Während Berlin diskutiert, handeln Bürgermeister und Landräte längst. Arbeitspflicht für Bürgergeldempfänger, Bezahlkarten für Flüchtlinge, harte Sparmaßnahmen: Warum die letzten echten Reformer Deutschlands in den Rathäusern sitzen
Während Berlin diskutiert, handeln Bürgermeister und Landräte längst. Arbeitspflicht für Bürgergeldempfänger, Bezahlkarten für Flüchtlinge, harte Sparmaßnahmen: Warum die letzten echten Reformer Deutschlands in den Rathäusern sitzen
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Die letzten Reformer

Deutschlands Bürgermeister retten den Staat

Während Berlin an sich selbst scheitert, sind Bürgermeister und Landräte mutig. Sie erhöhen Steuern, streichen Leistungen und führen Arbeitspflichten ein, wie etwa für junge Bürgergeldempfänger im Landkreis Nordhausen. „Im Rathaus findet statt, wozu das Kanzleramt längst unfähig ist – zur Reformpolitik, auch gegen Widerstände“, meint Christian Erhardt-Maciejewski.

Der deutsche Staat gleicht inzwischen einem sehr teuren Mittelklassewagen mit Totalschaden im Motorraum. Außen blinkt alles hübsch, innen riecht es nach verschmorter Elektrik. Die Lautsprecher funktionieren noch tadellos, weshalb aus Berlin ununterbrochen Durchhalteparolen dröhnen. Transformation. Zeitenwende. Modernisierung. Nur fährt der Wagen keinen Meter mehr vorwärts.

Denn die Bundespolitik hat sich auf bemerkenswerte Weise von fast jeder Zumutung verabschiedet. Reformen? Zu riskant. Einschnitte? Unpopulär. Strukturveränderungen? Könnten irgendwen verärgern. Also produziert man Arbeitskreise, Gipfel, Kommissionen und Förderprogramme, bis selbst die Bürokratie erschöpft auf dem Flur sitzt und nach einem Kaffee verlangt.

Warum Bürgermeister plötzlich die härtesten Entscheidungen treffen

Ganz anders dort, wo Bürgermeister und Landräte morgens nicht von Lobbyisten geweckt werden, sondern von kaputten Straßen, leeren Kassen und Bürgern, die wissen wollen, warum das Schwimmbad schon wieder schließt.

Nehmen wir den Landkreis Nordhausen in Thüringen. In der aktuellen Ausgabe unseres Magazins erklärt uns Landrat Jendricke, wie er auch gegen Widerstände eine Arbeitspflicht für junge Bürgergeldempfänger eingeführt hat. Kein philosophisches Symposium über soziale Teilhabe. Keine 480 Seiten starke Machbarkeitsstudie mit gendergerechten Balkendiagrammen. Sondern eine schlichte Botschaft: Wer dauerhaft staatliche Leistungen bekommt, soll auch etwas für die Gemeinschaft tun.

Natürlich brach sofort der übliche Empörungstornado los. Menschenrechtsbedenken. Stigmatisierung. Sozialromantik im Endstadium. Aber siehe da: Es funktioniert!

Bezahlkarte für Flüchtlinge: Kommunen handeln, Berlin diskutiert

Ähnlich verhält es sich mit der Bezahlkarte für Flüchtlinge. Jahrelang erklärte uns die Bundespolitik, man könne Fehlanreize leider überhaupt nicht kontrollieren. Das sei alles wahnsinnig kompliziert. Dann kam Deutschlands dienstälteste Landrätin, Martina Schweinsburg, und probierte es einfach aus.

Und es klappte: Bargeldtransfers ins Ausland sanken, Verwaltungsabläufe wurden einfacher, Missbrauch schwieriger.

Grundsteuer-Schock: Kommunen müssen liefern

Besonders faszinierend wird es bei den Finanzen. Denn dort zeigt sich der Unterschied zwischen echter Verantwortung und Berliner Erzählpolitik am brutalsten.

Die kleine Stadt Nideggen in Nordrhein-Westfalen diskutierte im vergangenen Jahr Hebesätze für die Grundsteuer B von weit über 1.200 Prozentpunkten. Am Ende wurden es 991 Punkte. Auch das ist für viele Eigentümer ein Schlag in die Magengrube.

Aber die Debatte zeigt die Wirklichkeit kommunaler Politik: Dort sitzen Menschen, die einen Haushalt genehmigungsfähig bekommen müssen. Keine Sondervermögen. Keine kreativen Schattenhaushalte. Kein „Wumms“. Wenn das Geld fehlt, muss entweder gespart oder erhöht werden.

Und plötzlich wird Politik konkret. Sehr konkret sogar. Dann geht es nicht mehr um Sonntagsreden über gesellschaftlichen Zusammenhalt, sondern um den Eintrittspreis fürs Freibad und den Grundsteuerbescheid im Briefkasten.

Haushaltskrise zwingt Kommunen zu echten Reformen

Leopoldshöhe liefert dafür ein weiteres Beispiel. Die Gemeinde gilt inzwischen als Musterfall für kommunale Haushaltskonsolidierung. Leistungen wurden überprüft, Ausgaben reduziert, Strukturen verschlankt.

Das klingt unerquicklich. Ist es auch. Aber genau darin besteht politische Verantwortung: Prioritäten setzen, statt immer neue Rechnungen an kommende Generationen weiterzureichen.

Man muss diese Entscheidungen nicht alle gut finden. Manche sind hart, manche ungerecht, manche vielleicht sogar falsch. Aber sie haben einen entscheidenden Vorteil: Sie existieren wenigstens.

Während Berlin redet, müssen Rathäuser handeln

Der Bund dagegen hat sich in einen merkwürdigen Ort verwandelt, an dem jede Reform zunächst darauf geprüft wird, ob sie jemandem emotional wehtun könnte. Falls ja, wird ein Förderprogramm aufgelegt. Oder eine Expertenrunde gegründet. Oder ein „Dialogprozess“ gestartet, was meist die höfliche Umschreibung dafür ist, dass gar nichts mehr passiert.

So entsteht eine paradoxe Lage: Je höher die politische Ebene, desto geringer der Mut zur Entscheidung. Ausgerechnet die kleinsten Einheiten des Staates stemmen heute die größten Konflikte.

Die Kommunen entscheiden über Migration, über Sozialleistungen, über innere Sicherheit, über Verkehr, über Gebühren, über Energieversorgung und über das nackte finanzielle Überleben. Dort wird gestritten, gekürzt, erhöht und durchgesetzt. Nicht weil Bürgermeister plötzlich besonders radikale Charaktere wären. Sondern weil sie müssen.

Deutschlands letzte Reformwerkstatt steht im Rathaus

Vielleicht erleben wir deshalb gerade eine stille Machtverschiebung in Deutschland. Die letzte ernsthafte Reformwerkstatt des Landes steht nicht mehr in Berlin, sondern zwischen Bauhof, Bürgeramt und Stadtkasse.

Dort, wo Politik noch Folgen hat. Und wo man abends nicht mit Applaus aus einer Talkshow nach Hause geht, sondern mit Protestbriefen aus der eigenen Nachbarschaft.

Man nennt das Verantwortung. Und darum brauchen Deutschlands Bürgermeister und Landräte endlich mehr Macht – weil sie damit verantwortungsvoll umgehen können.