Bürgermeister
Eine Hymne auf das Landleben
Luxus misst sich manchmal in Quadratmetern. Bei uns eher in Weite. In Wegen, die am Horizont verschwinden, in Feldern, Wäldern und Dörfern, zwischen denen manchmal mehr Platz liegt, als einem lieb ist. Und doch ist genau diese Weite für mich ein besonderer Luxus.
Es gibt diese frühen Morgen, an denen ich durch die Natur laufe und den Sonnenaufgang erlebe. Noch ist kaum jemand unterwegs, der Tag beginnt gerade erst. Man spürt, wie alles erwacht. Oder ich sitze später am Schreibtisch und höre draußen einen Hahn krähen. Keine spektakulären Momente. Aber vielleicht merkt man gerade dann, wie gut es ist, hier zu leben.
Warum das Landleben für mich so schön ist
Landleben bedeutet für mich vor allem Nähe – obwohl unsere Orte weit auseinanderliegen. Ich treffe heute noch Lehrerinnen, Hortnerinnen oder Erzieherinnen aus meiner eigenen Kindheit. Gleichzeitig erlebe ich, wie aus kleinen Kindern große Kinder und irgendwann Erwachsene werden. Diesen Lauf der Zeit nicht nur zu beobachten, sondern ein Stück weit begleiten zu dürfen, empfinde ich als Privileg. Man sieht, wie Menschen sich entwickeln, Familien wachsen und Generationen verbunden bleiben.
Vielleicht ist ein Dorf deshalb ein bisschen wie eine große Wohngemeinschaft. Nicht, weil immer alle einer Meinung wären. Man kennt die Eigenheiten der anderen, diskutiert, manchmal kracht es auch. Es gibt ausgesprochene und unausgesprochene Regeln: Wie gehen wir miteinander um? Wie sieht der Vorgarten aus? Wie laut darf es wann sein? Was gehört sich – und was eben nicht?
Und dann begegnet man sich doch immer wieder. Im Verein, bei der Feuerwehr, im Kuratorium der Kita, in der Kirche, auf einem Fest oder einfach als Nachbarn und Eltern. Kinder wachsen nicht nur in ihrer Familie auf. Ein ganzes Dorf prägt sie mit. Andere Erwachsene achten mit auf sie, geben Orientierung oder sind einfach da. So entsteht eine Atmosphäre des Zusammenlebens. Nicht immer bequem, nicht immer konfliktfrei, aber verbindlich.
Dazu gehören Rituale. Manche empfindet man vielleicht sogar als lästig. Aber sie sorgen dafür, dass der Kontakt nicht abreißt. Man begegnet sich, tauscht sich aus und merkt, wie es den anderen geht. Dieses Wissen umeinander ist eine der am meisten unterschätzten Qualitäten des Landlebens.

Als ich unsere Mitarbeitenden gefragt habe, was sie hier glücklich macht, waren ihre Antworten ähnlich. Sie nannten das aktive Vereinsleben, Radwege, Wälder und Gewässer, kleine Kitas mit familiärer Atmosphäre, Hofstände mit saisonalen Produkten und vor allem das Gefühl, dass Kinder draußen noch unbeschwert unterwegs sein können. Andere schätzen bezahlbaren Wohnraum oder die Möglichkeit, mit eigenen Ideen etwas mitzugestalten. Das große Glück besteht offenbar aus ziemlich vielen kleinen Dingen.
Ein leicht bewölkter Sommertag, angenehme Temperaturen und ein Freibad, das man fast für sich allein hat, gehört für mich dazu. Dann fühlt sich ein gewöhnlicher Nachmittag plötzlich ein wenig exklusiv an. Oder ein Dorffest, das nicht deshalb schön wird, weil eine Agentur es organisiert, sondern weil Menschen Lust darauf hatten. Jemand stellt Tische auf, jemand backt Kuchen, jemand organisiert Musik, andere kümmern sich um Dekoration oder Kinderprogramm. Mit viel Liebe zum Detail entsteht etwas, das ein Dorf zusammenbringt.

