Geburtskliniken sterben
Wenn der Kreißsaal verschwindet
Wer ein Kind erwartet, plant vieles: den Kinderwagen, das Zimmer, vielleicht noch den Namen. Was eigentlich niemand planen möchte, ist eine Geburt auf einem Autobahnrastplatz oder im Rettungswagen. Doch genau dieses Risiko wächst in Deutschland – vor allem im ländlichen Raum.
Die Zahl der Krankenhäuser mit Geburtshilfe hat sich seit Beginn der 1990er Jahre mehr als halbiert. Damals verfügten noch rund 1.200 Kliniken über eine Geburtsstation, heute sind es nur noch etwa 550. Gleichzeitig sank die Zahl der Geburten im selben Zeitraum lediglich um ungefähr 15 Prozent.
Für KOMMUNAL-Chefredakteur Christian Erhardt-Maciejewski ist das deshalb kein geordneter Umbau, sondern ein „kalter Strukturwandel nach Kassenlage“. Im ausführlichen Audio-Interview erklärt er, warum gerade kleinere Krankenhäuser ihre Kreißsäle schließen, weshalb die Krankenhausreform das Problem sogar verschärfen könnte und welche fünf Maßnahmen notwendig wären, um Geburtshilfe wieder wohnortnah zu sichern.
Immer weniger Kliniken, immer weniger Betten
Noch deutlicher als bei der Zahl der Standorte zeigt sich der Abbau bei den verfügbaren Betten. Anfang der 1990er Jahre standen in der Geburtshilfe noch fast 70.000 Betten zur Verfügung. Heute seien es nur noch rund 24.000.
Die verbliebenen Stationen arbeiteten deshalb häufig am Limit. Fallen Mitarbeiter aus, kommen mehrere Geburten gleichzeitig oder müssen Frauen aus geschlossenen Häusern zusätzlich aufgenommen werden, bleibt kaum Spielraum.
Das Grundproblem: Ein Kreißsaal muss rund um die Uhr einsatzbereit sein. Ärzte, Hebammen, Pflegekräfte, Operationssaal und Notfallversorgung müssen auch dann vorgehalten werden, wenn gerade kein Kind geboren wird. Diese Bereitschaft kostet Geld – wird im bestehenden Finanzierungssystem aber nur unzureichend bezahlt.
Geburtshilfe wird damit behandelt wie eine Produktionslinie, die sich erst ab einer bestimmten Stückzahl lohnt.
Auf dem Land wird aus der Fahrt ein Risiko
In Großstädten erreichen viele Schwangere zumindest rechnerisch innerhalb von etwa 15 Minuten eine Geburtsklinik. Auf dem Land sieht die Lage völlig anders aus. Dort schafft es laut Erhardt-Maciejewski nicht einmal jede vierte Schwangere innerhalb dieser Zeit zu einem Kreißsaal.
Üblich seien vielmehr Fahrzeiten von 30 bis 40 Minuten. Hinzu kommen Berufsverkehr, Staus, schlechte Straßenverbindungen, winterliche Bedingungen oder Wartezeiten auf den Rettungsdienst. In der Praxis könne aus einer halben Stunde schnell eine Stunde werden.
Erhardt-Maciejewski beschreibt das Problem mit einem drastischen Bild: „Berlin legt die wirtschaftlichen Gleise, die Länder fahren den Zug – und die Kommunen und die Schwangeren stehen immer häufiger am verlassenen Bahnhof.“
Denn die Verantwortung ist auf verschiedene Ebenen verteilt. Die Länder bestimmen über die Krankenhausplanung. Der Bund setzt die finanziellen Rahmenbedingungen. Die Kommunen erfahren häufig erst sehr spät, dass eine Station geschlossen werden soll. Wenn Bürgermeister, Landräte und Einwohner protestieren, ist die Entscheidung intern oft längst gefallen.
