Ryyan Alshebl, der Bürgermeister von Ostelsheim.
Ryyan Alshebl, der Bürgermeister von Ostelsheim, ist bundesweit bekannt geworden.
© Gemeinde Ostelsheim

Porträt

Flüchtling, Bürgermeister, Medienphänomen

Beim Besuch von KOMMUNAL in Ostelsheim erzählt Ryyan Alshebl, wie ein syrischer Flüchtling Bürgermeister einer schwäbischen Gemeinde wurde – und warum er trotz Talkshows und Medieninterviews vor allem eines will: Politik machen, die im Alltag der Menschen funktioniert.

Er ist Bürgermeister einer 2.700-Einwohner-Gemeinde in Schwaben – und längst eine bundesweit bekannte Stimme für eine mutige Demokratie. Ryyan Alshebl hat ein Buch geschrieben, gibt Interviews, sitzt in Talkshows – und erzählt eine Geschichte, die weit über Ostelsheim hinausreicht: vom syrischen Geflüchteten zum deutschen Rathauschef. Doch hinter der öffentlichen Aufmerksamkeit steht vor allem eines: der feste Glaube daran, dass gute Politik vor Ort beginnt.

Als Flüchtling, der es zum Stadtoberhaupt brachte, ist er auch zu einem Medienphänomen geworden, im Rathaus geben sich die Journalisten die Klinke in die Hand. Er hat ein Buch geschrieben, einen Gegenentwurf zu Politikverdrossenheit und Populismus vor Ort. Anhand konkreter Beispiele aus seinem Bürgermeisteralltag will er zeigen, wie Politik das Leben der Menschen unmittelbar verbessern kann – pragmatisch, lösungsorientiert und nah an der Realität. Zugleich berichtet er offen von seinem täglichen Ringen mit Bürokratie, Widerständen und gesellschaftlichen Konflikten. 

Nach Europa gekommen war er als 21-Jähriger in einem Flüchtlingsboot. Als 2015 der Krieg in Syrien eskalierte, musste Ryyan Alshebl sein Wirtschaftsstudium in der Hafenstadt Latakia abbrechen. Er machte sich auf den Weg über das Mittelmeer. Heute lebt er in Ostelsheim, seit 2023 ist er dort der Bürgermeister.

Syrischer Bürgermeister als schwäbischer Bürgermeister

Wie es dazu kam, dass ein syrischer Flüchtling Bürgermeister in Schwaben wurde? „Den einen Moment, wo ich gesagt habe, jetzt will ich das werden - den gab es nicht“, erzählt er beim Besuch von KOMMUNAL in Ostelsheim. Vielmehr sei er schon in Syrien, in seinem Elternhaus, politisiert worden. „Meine Eltern haben gefühlt schon immer nur über Politik geredet“, sagt Alshebl. Die Lage in der arabischen Welt, der Nahostkonflikt, die Weltpolitik: Gespräche darüber kennt er seit seiner frühesten Kindheit. „Und spätestens, als ich mein Wirtschaftsstudium in Latakia wegen des Bürgerkriegs abbrechen musste, wurde mir die Frage wichtig: In welcher Gesellschaft will ich eigentlich leben?“, betont Alshebl. „Wie soll die Welt um mich herum, in der ich mein Leben verbringe, eigentlich aussehen?“ Doch als Flüchtling in Deutschland konnte er daran zunächst nichts ändern. „Sie werden nicht als vollwertiger Mensch wahrgenommen, wenn Sie Flüchtling sind“, sagt Alshebl. „Sie werden so wahrgenommen, wie ein Baum am Straßenrand: als ein Niemand, eine Zahl.“ 

In Deutschland ging es Alshebl daher darum, Deutsch zu erlernen. Er beherrscht die Sprache mittlerweile perfekt – und mag sie. „Deutsch hat im Gegensatz zum Arabischen eine hohe Präzision“, sagt Alshebl. „Für den Satz: „Ich kippe das Fenster“ sind nur wenige Worte nötig - im Arabischen müsste man den ganzen Vorgang umfangreich erklären.“ Er ließ sich zum Verwaltungsfachangestellten ausbilden. Im Rathaus von Althengstett lernte er, wie Kommunalverwaltung funktioniert. Immer wieder geht es um das Zusammenspiel zwischen dem Bürgermeister und dem Gemeinderat. Irgendwann hatte er Interesse daran, derjenige zu sein, der sich „um das große Ganze“ kümmerte. „Das ist in Deutschland der Bürgermeister“, sagt Alshebl. Als er erfuhr, dass im benachbarten Ostelsheim Wahlen angesetzt wurden, trat er an. Und gewann.

