Die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal - wie Kommunen sich auf Krisen vorbereiten können - 3 Experten im GEspräch
Die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal - wie Kommunen sich auf Krisen vorbereiten können - 3 Experten im GEspräch

Podcast

Katastrophenschutz wird Chefsache

Blackout, Hochwasser, Krieg, Cyberangriff: Die nächste Krise fragt nicht, ob der Haushalt genehmigt ist. Drei kommunale Experten erklären, wie sie vor Ort mit dem Thema umgehen, und warum Bevölkerungsschutz im Rathaus beginnt.

Wenn der Strom ausfällt, das Wasser steigt oder die Sirenen heulen, entscheidet sich nicht in Berlin, ob eine Kommune handlungsfähig bleibt. Dann zählt, ob im Rathaus jemand vorher nachgedacht hat. Wer ruft wen an? Wo steht das Notstromaggregat? Funktioniert es wirklich? Wo sitzen die Helfer? Wo bekommen Bürger Informationen? Und wer hat eigentlich den Schlüssel?

Genau darum geht es in der dritten Folge der KOMMUNAL-Podcastreihe „Wenn die Krise kommt“. Zu Gast sind drei Experten, die Katastrophenschutz aus sehr unterschiedlichen Perspektiven kennen: Professor Frank Friedrich von der Bergischen Universität Wuppertal, Landrat Uwe Fietzek aus der Grafschaft Bentheim und Julia Samtleben, Bürgermeisterin der Gemeinde Stockelsdorf in Schleswig-Holstein.

Ihre gemeinsame Botschaft ist klar: Deutschlands Kommunen sind sensibler geworden für Krisen. Aber sie sind längst noch nicht überall so vorbereitet, wie sie sein müssten. Das Ahrtal, Corona, der Ukraine-Krieg, Hochwasserlagen, Stromausfälle und die neue sicherheitspolitische Lage haben gezeigt: Krise ist nicht mehr Ausnahme aus dem Lehrbuch. Krise ist inzwischen Teil kommunaler Realität.

Stockelsdorf zeigt, was möglich ist

Julia Samtleben hat in Stockelsdorf früh begonnen, Krisenvorsorge praktisch aufzubauen. Die Gemeinde verfügt über einen eigenen kommunalen Krisenstab mit mehr als 40 Mitarbeitern, Satellitentelefone, Notfall-Infopunkte, Übungen mit der technischen Einsatzleitung Ost-Holstein und eine systematische Vorbereitung auf Stromausfälle.

Der Auslöser war nicht ein großer Masterplan aus irgendeinem Ministerium, sondern eine Mischung aus Erfahrung, Bauchgefühl und Verantwortung. „Ich versuche immer, für meine 17.500 Bürger zu denken“, sagt Samtleben im Podcast.

Schon 2022, unmittelbar nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, habe sie vieles angeschoben. Satellitentelefone hatte sie bereits vorher angeschafft, nachdem einmal ein Schneesturm angekündigt war. Später stellte sich heraus: ein Glücksfall. Denn 2022 waren solche Geräte zeitweise kaum noch zu beschaffen.

Die Gemeinde prüfte zudem, was bei vorhandener Notstromversorgung tatsächlich funktioniert. Ein Aggregat zu besitzen, ist nämlich schön. Zu wissen, welche Gebäudeteile, Heizungen, Feuerwehren, Notunterkünfte oder Pumpanlagen wirklich daran hängen, ist wichtiger. Verwaltungswirklichkeit, ganz ohne Lametta.

Samtleben warnt aber zugleich vor falscher Sicherheit. „Man kann sich Szenarien überlegen, man kann sich überlegen, wo der Krisenstab im Rathaus sitzt. Aber was dann wirklich passiert, wissen wir nicht.“ Genau deshalb müsse man vorbereiten, üben und trotzdem demütig bleiben.

Die Bevölkerung ist nicht nur Schutzgut

Professor Frank Friedrich sieht einen grundlegenden Denkfehler im deutschen Bevölkerungsschutz. Zu lange sei die Bevölkerung vor allem als Schutzgut betrachtet worden. Also als etwas, das vom Staat geschützt wird. Das sei aber zu wenig.

