Warum Deutschlands Kommunen auf die nächste Krise schlechter vorbereitet sind, als viele Bürgermeister glauben -und was Kommunen konkret tun können
Warum Deutschlands Kommunen auf die nächste Krise schlechter vorbereitet sind, als viele Bürgermeister glauben -und was Kommunen konkret tun können
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Tipps einer Expertin

Blackout, Chaos, Kontrollverlust?

Blackout, Flut, Cyberangriff: Deutschlands Kommunen stehen unter Druck. Doch wie gut sind Städte und Gemeinden wirklich vorbereitet, wenn der Ernstfall eintritt? Im Podcast „Die ungewöhnlichste Fraktionsgemeinschaft Deutschlands“ spricht Katastrophenforscherin Prof. Dr. Michelle Knott von der TU Darmstadt Klartext – über Kommunikationschaos, überforderte Bürgermeister und warum ausgerechnet Litfaßsäulen Leben retten könnten.

Es sind diese Sätze, die hängen bleiben. „Die Frage ist nicht ob, sondern wann.“ Wenn Prof. Dr. Michelle Knott über Katastrophenschutz spricht, klingt das nicht alarmistisch. Sondern nüchtern. Fast schon unangenehm nüchtern.

Die Leiterin des Zentrums Digitale Resilienz an der TU Darmstadt beschäftigt sich seit Jahren mit genau den Szenarien, die viele Bürgermeister am liebsten verdrängen würden: großflächige Stromausfälle, Cyberattacken, Kommunikationszusammenbrüche oder Naturkatastrophen wie im Ahrtal.

Und ihre Diagnose ist eindeutig: Deutschlands Kommunen sind besser vorbereitet, als viele glauben – aber längst nicht gut genug.

Vor allem dann nicht, wenn die Krise länger dauert.

„Den klassischen Feuerwehreinsatz können die Kommunen hervorragend“, sagt Knott im Podcast. „Schwierig wird es, wenn Routinen nicht mehr greifen.“ Genau dann beginne das eigentliche Problem: Kommunikation bricht zusammen, Zuständigkeiten verschwimmen und plötzlich merkt man, dass ein Krisenplan an der Wand noch lange keine funktionierende Krisenbewältigung bedeutet.

Warum viele Krisenstäbe nur auf dem Papier existieren

Besonders deutlich wird das beim Thema Übungen. Fast jede Kommune hat inzwischen Krisenpläne, Leuchttürme oder Notfallkonzepte. Doch was auf Papier beeindruckend aussieht, scheitert im Ernstfall oft an der Praxis.

Knott fordert deshalb etwas, das in Verwaltungen ungefähr so beliebt ist wie eine unangekündigte Prüfung beim Rechnungshof: regelmäßige Krisenübungen.

Und zwar nicht als Alibi-Termin mit Kaffee und Tagesordnungspunkt 7b.

Sondern realistisch.

Wer entscheidet was? Wie kommuniziert die Verwaltung mit Feuerwehr, THW und Bevölkerung? Was passiert, wenn Mobilfunk und Internet gleichzeitig ausfallen? Wer übernimmt Verantwortung? Und vor allem: Was funktioniert eben gerade nicht?

„Resilienz entsteht nicht in der Krise“, sagt Knott. „Sondern vorher.“

Das Problem: Viele politische Entscheider seien genau auf diese Rolle kaum vorbereitet. Bürgermeister würden selten mitüben, oft aus Angst vor Fehlern oder falschen Entscheidungen. Verständlich vielleicht. Aber gefährlich.

Denn in Krisen zählt nicht nur Organisation. Sondern Präsenz.

Das Ahrtal als Warnung

Besonders eindringlich wird das Gespräch beim Blick auf das Ahrtal. Für Knott war die Flutkatastrophe weniger ein Materialproblem als ein Kommunikationsdesaster.

Nicht fehlende Hubschrauber seien das Hauptproblem gewesen. Sondern mangelnde Koordination.

Einsatzkräfte ohne Verbindung zur Zentrale. Täglich wechselnde Ansprechpartner. Fehlende Lagebilder. Unklare Führungsstrukturen.

Und eine Bevölkerung, die oft schlicht nicht wusste, was überhaupt passiert.