Bei den Bürgern darf nicht der Eindruck entstehen, dass der Bürgermeister mehr im Fernsehen als im Rathaus ist.“

Ryyan Alshebl, Bürgermeister von Ostelsheim

„Natürlich, der eine oder andere hier hat mich wegen meiner Herkunft schief angesehen“, sagt Alshebl. So gab es im Wahlkampf etwa die Sorge, der neue Bürgermeister würde eine Moschee bauen wollen. „Aber ich bin ja gar kein Muslim“, so der Bürgermeister. „Meine Familie gehört zur religiösen Minderheit der Drusen – ich musste dann immer erklären, dass nicht jeder Syrer Muslim ist.“ Heute sagt er von sich selbst, in vielem die Mentalität der Schwaben übernommen zu haben. „Das ständige Schaffen, das kannte ich so nicht, als ich als junger Mann Syrien verließ.“ Spätzle mit Linsen finden sich häufiger mal auf dem Speisezettel des Ostelsheimer Bürgermeisters.

Ort für die politische Debatte in Ostelsheim

„Ich habe mich immer als eine Art Entdecker begriffen: Als jemand, der sehen und verstehen lernen will, wie dieses Land und die Menschen hier sind.“ Ein eigenes großes Thema hat Ryyan Alshebl als Bürgermeister nicht. Aber viele kleine. Die Kindertagesbetreuung zum Beispiel. Er kümmerte sich in den vergangenen Jahren um den Neubau eines Naturkindergartens. Um den sozialen Zusammenhalt im Ort zu fördern, schuf er ein Dorfcafé. Eine Begegnungsstätte, von Ehrenamtlichen getragen. „Ein Ort, an dem es ein kulinarisches Angebot gibt, an dem sich aber auch Vereine treffen können und Menschen ins Gespräch kommen können“, erläutert er. „Ich wollte einen Ort für die politische Debatte in Ostelsheim haben.“ 

Dem Bürgermeister ist es wichtig, dass die Menschen über Politik auch streiten. Und dass nicht nur Extrempositionen, sondern auch die Mitte der Gesellschaft Gehör in der Öffentlichkeit findet. „Dass wir streiten, heißt ja nicht, dass wir uns miteinander verfeinden, sondern dass unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen, sollten.“ Denn auch in Ostelsheim informierten sich die Menschen oft nur noch in sozialen Medien. Was zu Lasten einer demokratischen Debatte gehe, meint Alshebl. Er bleibt aber positiv gestimmt: „Wir haben hier mehr Gemeinsamkeiten als wir denken – wir sind schließlich alle Bürger derselben Gemeinde und damit auch in einer Art Schicksalsgemeinschaft.“ 

Ostelsheim
Ostelsheim hat rund 2.700 Einwohner.

„Ich glaube, jeder Bürgermeister hat ein gewisses Bedürfnis, wahrgenommen zu werden, sagt Alshebl. „Ich empfinde es als ein großes Privileg, dass ich meine Positionen auch außerhalb von Ostelsheim darstellen kann.“ Doch ihm sei auch wichtig, dass bei den Bürgern nicht der Eindruck entstehe, dass der Bürgermeister mehr im Fernsehen als im Rathaus sei.

Zumal er das Thema, weswegen er oft interviewt werde, von Ostelsheim aus kaum beeinflussen kann. „Migrationspolitik findet in Deutschland nun einmal kaum auf der kommunalen Ebene statt“, sagt er. Nur wenn es um die konkrete Integration Geflüchteter vor Ort gehe, könnten die Kommunen Dinge bewirken. „Wir können als Kommunen zum Beispiel eine Plattform schaffen, auf der sich Migranten mit ihren jeweiligen Erfahrungen einbringen und auf sich aufmerksam machen können.“ Aber schon so ein Projekt sei aufgrund der Haushaltslage vieler Gemeinden nur noch schwer umsetzbar. 

Fotocredits: Blick auf Ostelsheim: Gemeinde Ostelsheim