Porträt
Metzger, Meister, Bürgermeister
Das Bürgermeisterstück ist nichts für Philipp Eichler. „Das nimmt man ja eher zum Schmoren“, sagt der Bürgermeister von Rothenburg in der Oberlausitz. Wenn es um Rindfleisch geht, bevorzuge er eher die Hüfte. „Die kann man auch schmoren, aber ich mags eher vom Grill.“ Mit Fleisch kennt sich das Stadtoberhaupt von Deutschlands östlichster Kommune aus. Denn seiner Familie gehört in mittlerweile achter Generation die Metzgerei im Ort. Auch Philipp Eichler absolvierte eine Metzgerlehre, allerdings fern der Heimat in Mittweida. Er wurde der beste Lehrling seines Jahrgangs, bester Geselle Mitteldeutschlands, jüngster Fleischermeister Sachsens und landete am Ende in der deutschen Nationalmannschaft des Fleischerhandwerks.
Als gelernter Fleischer stresserprobt
Was man in so einer Mannschaft macht? „Man bekommt ein Stück Fleisch, das man vorher nicht kennt und das man dann unter Wettbewerbsbedingungen zerlegen und verarbeiten muss“, sagt Eichler. Stressresistenz ist eine der Eigenschaften, die bei so einem Wettbewerb besonders gefragt sind. „Aber es geht auch um Qualität und Entscheidungsfreude“, sagt Eichler. Dinge, die der Bürgermeister auch in seinem Rathaus braucht. „Ein Handwerksmeister muss Entscheidungen treffen“, sagt Eichler. In der Kommunalpolitik erlebt er oft das Gegenteil. „Es gibt immer mehr Menschen, die wollen lieber gar keine Entscheidung treffen, als irgendetwas falsch zu machen“, sagt Eichler. Er selbst sieht das genau entgegengesetzt: „Ich sage: Lieber irgendeine Entscheidung treffen als gar keine Entscheidung.“ Und der Besucher spürt: Dem Rothenburger Bürgermeister geht es auf die Nerven, wie überflüssige Bürokratie Entwicklungen verlangsamt oder ausbremst.
Neuer junger Bürgermeister packt an
Als er nach seiner Lehre in die Stadt zurückkam, ließ sich Eichler zunächst in den Stadtrat wählen. 2022 wurde er der heute 28-Jährige dann Bürgermeister. Zeitweise war er der Jüngste in ganz Sachsen. Und als Erstes räumte Philipp Eichler auf, und zwar ganz plastisch. „Hinter dem Eingang des Rathauses waren Kisten gestapelt“, erinnert er sich. „Ich dachte: Das kann doch nicht sein, in einem Raum mit Publikumsverkehr.“ Auch in den Büros wurde ausgemistet. In einer Schreibtischschublade fand Philipp Eichler dabei einen 15 Jahre alten Bebauungsplan für ein neues Wohngebiet. „Der war überraschenderweise noch gültig, aber das Gelände war noch nicht einmal mit Strom und Wasser erschlossen“, sagt Eichler. „Es hatte sich einfach nie jemand mehr darum gekümmert.“ Der Bürgermeister staubte den Bebauungsplan ab, krempelte die Ärmel hoch und kümmerte sich. Mittlerweile werden im Landkreis die ersten Bauanträge neu zugezogener Rothenburger geprüft. „Wenn es gut läuft, fangen die ersten Familien dieses Jahr noch anzubauen.“
Stadtfest attraktiver gestaltet
Unter seiner Führung gelang es, das Image des Stadtfestes zu verbessern. Über viele Jahre waren die Besucherzahlen zurückgegangen. „Als ich 2022 ins Amt kam, war mir klar: Das müssen wir ändern“, sagt Eichler. Im Rathaus gab es über mehrere Jahre eine Stelle, die sich um die Organisation des Festes kümmerte. Das Fest ist jetzt ein Betrieb gewerblicher Art. Also ein eigener Wirtschaftsbetrieb der Stadt. Das ermöglicht es, die Einnahmen zum Beispiel für Künstlerhonorare zu nutzen, aber auch Defizite auszugleichen. An drei Abenden bei freiem Eintritt gute Künstler erleben - der Erfolg gibt dem Rothenburger Bürgermeister recht: Früher kamen rund 10.000 Besucher, mittlerweile sind es 20.000 bis 30.000.
