Ebay-Angebot
Dorf zum Schnäppchenpreis: Ganzer Ort zu verkaufen
In München reicht das Geld vielleicht für eine Wohnung mit dem Charme eines besser ausgestatteten Schuhkartons. In Thüringen gibt es dafür gleich ein ganzes Dorf. Zumindest beinahe. In Kamsdorf im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt wird derzeit das ehemalige Jugenddorf der Maxhütte über „Ebay Kleinanzeigen“ angeboten. Kaufpreis: 390.000 Euro. Dafür bekommt der neue Eigentümer rund 24.000 Quadratmeter Grund, 15 eingeschossige Gebäude mit jeweils etwa 100 Quadratmetern Fläche sowie ein Hauptgebäude mit einem früheren Speisesaal von mehr als 300 Quadratmetern.
Die Anlage liegt nur etwa 200 Meter vom Ort entfernt, zwischen Wald, Wiesen und altem Baumbestand. Auch der Hohenwarte-Stausee ist nicht weit. Strom und Trinkwasser sind vorhanden, die Entwässerung erfolgt über eine Sammelgrube. Die Gebäude sind entkernt. Das klingt in Immobilienanzeigen nach „maximaler Gestaltungsfreiheit“. In der Sprache eines Kämmerers heißt es eher: Bitte setzen Sie sich, bevor wir über die Folgekosten sprechen.
Das Gelände wurde nach Angaben des Eigentümers von 1954 bis 1990 zunächst als Lehrlingswohnheim, später als Ferienanlage genutzt. Nach der Wende stand es rund zehn Jahre leer. Eigentümer Franz Eberitsch kaufte die Anlage 2014 und wollte gemeinschaftliches, naturnahes Wohnen ermöglichen. Doch zwischen einer guten Idee und einem genehmigten Projekt liegt in Deutschland bekanntlich gern ein gut gefüllter Aktendeckel.
Denn das Gelände liegt planungsrechtlich im Außenbereich. Ein Bebauungsplan für dauerhaftes Wohnen existiert nicht, zudem genießen die Gebäude laut Anzeige keinen gesicherten Bestandsschutz. Die Behörden sehen eine Wohnnutzung kritisch, weil eine sogenannte Splittersiedlung entstehen könnte. Wer das Dorf kauft, erwirbt deshalb viel Fläche, viele Mauern und noch mehr Klärungsbedarf. Welche Nutzung zulässig ist, muss der Käufer mit Gemeinde, Landkreis und weiteren Behörden abstimmen.
An Ideen mangelt es nicht. Die Anzeige nennt ein Gesundheitsdorf, ein Mehrgenerationenprojekt, gemeinschaftliches Wohnen, eine Ferienanlage oder ein Seminarzentrum. Die Gemeinde habe Offenheit für geeignete Konzepte signalisiert, heißt es dort. Eine Genehmigung ist das noch lange nicht. Ein Käufer kann eben ein Dorf besitzen, aber er kauft weder Baurecht noch Bürgermeisteramt gleich mit.
Für Kommunen ist der Fall deshalb mehr als eine hübsche Sommergeschichte. Solche Areale können Chancen für Tourismus, neue Wohnformen oder soziale Projekte bieten. Sie können aber ebenso jahrelang als private Brache liegen bleiben, während Zufahrt, Brandschutz, Wasser und Abwasser öffentliche Themen bleiben. Der niedrige Kaufpreis ist nur die Eintrittskarte. Gespielt wird anschließend auf dem kommunalen Spielfeld.
Vom brandenburgischen Alwine bis zur Geisterstadt
Dass ganze Siedlungen unter den Hammer kommen, ist nicht neu. Das bekannteste deutsche Beispiel liegt in Brandenburg. Alwine, eine Siedlung der Stadt Uebigau-Wahrenbrück, wurde 2017 für 140.000 Euro versteigert. Zum Paket gehörten rund 16.000 Quadratmeter, neun Wohnhäuser, Nebengebäude sowie zehn Schuppen und Garagen. Etwa 15 Menschen lebten dort zur Miete. Der einzige Bieter wollte später aussteigen; anschließend wurde ein Vertrag mit einem anderen Investor geschlossen, dessen Preis geheim blieb. Für die Bewohner war das kein Spiel mit Modellhäusern, sondern ihr Zuhause.
Noch rustikaler ging es in Swett im US-Bundesstaat South Dakota zu. KOMMUNAL berichtete schon im Jahr 2015 über die Geisterstadt, die für 250.000 Dollar angeboten wurde. Im Preis enthalten waren gut sechs Acres Land, ein leerstehendes Wohnhaus, eine Garage und eine geschlossene Taverne. Zuvor waren mehrere Angebote gescheitert. Selbst die Ortsschilder wurden erneuert, nachdem die alten Schusslöcher aufwiesen. Marketing kann eben vieles – nur die Lage nicht ändern.
In Spanien wechselte tatsächlich ein komplettes Dorf den Besitzer. Salto de Castro nahe der portugiesischen Grenze wurde einst für Arbeiter eines Kraftwerks gebaut und später aufgegeben. Ein amerikanischer Unternehmer kaufte die Siedlung für 310.000 Euro. Zum Bestand gehören 44 Häuser, eine Kirche, eine Schule, eine Bar und eine frühere Kaserne der Guardia Civil. Geplant ist ein Tourismusprojekt. Der Kaufpreis wirkt lächerlich niedrig. Die Sanierungsrechnung dürfte schnell daran erinnern, dass ein Dorf kein gebrauchter Wohnwagen ist.
In Kalifornien ging der Preis dagegen kräftig nach oben. Die frühere Bergbaustadt Cerro Gordo war 2018 für 925.000 Dollar angeboten worden und wurde für 1,4 Millionen Dollar verkauft. Das Paket umfasste mehr als 300 Acres Land und 22 historische Gebäude. Später brannte das historische Hotel ab. Wer eine Geisterstadt kauft, bekommt eben nicht nur romantische Veranden, sondern auch kaputte Leitungen, schwierige Zufahrten und eine Dauerkarte im Baumarkt.
Andere Kommunen verkaufen deshalb lieber Haus für Haus und knüpfen den symbolischen Preis an klare Pflichten. Im sizilianischen Gangi wurden leerstehende Gebäude für einen Euro abgegeben. Käufer mussten sich verpflichten, innerhalb weniger Jahre zu sanieren. Schon 2017 waren mehr als 100 Häuser verkauft. Ähnliche Modelle gab es auch in weiteren italienischen und schweizerischen Orten. Die Kommune verkauft dabei nicht bloß ein Problem, sondern verbindet den Eigentumswechsel mit einem Entwicklungsziel.
Genau darin liegt die Lehre für Städte und Gemeinden. Der Verkauf ganzer Areale kann Kapital, Aufmerksamkeit und neue Konzepte bringen. Vorher sollten jedoch Nutzung, Sanierungsfristen, Finanzierung, Erschließung, Brandschutz und mögliche Rückabwicklung möglichst klar geregelt sein. Sonst wird aus dem Schnäppchen ein sehr großes Grundstück mit sehr vielen Schlüsseln – aber ohne Tür in die Zukunft.
