Vorkehrungen
Rathäuser wappnen sich gegen Gewalt
„Im Jugendamt, im Jobcenter oder im Veterinäramt haben verbale Angriffe sehr stark zugenommen“, berichtet die Präsidentin des Brandenburger Landkreistags, die Landrätin der Uckermark, Karina Dörk. Wenn es um den Entzug einer Fahrerlaubnis geht, oder ein Termin beim sozialpsychiatrischen Dienst ansteht, erlebe man „zunehmende Aggressivität“. Der Landkreis reagiere darauf konsequent: „Wir sprechen Hausverbote aus und erstatten Anzeige.“ Doch die Landrätin aus dem äußersten Nordosten Brandenburgs ist Realistin: „Einen Totalschutz wird es nicht geben“, sagt Dörk. „Wir können nur versuchen, das Möglichste zu tun, um unsere Mitarbeiter zu schützen.“ Aber was ist das - „das Möglichste“?
Wedel reagiert auf Gewalt im Rathaus
In Wedel in Schleswig-Holstein hat die Stadt vor einiger Zeit einen Wachschutz beauftragt. „Auslöser für die Entscheidung, einen Sicherheitsdienst zu etablieren, waren die immer häufiger vorkommenden Übergriffe auf Mitarbeiter im Rathaus“, sagt die erste Stadträtin Claudia Friederich. Zuletzt wurde im Januar eine Mitarbeiterin körperlich angegriffen. „Ein weiterer Kunde des Rathauses hat mit einem Baseballschläger das Einwohnermeldeamt betreten, um psychischen Druck auf eine Mitarbeiterin auszuüben.“

Ein Kunde betrat das Rathaus mit einem Baseballschläger."
Da sich solche Vorfälle häuften, fühlten sich die Wedeler Beschäftigten nicht mehr sicher. Es musste gehandelt werden. Rund 40.000 Euro im Jahr kostet der Wachschutz die am Rand von Hamburg gelegene Stadt. Aber er hat sich schon nach kurzer Zeit bewährt: „Die Lage hat sich etwas entspannt“, sagt Henrike Paramin-Priefert, Leiterin des Fachdienstes Ordnung und Einwohnerservice. Durch die Präsenz des Sicherheitsdienstes sei es zu weniger Vorfällen gekommen. Einen körperlichen Angriff habe es nicht mehr gegeben, Drohungen oder Beleidigungen immer noch. „Seit Einführung des Sicherheitsdienstes mussten zwei Personen aus dem Gebäude begleitet und Hausverbote ausgesprochen werden.“ Die Außendienstmitarbeiter haben eine erweiterte persönliche Schutzausrüstung erhalten. In den Verwaltungsgebäuden wurden Alarmsysteme installiert, die es den Mitarbeitern ermöglichen, Hilfe zu rufen, sagt Stadträtin Friederich.
Sicherheitsdienst und Notrufsystem in Lüneburg
Ähnlich ist die Lage in Lüneburg in Niedersachsen. „In Gebäuden mit viel Publikumsverkehr werden zu den Öffnungszeiten Sicherheitsdienste eingesetzt“, sagt Stadtsprecher Stefan Ahrens. „Bei Bedrohungslagen sind sie erste Ansprechpersonen, unterstützen bei der Durchsetzung von Hausverboten und informieren zur Not die Polizei zur Unterstützung.“ Nehmen die Vorkommnisse zu, wird das Sicherheitspersonal verstärkt. „Es gibt in publikumsintensiven Bereichen ein Notrufsystem, das über einen Notrufschalter einen Notruf absetzt“, sagt Ahrens. „Über eine spezielle Rufnummer können Kolleginnen und Kollegen alarmiert werden.“ Derzeit hätten sieben Personen, die durch Gewaltvorfälle auffällig geworden seien, ein Hausverbot für die Liegenschaften der Stadtverwaltung. In allen Verwaltungsgebäuden hängt deutlich sichtbar eine „Grundsatzerklärung gegen Gewalt“ aus. Sie wurde von der Oberbürgermeisterin, den Dezernentinnen und Dezernenten, der Gleichstellungsbeauftragten und dem Personalrat unterzeichnet und definiert Verhaltensweisen, die aus Sicht der Stadt nicht zu tolerieren sind.
Kommunen müssen Beschäftigte schützen
Konkrete Hinweise, wie man sich im Rathaus vor Gewalt schützen kann, finden sich auf der Internetseite der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen zu sicherer Verwaltung. Anhand der Zeichnung eines Rathauses können sich Besucher durch die einzelnen Räume klicken, um zu erfahren, wie man sich vor Alltagsgefahren schützen kann. Auch die Unfallkasse registriert verstärkt Übergriffe auf ihre Versicherten, sagt der Leiter der Hauptabteilung Prävention, Dirk Eßer. Er verweist darauf, dass Arbeitgeber, also auch Kommunen, zum Schutz ihrer Beschäftigten gesetzlich verpflichtet seien. „Grundlegend sollten bauliche Maßnahmen sichere Arbeitsplätze ermöglichen“, rät er.
Deeskalation und Selbstschutz für Verwaltungsmitarbeiter
Arbeitsplätze der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit Kundenkontakt sollten immer mit eigenen Fluchtwegen geplant werden. Gegenstände wie Scheren, Brieföffner oder Bürolocher sollten nicht so auf den Arbeitsplätzen liegen, dass sie von erregten Besuchern gegriffen und als Wurfgeschosse verwendet werden könnten. Eßer rät auch dazu, das eigene Verhalten in den Blick zu nehmen. Die „Handlungskompetenz der Beschäftigten in kritischen Situationen“ sei von wesentlicher Bedeutung, sagt der Präventionsexperte. „Die eigenen Fähigkeiten einer deeskalierenden und gewaltfreien Kommunikation spielen eine wesentliche Rolle, denn eskalieren kann jeder!“ Alle Beschäftigten sollten wissen, wie sie sich aus brenzligen Situationen befreien könnten. Regelmäßige Trainings zur Kommunikation, zum Stressabbau und zum Selbstschutz sollten auch in Kommunen zum Standard gehören.