„Die Bevölkerung sollte man auch als etwas Aktives wahrnehmen, das man abholen kann, das man als Ressource nutzen kann“, sagt Friedrich. Das klingt schlicht, ist aber ein echter Kulturwechsel. Denn in vielen Köpfen steckt noch immer die Vorstellung: Wenn etwas passiert, kommt der Staat mit Blaulicht und regelt das schon.

Friedrich beschreibt genau diese Erwartung als Teil des Problems. Über Jahrzehnte sei das Bild entstanden, Bevölkerungsschutz bedeute: Der Staat schützt, die Bürger warten. Bei Blaulichtmeilen, Fahrzeugschauen und öffentlichen Präsentationen werde oft demonstriert, was Einsatzorganisationen alles leisten können. Viel seltener werde erklärt, was Bürger selbst tun müssen.

Dabei ist Eigenvorsorge keine Zumutung, sondern Freiheit in Dosen: Wer Wasser, Lebensmittel, Licht, Medikamente und Informationen für die ersten Tage hat, ist nicht hilflos. Und wer helfen will, sollte nicht erst im Katastrophenfall chaotisch loslaufen.

Spontane Helfer kommen sowieso

Ein besonders wichtiger Punkt im Podcast: die sogenannten ungebundenen Helfer. Also Menschen, die keiner Organisation angehören, aber im Ernstfall helfen wollen. Friedrich sagt dazu sehr klar: Es gehe nicht darum, ob man diese Helfer einbinden wolle oder nicht. „Sie kommen sowieso.“

Gerade in den ersten Stunden und Tagen nach einer Krise bilden sich über soziale Medien oft eigene Hilfsstrukturen. Menschen organisieren Essen, Werkzeug, Transport, Unterkünfte oder Aufräumaktionen. Wer als Kommune darauf nicht vorbereitet ist, verliert wertvolle Kraft.

Friedrich plädiert deshalb dafür, solche Helfer schon vor der Krise mitzudenken. In Wuppertal habe man bei der Flutkatastrophe gesehen, dass Gruppen aktiv angesprochen und gezielt eingebunden werden konnten: Wer helfen wollte, wurde an Sammelpunkte gelenkt und bekam konkrete Aufgaben.

Entscheidend sei dabei Professionalität. Helfer müssten eingewiesen, wertgeschätzt und koordiniert werden. „Es ist kein Selbstläufer“, sagt Friedrich. Aber es führe auf Dauer kein Weg daran vorbei.

Grafschaft Bentheim: Bevölkerungsschutz als Priorität

Landrat Uwe Fietzek setzt in der Grafschaft Bentheim darauf, Bevölkerungsschutz dauerhaft politisch zu verankern. Der Landkreis hat einen Bevölkerungsschutztag etabliert, Bürgermeister gemeinsam an der Bundesakademie in Ahrweiler geschult und im Haushalt 2025 ausdrücklich einen Sonderplan Stromausfall eingestellt.

Bemerkenswert ist das auch deshalb, weil der Landkreis zugleich finanziell massiv unter Druck steht. Fietzek spricht im Podcast von einem Rekorddefizit von 31 Millionen Euro. Trotzdem wurden 180.000 Euro für Planungen zu längerfristigen Stromausfällen bereitgestellt.

Sein Argument gegenüber der Politik war einfach: Es geht um Sicherheit. „Das Thema Krise ist eine der vornehmsten Aufgaben einer Kommunalverwaltung“, sagt Fietzek. Sie beginne beim Landrat, beim Bürgermeister und bei der Bürgermeisterin.

Das ist unbequem, weil man mit Vorsorge selten glänzt. „Es ist schöner, ein Band zu durchschneiden, als irgendwo einen Evakuierungsplan zu erstellen“, sagt Fietzek. Für ein Notstromaggregat gibt es keinen Festakt, keinen Blumenstrauß und meist auch keinen Applaus. Aber wenn es gebraucht wird, ist es plötzlich wichtiger als jede Sonntagsrede.

Krisenschutz muss an den Kabinettstisch im Rathaus

Friedrich bestätigt aus wissenschaftlicher Sicht: Risiko- und Krisenmanagement müssen Chefsache sein. Wenn das Thema von oben vorgelebt werde, könne es in der Organisation auch umgesetzt werden. Wenn nicht, versandet es gern zwischen Brandschutzordner, Zuständigkeitsvermerk und Haushaltsrest.