Die Forscherin beschreibt eindrücklich, wie wichtig sichtbare Führung in solchen Situationen ist. Menschen wollten sehen, dass jemand Verantwortung übernimmt. Dass jemand da ist.

Helmut Schmidt beim Hamburger Hochwasser – solche Bilder wirken bis heute nach. Nicht, weil Politiker Sandsäcke schleppen. Sondern weil sie Orientierung geben.

Die Lehre daraus: Bürgermeister sind im Katastrophenfall eben nicht nur Verwaltungschef. Sondern Gesicht der Krise.

Die erstaunliche Rettungsidee mit der Litfaßsäule

Der vielleicht spannendste Teil des Podcasts beginnt allerdings dort, wo man ihn nicht erwartet hätte: bei der guten alten Litfaßsäule.

Während vielerorts digitale Werbedisplays aufgestellt werden, arbeitet Knotts Team an einer überraschend simplen Idee. Die klassische Litfaßsäule soll zum Kriseninformationssystem werden.

Der Vorteil: Die Säulen sind hohl. Darin lassen sich Methanol-Brennstoffzellen unterbringen, die bis zu 72 Stunden Strom liefern. Oben auf der Säule sitzt ein kleines Display, das von Feuerwehr oder Krisenstab angesteuert werden kann.

„Da und da ist der nächste Leuchtturm.“

„Hier gibt es Wärmeversorgung.“

„Der Stromausfall dauert länger.“

Informationen direkt im Wohnviertel. Auch dann noch, wenn Internet und Handynetze längst tot sind.

Das klingt zunächst fast kurios. Ist aber hochpraktisch. Denn genau an dieser Stelle offenbart sich eine Schwäche vieler Krisenkonzepte: Die Menschen wissen oft gar nicht, wo Hilfe verfügbar ist.

Und im Blackout hilft eben auch keine Webseite mehr weiter.

Warum die Bevölkerung Teil der Lösung werden muss

Knott spricht im Podcast außerdem über einen Punkt, der in Deutschland oft unterschätzt wird: die Rolle der Bürger selbst.

Viele Menschen erwarteten immer noch, dass „der Staat schon alles regelt“. Doch genau das funktioniere in großen Schadenslagen nicht mehr vollständig.

Deshalb plädiert die Wissenschaftlerin für einen „Whole-of-Society“-Ansatz – also für ein Zusammenspiel aus Verwaltung, Einsatzkräften, Vereinen, Nachbarschaften und engagierten Bürgern.

Besonders spannend: die Rolle sogenannter Spontanhelfer.

Während diese Helfer im Ahrtal teilweise chaotisch wirkten, sieht Knott darin grundsätzlich eine enorme Ressource. Kommunen müssten lernen, diese Kräfte frühzeitig einzubinden statt sie als Störfaktor zu betrachten.

Die Botschaft dahinter ist bemerkenswert einfach: Krisenschutz beginnt nicht erst bei Sirenen und Sandsäcken. Sondern beim gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Was Bürgermeister jetzt konkret tun sollten

Zum Ende des Podcasts wird es praktisch. Sehr praktisch sogar.

Auf die Frage, was ein Bürgermeister einer 10.000-Einwohner-Gemeinde sofort tun sollte, nennt Knott drei Punkte:

Erstens: Krisenstäbe wirklich arbeitsfähig machen. Nicht theoretisch. Sondern eingeübt.

Zweitens: Kommunikationsfähigkeit absichern. Also klären, wie Informationen auch ohne Strom und Mobilfunk weitergegeben werden.

Und drittens: die Bevölkerung einbinden. Vereine, Nachbarschaften, Ehrenamtliche.

Denn am Ende entscheidet nicht allein Technik darüber, ob eine Kommune eine Krise übersteht.

Sondern Haltung.

Oder wie Prof. Dr. Michelle Knott es im Podcast formuliert: „Technik allein hilft uns nicht. Sie muss eingebunden sein in Verwaltung, Kommunen und Bevölkerung.“

Ein Satz, der hängen bleibt. Fast genauso wie die unbequeme Erkenntnis dahinter: Die nächste Krise kommt bestimmt. Die Frage ist nur, ob die Kommune dann vorbereitet ist – oder überrascht wird.

Den vollständigen Podcast hören Sie hier eingebettet im Artikel.