Bürgermeister pflegt Kontakte zur Landesregierung
Wichtig ist dem Bürgermeister der gut 4.000 Einwohner zählenden Stadt auch ein guter Kontakt zum Land. Den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, der in der Region seinen Wahlkreis hat, kennt Eichler persönlich. „Der kaufte bei uns schon seine Würste, als ich noch in der Babyschale lag.“ In Rothenburg befindet sich eine wichtige Einrichtung des Freistaats, die Hochschule der sächsischen Polizei. Sie sollte vor einiger Zeit erweitert werden. Eichler nutzte die Chance. Die Stadt wollte eine neue Oberschule, eine Mehrzweckhalle und ein Bürgerzentrum bauen. „Da war es logisch, sich zusammenzutun“, sagt Eichler. Die Kommune verkaufte dafür Grundstücke ans Land, und nutzte den Erlös daraus, um die Eigenanteile für die Neubauten aufzubringen. „Das hat nur funktioniert, weil wir den Freistaat als Partner begriffen haben“, sagt Eichler. „Viele Menschen vergessen oft, dass auch die Staatsregierung nur das Beste für das Land will – und das ist eigentlich schade.“
„Lieber treffe ich irgendeine Entscheidung als keine.“
Doch für den Erfolg als Bürgermeister reicht es nicht aus, die Ärmel hochzukrempeln und kreativ zu sein. „Ein guter Bürgermeister ist immer nur so gut wie seine Verwaltung und seine Kämmerei“, sagt Philipp Eichler. „Wenn man mit der Kämmerin gut zusammenarbeitet, lassen sich auch Stellschrauben drehen, wenn es nötig ist.“ Dabei ist der Rothenburger Bürgermeister überzeugt davon, dass es gut war, in der Meisterschule Betriebswirtschaft gehabt zu haben. Denn manches läuft auch im Rathaus wie im Handwerksbetrieb: „Man muss unterscheiden können, was wichtig und was unwichtig ist“, sagt Eichler. „Auch wenn man uns auf der Verwaltungsfachhochschule in Meißen beibringen wollte, dass man als Bürgermeister nie wirtschaftlich denken sollte – am Ende bin ich doch da eher bei der Kämmerin, die sagt: Was ich in meinem Häuschen einnehme, kann ich dafür auch wieder ausgeben.“
Eisenbahn als großes Hobby
Manchmal gelingt es dem Rothenburger Bürgermeister sogar, sein Hobby mit dem Beruf zu verbinden. Denn eines seiner großen Hobbys ist die Eisenbahn: In seinem Büro hängt die Skizze einer Dampflok, Baureihe 50. Und als er sieben Jahre alt war, waren Eichlers Eltern Gründungsmitglieder eines Vereins, der die alte preußische Kleinbahn, die einst von Horka nach Rothenburg fuhr, wieder zum Leben erwecken will. Seitdem engagiert sich Eichler dort, hilft beim Streichen von Waggons und schraubt an Lokomotiven herum. Mittlerweile ist die alte Bahnlinie wieder nach dem Eisenbahngesetz gewidmet, mehrmals im Jahr finden Sonderfahrten statt. Doch das reicht dem Bürgermeister nicht. „Ich hoffe darauf, dass wir auch wieder reguläre Züge, zum Beispiel für den Schülerverkehr fahren lassen können“, sagt Eichler. Und er träumt davon, dass die beiden Gewerbegebiete der Stadt, die beide über einen Gleisanschluss verfügen, eines Tages wieder im Güterverkehr bedient werden.

Einstweilen will Eichler aber erst einmal selbst in den Führerstand einer der Lokomotiven klettern, die sich im Vereinsbesitz befinden. „Um die Diesellokomotive für unsere Anschlussbahn zu führen, will ich mich weiterbilden lassen", sagt der Bürgermeister. Damit er dann mit der alten Rangierlok, die er schon seit seinen Kindertagen kennt, auch einmal selbst durch seine Heimat fahren kann.


