundeskanzler Friedrich Merz an einem neuen Buch. „Wohlstand für die Jugend“ soll es heißen, in Anlehnung an Ludwig Erhards „Wohlstand für Alle“. Die Zeit drängt. Die Reformen bei Rente, Gesundheit, Pflege und Bildung müssen jetzt kommen, wenn der Exodus der Jugend verhindert werden soll. 

Die Trendstudie „Generation Zuversicht“ ist hier erschienen

Dr. Daniel Dettling ist Politikwissenschaftler und Zukunftsforscher