Das Landleben ist nicht bequem und nicht immer idyllisch. Aber es bietet Platz.“
Es sind oft diese einfachen Dinge, die das Leben besonders machen. Mit den Kindern beim Bauern Kartoffeln sammeln, dreckige Hände haben, die Ernte nach Hause bringen und später daraus gemeinsam Kartoffelpuffer machen. An einem Hofstand saisonale Produkte kaufen. Auf dem Rad oder zu Fuß unterwegs sein und eine Landschaft entdecken, bei der man sich fragt, warum man für Erholung eigentlich weit wegfahren sollte.
Besonders an der Elbe, zwischen Kehnert und Schelldorf, gibt es solche Orte. Dort entsteht für einen Moment echtes Urlaubsgefühl. Schon eine Fahrt mit der Fähre hat ihren eigenen, fast maritimen Charme. Gleichzeitig begegnet einem Geschichte nicht nur in Museen. Man kann an manchen Stellen 175 Jahre Industriegeschichte beinahe einatmen. Vieles davon ist gealtert, manches leider verfallen. Dieser morbide Charme kann faszinieren und bedrücken zugleich. Er erinnert daran, was einmal war, und stellt die Frage, was daraus werden kann.
Landleben ist keine Postkartenidylle
Auch der Schlosspark in Tangerhütte ist so ein Ort. Eine Mitarbeiterin beschrieb ihren perfekten Samstagmorgen dort: mit Hund durch den Park, fotografieren, alten Baumbestand, Pavillon, Mausoleum und Teich entdecken, anschließend frische Brötchen holen und entspannt frühstücken. Glück braucht eben nicht immer einen großen Anlass.
Natürlich ist das Landleben keine Postkartenidylle. Die Entfernungen können gewaltig wirken. Wer vier Kinder mit unterschiedlichen Freunden, Hobbys und Terminen hat, verbringt mehr Zeit im Auto, als ihm lieb ist. Das hippe Café gehört bei uns nicht selbstverständlich zum Samstagnachmittag – beim Besuch in Berlin ist es deshalb fest eingeplant. Manche Ortsbilder wirken an einzelnen Stellen eher ernüchternd als romantisch. Und die Shoppingtour findet häufiger online statt als im Einkaufszentrum.

Vielleicht ist das aber Teil der Wahrheit: Man kann das eine mögen, ohne das andere schlechtzureden. Wir mögen die Großstadt und genießen es, dass sie in weniger als einer Stunde erreichbar ist. Wir fahren hin, wenn wir Trubel, Kultur, ein besonderes Café oder Abwechslung wollen. Und anschließend fahren wir wieder nach Hause.
Dort wartet die eigene Terrasse, der unverstellte Blick in die Natur und das Gefühl, Raum zu haben. Für Familien ist vieles einfacher, entspannter und oft auch günstiger. Kinder können sich freier bewegen. Man kann sich zurückziehen und gehört trotzdem zu einem sozialen Geflecht.
Vielleicht ist genau das mein persönliches Verständnis vom Glück auf dem Land: Es ist der perfekte Ort, um aufzuwachen und Beziehungen zu leben. Nicht nur die einfachen. Gerade auch jene, die man manchmal aushalten muss und an denen man wächst. Zu wissen, dass wir einander brauchen, diszipliniert und erdet. Es bereichert das eigene Leben, weil man nicht nur nebeneinander, sondern immer wieder miteinander lebt.
Eine Hymne auf das Landleben darf ruhig ein paar schiefe Töne haben.“
Eine Hymne auf das Landleben darf deshalb ruhig ein paar schiefe Töne haben. Gerade darin liegt seine Schönheit. Es ist nicht perfekt, nicht bequem und nicht immer idyllisch. Aber es bietet etwas, das zunehmend kostbar wird: Platz. Für Kinder. Für Natur. Für Eigenheiten. Für Gemeinschaft. Für Geschichte. Für Streit und Versöhnung. Und manchmal einfach für einen Sonnenaufgang, einen krähenden Hahn oder ein fast leeres Freibad – und das stille Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein.