Selbst Potsdam verliert seine Geburtshilfe
Dass nicht nur abgelegene Regionen betroffen sind, zeigt das Beispiel Potsdam. Im St. Josefs-Krankenhaus wurde die Geburtshilfe im Juli 2026 geschlossen – früher als ursprünglich vorgesehen. Dabei kamen dort im Vorjahr noch 1.638 Kinder zur Welt.
Potsdam ist Landeshauptstadt und hat fast 200.000 Einwohner. Wenn selbst ein Standort dieser Größenordnung seine Geburtshilfe verliert, wird deutlich, wie tief das Problem inzwischen reicht.
Noch dramatischer ist die Entwicklung in kleineren Städten. Im evangelischen Krankenhaus Ludwigsfelde, etwa 15 Kilometer von Potsdam entfernt, wurde die Geburtsstation bereits zuvor geschlossen. Dort waren zuletzt nur noch rund 250 Kinder pro Jahr zur Welt gekommen.
Auch in Strausberg endete die Geburtshilfe. Dort wurden zuletzt nur noch 177 Geburten gezählt. In Forst sammelten Einwohner mehr als 3.000 Unterschriften gegen die Schließung. Verhindert wurde sie trotzdem nicht.
Die betriebswirtschaftliche Logik ist stets ähnlich: Sinkt die Zahl der Geburten, reichen die Erlöse nicht aus, um Personal und Technik rund um die Uhr vorzuhalten. Für die betroffenen Familien bedeutet diese Rechnung allerdings keine Einsparung, sondern längere Wege und höhere Risiken.
Geburten auf Rastplätzen und im Rettungswagen
Wie häufig Kinder ungeplant in Autos, Rettungswagen oder auf Parkplätzen zur Welt kommen, wird deutschlandweit nicht systematisch erfasst. Genau das kritisiert Erhardt-Maciejewski scharf. Es gebe weder eine verlässliche Statistik über ungeplante Geburten außerhalb von Kliniken noch über Abweisungen, Verlegungen wegen überfüllter Kreißsäle oder kritische Zwischenfälle während langer Anfahrten.
Bekannt werden meist nur einzelne Fälle. Auf dem Rastplatz Brokenlande an der Autobahn 7 südlich von Neumünster kam ein Kind zur Welt, bevor die Rettungskräfte eintrafen. Auf der Autobahn 6 bei Mannheim geriet eine hochschwangere Frau auf dem Weg zur Klinik in einen Stau. Das Kind wurde schließlich im Rettungswagen geboren.
Solche Meldungen sind spektakulär, das dahinterliegende Problem ist jedoch strukturell. „Der Staat schafft erst den Kreißsaal ab und schreibt danach offenbar den Praxisleitfaden für die Geburt im Rettungswagen“, sagt Erhardt-Maciejewski im Interview mit dem Kontrafunk.
Die Kritik richtet sich nicht gegen Rettungskräfte. Im Gegenteil: Sie müssen auffangen, was die Krankenhausstruktur nicht mehr leistet. Ein Rettungswagen ist aber kein fahrender Kreißsaal und ein Autobahnparkplatz kein Ersatz für eine wohnortnahe Geburtsstation.
Zentralisierung löst nicht jedes Problem
Die Bundesregierung setzt im Rahmen der Krankenhausreform auf eine stärkere Konzentration medizinischer Leistungen. Größere Standorte sollen besser ausgestattet sein und eine höhere Behandlungsqualität gewährleisten.
Bei komplizierten Frühgeburten oder besonderen Risiken ist eine spezialisierte Klinik zweifellos notwendig. Doch Erhardt-Maciejewski warnt davor, Ausnahmefälle zum Maßstab für jede normale Geburt zu machen. Nicht jede Schwangere müsse in ein hoch spezialisiertes Zentrum fahren, wenn eine wohnortnahe Versorgung medizinisch möglich wäre.
„Der Bund nennt es Konzentration. Die Familie auf dem Land nennt es 60 Kilometer Fahrt mit Wehen“, sagt der KOMMUNAL-Chefredakteur.