Viele Kommunen hätten inzwischen erkannt, dass sie handeln müssen. Das Wissen sei da, die Bereitschaft wachse. Aber oft fehle die Antwort auf die Frage: Wie fangen wir an?

Friedrich arbeitet deshalb an einem Projekt namens „Krisenfit“, mit dem Kommunen ihre eigene Krisenfestigkeit besser einschätzen sollen. Denn der erste Schritt sei immer eine ehrliche Bestandsaufnahme: Wo stehen wir? Was funktioniert? Was fehlt? Wer ist zuständig? Welche Lücke ist im Ernstfall gefährlich?

Der erste Schritt: wissen, wo man steht

Auf die Frage, was eine Kommune tun sollte, die noch am Anfang steht, sind sich die Experten einig. Zuerst braucht es eine Bestandsaufnahme. Keine Hochglanzstrategie, keine 90-seitige Absichtserklärung, sondern eine nüchterne Analyse.

Welche Gebäude sind notstromfähig? Welche Kommunikationswege bleiben bei Stromausfall? Wo gibt es Notunterkünfte? Wer betreibt Wasser und Abwasser? Welche Pflegeeinrichtungen brauchen besondere Unterstützung? Welche Helfer können eingebunden werden? Wo kommen Bürger an Informationen, wenn Internet und Mobilfunk ausfallen?

Samtleben sagt außerdem: Kommunen müssen sich bewusst machen, dass sie im Zweifel zunächst auf sich allein gestellt sind. Katastrophenschutz im engeren Sinne liege oft beim Kreis. Aber vieles darunter, also die Krise vor der offiziell ausgerufenen Katastrophe, sei kommunale Aufgabe.

Gerade deshalb wünscht sie sich mehr Unterstützung von Bund und Ländern: gemeinsame Standards, zentrale Beschaffung und eine Art Krisenvorsorge-Plattform, damit nicht jede Gemeinde allein herausfinden muss, welches Aggregat, welches Kommunikationssystem oder welche Ausstattung sinnvoll ist. Und natürlich gilt der alte kommunale Lieblingssatz, diesmal völlig zu Recht: Wer Aufgaben bestellt, muss das Geld mitliefern.

Keine Panik, sondern Verantwortung

Spannend wird es dort, wo Krisenvorsorge öffentlich auf Widerstand trifft. Samtleben berichtet von einer Veranstaltung, bei der beim Thema Schutzräume der Einwand kam, man solle doch keine Panik machen. Fietzek reagiert darauf im Podcast deutlich: „Wir machen keine Panik. Wir machen unseren Job.“

Das ist vielleicht der stärkste Satz der ganzen Folge. Denn er bringt auf den Punkt, worum es geht. Bevölkerungsschutz ist keine Angstmacherei. Er ist Daseinsvorsorge. So wie Feuerwehr, Wasser, Abwasser, Straßen und Schulen. Nur eben für den Moment, in dem die normale Ordnung brüchig wird.

Fietzek empfiehlt Kommunen deshalb ein klares Verfahren: zuerst Bürgermeister und Verwaltung zusammenbringen, dann Feuerwehr, THW, DRK, DLRG und andere Hilfsorganisationen an einen Tisch holen. Nicht jeder für sich. Nicht nebeneinander her. Sondern gemeinsam.

Denn im Ernstfall zählt nicht der schönste Plan im Regal. Dann zählt, ob die Leute sich kennen, ob Telefonnummern stimmen, ob Abläufe geübt sind und ob jemand Verantwortung übernimmt.

Die nüchterne Bilanz dieser Podcastfolge lautet: Deutschland ist im kommunalen Katastrophenschutz nicht mehr ganz so sorglos wie früher. Aber sorglos war gestern ohnehin ein ziemlich teures Hobby. Viele Kommunen sind unterwegs. Manche sind weiter, andere stehen noch am Anfang.

Der wichtigste Schritt beginnt nicht mit Millionenprogrammen, sondern mit einer ehrlichen Frage im Rathaus: Was passiert bei uns, wenn morgen der Strom weg ist, das Wasser steigt oder die Lage kippt?

Wer darauf keine Antwort hat, sollte nicht warten. Krise macht keinen Termin im Bürgerbüro.