Porträt
Der Möglichmacher: Investieren, um zu sparen
Eine Zeit lang war sie eine der am höchsten verschuldeten Kommunen Deutschlands: Gersheim im Saarland, idyllisch gelegen im Bliestal, direkt an der französischen Grenze. Elf Ortsteile und 6.500 Einwohner zählt die mitten in einem Biosphärenreservat gelegene Gemeinde, dafür aber fast kein Gewerbe. Das größte zusammenhängende Wildorchideengebiet Europas und ein archäologischer Park, der quer über die deutsch-französische Grenze verläuft, sind die größten Sehenswürdigkeiten. „Wir sind hier ausgesprochen strukturschwach“, sagt Bürgermeister Michael Clivot.
Wie finanziert eine strukturschwache Gemeinde solche Investitionen?
Als er 2019 sein Amt antrat, war ihm klar: In Gersheim muss sich etwas ändern. „Wir müssen investieren, um zu sparen“, ist Clivots Devise. Dabei strebt der Bürgermeister vor allem Effizienz an. Die Gemeinde besitzt in ihren elf Ortsteilen 57 Gebäude: Schulen, Kindertagesstätten, Feuerwehrgerätehäuser. Früher hatte es niemanden gestört, wenn die Heizung dort ein ganzes Wochenende bullerte. Clivot will, dass Wärmepumpen, Hackschnitzelheizungen und moderne Sensorik in den Gebäuden verbaut werden. Beim Bauhof setzt die Gemeinde mittlerweile auf Elektrofahrzeuge. „Wir müssen sehen, dass wir unsere Betriebskosten senken“, sagt Clivot. Aber wie finanziert eine strukturschwache, hoch verschuldete Gemeinde solche Investitionen? „Fördermittel sind für uns essenziell“, betont er. Denn die kommunale Haushaltsordnung des Saarlands erlaube den Kommunen nur, Überschüsse zu investieren. Dank der hohen Altschulden kommt das für Gersheim aber nicht infrage. Gerade einmal 350.000 Euro aus Emissionskrediten und den Geldern aus dem „Saarlandpakt“ des Landes stehen der Kommune zur Verfügung.

Will man damit möglichst viele Investitionen schaffen, muss aus Sicht von Clivot ein eisernes Prinzip gelten: „Wir können uns nur an Programmen beteiligen, bei denen die Förderquote 90 Prozent oder mehr beträgt.“ Vor zwei Jahren gelang es der Gemeinde, auf diese Weise 5,8 Millionen Euro zu investieren. Um weiter voranzukommen, hat Gersheim mittlerweile eine Mitarbeiterin eingestellt, die sich nur um Förderungen kümmert. „Sie entlastet alle anderen Abteilungen deutlich“, sagt Clivot. „Wer für ein bestimmtes Thema bei uns zuständig ist, soll sich auch um dieses Thema kümmern können und sich nicht permanent mit Förderanträgen herumschlagen.“
Wir beteiligen uns nur an Programmen mit einer Förderquote ab 90 Prozent.“
Gersheim gewinnt an Attraktivität
Der Erfolg gibt dem Bürgermeister recht. Zu den am meisten verschuldeten Orten Deutschlands zählt die Gemeinde im Bliestal nicht mehr. Dank eines Entschuldungsprogramms des Landes konnte sie auch einen Teil der Altschulden loswerden. „Seit Corona beobachten wir auch, wie Menschen wieder zu uns ziehen wollen“, berichtet Clivot. Das Leben auf dem Land sei wieder attraktiv geworden. Selbst einzelne Fachgeschäfte – eine Optikerin etwa, Friseure oder ein Fitnessstudio - siedelten sich wieder an. „Die Menschen wollen einfach nicht mehr alles in der Stadt erledigen und nicht so viel Zeit im Auto verbringen“, beobachtet der Bürgermeister. Das Homeoffice ermögliche es, vor oder nach der Arbeit viel mehr in seinem eigenen Umfeld zu erledigen.

