Porträt
Bürgermeisterin im Sehnsuchtsort auf Usedom
Am Strand von Heringsdorf spielte Laura Isabelle Marisken schon als kleines Kind. Ihre Eltern fuhren mit ihr aus Berlin Jahr für Jahr in ein Ferienheim der Deutschen Post an die Ostsee. Heute muss die promovierte Juristin nur kurz ihr Büro verlassen, um an den Strand zu kommen, an dem sie als junges Mädchen Sandburgen baute. Laura Isabelle Marisken hat sich einen Traum erfüllt: Als Bürgermeisterin arbeitet sie an dem Ort, an dem viele andere Urlaub machen. Heringsdorf, Bansin und Ahlbeck sind bundesweit als „Kaiserbäder“ bekannt. Doch auch die übrigen fünf Ortsteile der Gemeinde auf Usedom werden für mehr und mehr Menschen zu einem Sehnsuchtsort.
Laura Isebelle Marisken kämpft gegen den Zensus
„Wir haben 8.200 Einwohner, aber gut vier Millionen Übernachtungen im Jahr”, sagt Marisken. Wie viel das ist, zeigt ein Vergleich mit dem Bundesland Brandenburg: Zwischen Prignitz und Lausitz kommt man nur auf 14,4 Millionen Übernachtungen im Jahr. Doch die Infrastruktur von Heringsdorf ist an vielen Stellen die Infrastruktur einer Gemeinde mit 8.000 Einwohnern. Denn die Zuschüsse des Landes bemessen sich nach den Ergebnissen des Zensus von 2022. Und da kommt Heringsdorf nur auf 5.995 Einwohner. „Der Zensus ist eine stichprobenartige Erhebung, bei der jede zehnte Person angeschrieben worden ist“, erklärt Marisken. „Viele Heringsdorfer haben den Fragebogen einfach nicht zurückgeschickt.“
Die Personen hätten ein zweites und sogar drittes Mal erinnert werden müssen, notfalls hätte auch ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet werden müssen.

Aus Zeitgründen wurde das Verfahren verkürzt, obwohl nicht alle Fragebögen ausgefüllt waren. Mit dem Ergebnis, dass Heringsdorf nun Einwohner fehlen: „Wir haben eine extreme Divergenz zu unserem Melderegister“, sagt die Bürgermeisterin. Die Kommune habe es überprüft und schrieb selbst alle Einwohner des Melderegisters an. Nur wenige Postkarten kamen dann als unzustellbar zurück. Die Stadt klagt vor dem Verwaltungsgericht. Denn sie hat vorläufig 1,2 Millionen Euro weniger pro Jahr in der Stadtkasse.

Die Bürgermeisterin ärgert so etwas. Den Bürgern könne sie so etwas kaum erklären: Dank des Zensus und der niedrigeren Einwohnerzahl gilt die Kommune, die eben noch händeringend neue Ärzte suchte, plötzlich als mit Ärzten überversorgt. Neue Praxen werden nicht mehr genehmigt, obwohl nicht zuletzt durch die zahlreichen Urlauber ein großer Bedarf besteht. „Das versteht hier doch keiner“, sagt Marisken. „Das sind Probleme, die bei gesundem Menschenverstand nicht auftreten und nicht zu so vielen Arbeitsstunden in der Behörde führen dürften.“
"Ich darf die Kurtaxe nur für Dinge ausgeben, die den Kurgästen dienen.“
Die jüngsten Wahlen haben auf Usedom zu einem Erstarken der politischen Ränder geführt. „Die Einheimischen fühlen sich nicht mehr richtig mitgenommen“, stellt die Bürgermeisterin fest. Wozu ihrer Ansicht nach auch die Regelungen zur Kurabgabe beitragen. Denn im Heringsdorfer Rathaus gibt es zwei verschiedene Kassen: „Ich darf die Kurtaxe nur für Dinge ausgeben, die der Erholung der Kurgäste dienen“, erläutert Marisken. Für die Pflege der makellos in Schuss gehaltenen Strandpromenade und der Blumenbeete etwa. Oder für das Aufstellen einer Bank auf der Promenade. Doch den Weg zum Bahnhof darf sie nicht mit Geld aus der Kurtaxe instand halten, obwohl die Rollkoffer der Touristen den Belag dort stark abnutzen.

Als Urlaubsort hat die Gemeinde auf Usedom ein Problem mit preiswertem Wohnraum. „Wir sind die Badewanne der Berliner“, sagt Marisken. „Entsprechend hoch sind die Preise.“ Beschäftigte der Hotels oder der Gastronomie könnten sich die meisten Wohnungen in Heringsdorf nicht mehr leisten. Wenn auf der Insel gebaut werden soll, verlangen viele Firmen höhere Preise als auf dem Festland. Dass private Unternehmer in Wohnraum investieren, erlebt die Bürgermeisterin nur selten. „Deshalb wollen wir mit unserer kommunalen Wohnungsgesellschaft in preiswerten Wohnraum investieren.“
Die Bürgermeisterin spricht sich dafür aus, die Kurabgabe zumindest dort einsetzen zu können, wo es durch den Tourismus zu einer Abnutzung kommt. „Wir haben bei der Finanzierung der Kommunen bundesweit ein strukturelles Problem“, beklagt sie. „Wir in den Kommunen wissen am besten, wo die Menschen der Schuh drückt, denn wir haben täglich Kontakt zu ihnen”, sagt Marisken. „Aber wenn ich am Ende endlos mit der übergeordneten Behörde herumdiskutieren muss, ob auf einen Spielplatz neue Spielgeräte gehören, dann kann ich verstehen, dass die Menschen wenigstens teilweise politikverdrossen sind.“