Die geplante Vorhaltefinanzierung könnte zwar helfen, weil Kliniken künftig auch Geld für bereitgehaltene Strukturen bekommen sollen. Nach den bisherigen Planungen greift das neue System jedoch erst schrittweise und teilweise erst gegen Ende des Jahrzehnts. Für viele bestehende Geburtsstationen könnte das zu spät kommen.
Erhardt-Maciejewski bringt die Kritik auf den Punkt: "Vorhaltekosten heißen so, weil Kliniken Personal und Räume vorhalten müssten – nicht, weil die Bundesregierung das Geld bis 2030 zurückhält."
Hebammen geraten unter immer größeren Druck
Neben den finanziellen Problemen verschärft der Personalmangel die Lage. Hebammen, Ärzte und Pflegekräfte arbeiten in vielen Geburtskliniken unter enormem Druck. Hohe Verantwortung, Schichtdienste, unplanbare Arbeitszeiten und eine oft unzureichende Vergütung machen die Arbeit zunehmend unattraktiv.
Besonders freiberufliche Hebammen tragen ein erhebliches wirtschaftliches Risiko. Schließt eine Geburtsstation in der Nähe, verlängert sich auch für sie der Arbeitsweg. Gleichzeitig steigt die Belastung an den verbleibenden Standorten.
Der Personalmangel wird dann wiederum als Begründung genutzt, weitere Stationen zu schließen. Für Erhardt-Maciejewski ist das ein gefährlicher Kreislauf: Erst werde das System finanziell ausgedünnt, anschließend diene das fehlende Personal als Argument für den nächsten Abbau.
Kleine, von Hebammen gegründete Geburtshäuser könnten einzelne Lücken schließen. Sie seien jedoch kein Ersatz für ein flächendeckendes klinisches Angebot, insbesondere wenn während einer Geburt medizinische Komplikationen auftreten.
Fünf Forderungen für eine sichere Geburtshilfe
Im Interview nennt Erhardt-Maciejewski fünf Schritte, die aus seiner Sicht notwendig sind.
Erstens müsse die Geburtshilfe aus der Logik der reinen Fallpauschalen herausgelöst werden. Kliniken benötigten eine transparente Vergütung, die auch Bereitschaftsdienste und dauerhaft vorzuhaltendes Personal finanziere.
Zweitens müsse Geburtshilfe wieder als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge verstanden werden. Ob ein Kreißsaal bestehen bleibt, dürfe nicht davon abhängen, ob genügend Kinder geboren werden, um eine Nachtschicht zu refinanzieren.
Drittens müsse die Vorhaltefinanzierung sofort greifen und nicht erst nach weiteren Jahren des Kliniksterbens.
Viertens brauche Deutschland verbindliche Erreichbarkeitsgrenzen. Die Politik müsse festlegen, welche maximale reale Fahrzeit zu einer Geburtsklinik noch akzeptabel sei. Eine solche Grenze müsse dann auch von Schwangeren und Kommunen eingefordert werden können.
Fünftens seien regionale Versorgungsnetze notwendig: wohnortnahe Einrichtungen für normale Geburten, verbunden mit größeren Kliniken für Risikofälle. Gemeinsame Bereitschaftsdienste, Kooperationen und klare Verlegungswege könnten medizinische Qualität und Nähe miteinander verbinden.
Das vollständige Interview, geführt von der Moderatorin Romy Arndt, zeigt, dass es beim Sterben der Kreißsäle nicht nur um Krankenhausbilanzen geht. Es geht um die Frage, welche Versorgung der Staat Familien im ländlichen Raum noch garantieren will.
Denn eine Geburt ist keine planbare Dienstleistung, die sich nach Öffnungszeiten und Auslastungsquoten richtet. Wer wohnortnahe Kreißsäle schließt, verlagert das Risiko – auf Schwangere, Familien, Hebammen und Rettungskräfte. Und am Ende womöglich auf den Standstreifen einer Autobahn.