Deshalb gehört der Glasfaserausbau in Gersheim zu den Dingen, die für ihn höchste Priorität hatten. Und auch die Kommune selbst setzt auf die Digitalisierung. „Wir nehmen alle Modellprojekte und Pilotprojekte mit, die es nur gibt, um Ressourceneffizienz zu erreichen“, sagt Clivot. „Dabei geht es – wie bei der Fördermanagerin – nicht darum, Personal abzubauen, sondern darum, dass sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr auf ihre Arbeit fokussieren können.“ Nicht jede Bürotätigkeit müsse zwingend ein Mensch machen. Die Termine im Bürgerbüro werden inzwischen in Gersheim mittlerweile digital vergeben. Die Folge: Eine Mitarbeiterin aus dem Bereich kann die Gemeinde seither für andere Aufgaben einsetzen.
Bürgermeister ist mit Bildungsministerin verheiratet
Der Name Clivot ist im Saarland nicht nur als Name des Gersheimer Bürgermeisters bekannt. Clivot, der in einer deutsch-französischen Familie in Frankreich aufwuchs und zuletzt 20 Jahre als Prokurist in der IT-Branche arbeitete, ist mit der Bildungsministerin des Saarlandes, Christine Streichert-Clivot, verheiratet. Die damalige Staatssekretärin kam ins Ministeramt, als ihr Mann schon zum Bürgermeister gewählt, aber noch nicht vereidigt war.
In dieser Situation haben sich beide entschieden, ihre Karrieren fortzusetzen, sagt Clivot. Mit dem Ergebnis, dass er seine Frau auf Veranstaltungen in Gersheim zuweilen so ankündigt: „Ich begrüße auch die Bildungsministerin des Saarlandes, Christine Streichert-Clivot, wobei – ich habe sie ja heute Morgen schon einmal begrüßt.“ Dann lache der Saal.
Bürgermeister und Ministerin haben teils unterschiedliche Interessen und damit auch konträre Meinungen. „Ich bin Schul- und Kitaträger und muss die Interessen meiner Kommune gegenüber dem Ministerium vertreten“, sagt Clivot. Dass der heimische Küchentisch da nicht frei von Politik bleiben kann, versteht sich fast von selbst. „Aber wir haben einen guten Weg gefunden, damit umzugehen“, sagt Clivot. Wichtig ist ihm vor allem eines: „Wir sind zwei unabhängige Politiker – ich definiere mich nicht über meine Ehefrau und sie nicht über mich.“
Michael Clivot auf TikTok
Das neueste Projekt des Bürgermeisters ist ein TikTok-Kanal. Bei Instagram und bei Facebook ist die Gemeinde schon präsent. „Man muss über das sprechen, was man tut“, sagt Clivot. „und das auch dort, wo die Leute sind.“ Der Bürgermeister macht auch bei Aktionen mit. „Als es damals die Ice-Bucket-Challenge gab, bin ich bei der Eröffnung des Freibads ins kalte Wasser gesprungen“, erinnert sich Clivot. „Heute würde ich mich vielleicht nicht mehr so exponieren.“ Bei TikTok bekäme man jedoch nur Aufmerksamkeit, wenn man den einen oder anderen Trend mitmache.
Die Gemeinde und ihr Bürgermeister wollen aber vor allem sachlich kommunizieren. „Wir haben sehr viel Lob bekommen, weil wir beim Hochwasser 2024 über fünf Tage hinweg über jede kleine Entwicklung informiert haben“, sagt Clivot. „Das erwarten die Leute vom Staat auch.“ Für den Bürgermeister ist das eine Kernaufgabe seines Amts. „Die Bürger bei allen Projekten möglichst mitzunehmen ist das, was staatliche Verantwortung heute ausmacht“, zeigt Clivot.sich überzeugt.

