Porträt
Einstiegsdroge Ortsbürgermeister
Seine Besucher empfängt Tim Tietz in der alten Wohnung seiner Oma. Vor ein paar Jahren, als er seine Ausbildung zum Anlagenmechaniker begonnen hatte, ist er ins Dachgeschoss seines Elternhauses gezogen. Mit einem Freund hat er das Bad renoviert, „als Handwerker kann man das schließlich.” Doch heute hängt über der Pinnwand im Wohnzimmer auch die Kette des Ortsbürgermeisters von Lauenstein, einem 2.000 Einwohner zählenden Ortsteil von Salzhemmendorf im Weserbergland.
Junger Ortsbürgermeister schon vorher im Ortsbeirat
Der Gaming-PC in der Zimmerecke wird von dem mittlerweile 23-Jährigen nicht mehr nur zum nächtlichen Computerspiel mit Freunden benutzt: Auch seine offizielle Post erledigt Tietz an dem Gerät. 2021 wurde Tietz zum ersten Mal in den Ortsbeirat von Lauenstein gewählt. Das Dorf gehört zum Flecken Salzhemmendorf im Landkreis Hameln-Pyrmont. Als der ehrenamtliche Ortsbürgermeister nach einiger Zeit aufgab, wurde Tietz einstimmig zu dessen Nachfolger gewählt. „Ich habe mich immer schon für Politik interessiert“, sagt Tietz. Der Politikunterricht in der Schule habe ihn geprägt. Dann habe er sich bei den Wahlen aufstellen lassen, um einfach mal zu gucken, wie das so läuft.
Ortsbürgermeisteramt - auch für Anfänger beherrschbar
„Ein Ortsbürgermeisteramt eignet sich gut als Einstiegsdroge in die Kommunalpolitik“, sagt Tietz. Denn die Aufgaben eines Ortsbürgermeisters seien auch für Anfänger beherrschbar: „Es gibt pro Jahr vier bis fünf Sitzungen des Ortsrates, die man leiten muss“, erzählt Tietz. Das Budget eines Ortsteils wie Lauenstein beträgt einige tausend Euro pro Jahr: Diese Mittel können etwa für die Vereinsförderung, für neue Parkbänke oder ein Dorffest ausgegeben werden. Größere Investitionen etwa in die Reparatur von Straßen, die Straßenbeleuchtung, aber auch Fragen der Kanalisation oder von Schule und Kindergarten werden indes eine Ebene höher, auf der Gemeindeebene, entschieden. Und hier hat Tim Tietz derzeit ein Problem: „Ich hatte mich damals nicht für den Gemeinderat aufstellen lassen“, sagt Tietz. „Deswegen bin ich da heute nicht dabei, und kann den Sitzungen nur als Zuschauer zuhören.“ Doch im Gemeinderat wird vieles entschieden, was auch für seinen Ortsteil relevant sei.

Wie noch mehr junge Leute den Weg in die Kommunalpolitik
finden, bleibt die Eine-Million-Euro-Frage.“
Bei den nächsten Kommunalwahlen in Niedersachsen im Herbst allerdings wird das anders sein. „Ich will dann auch für den Gemeinderat und den Kreistag kandidieren“, sagt Tietz. „Ich denke, dass es wichtig ist, dass ich als Ortsbürgermeister auch auf den höheren Ebenen mit dabei bin: Nur so kann ich wirklich etwas für Lauenstein erreichen.“ Die Menschen kommen mit vielen Sorgen und Anliegen auf ihn zu, vom neuen Schlagloch in der Straße über den ungepflegten Grünstreifen bis zum handfesten Nachbarschaftsstreit. Manches kann er nur an die Gemeindeverwaltung weitergeben, „hier hilft es dann, dass man sich kennt, und weiß, wer zuständig ist, und ein Problem auch lösen kann.“ Wenn sich dagegen zwei Lauensteiner über irgendwelche Äste streiten, die in den Nachbargarten hinüberhängen, versucht Tietz auch schon einmal, selbst den Konflikt zu lösen. „Wer mit beiden Seiten sprechen kann, kann oft auch die Probleme regeln“, ist der junge Bürgermeister überzeugt.
Anzug und Amtskette werden selten herausgeholt
Wie haben die Lauensteiner darauf reagiert, dass ein Handwerker, Anfang 20, plötzlich ihr Bürgermeister sein soll? „Ich bin ja hier aufgewachsen, im Schützenverein und meine Familie lebt schon lange in Lauenstein“, sagt Tietz. „Die meisten Menschen kennen mich hier schon, seit ich ein kleines Kind war, das hat geholfen.“ Heute bemüht sich der Ortsbürgermeister, zum Beispiel bei Veranstaltungen der Lauensteiner Vereine präsent zu sein. Und der Geburtstagskaffee mit den 80 oder 90jährigen gehört ebenso zum festen Programm des Mannes, der streng genommen sogar der Urenkel mancher Jubilare sein könnte. „Da gibt es dann eine Urkunde von der Gemeinde, Blumen und Sekt – und ich komme in Kontakt mit der älteren Generation.“ Einen Anzug allerdings trägt Tim Tietz dann nicht. „Ich gehe da hin, wie ich Lust habe“, sagt der Bürgermeister. „Das ist nicht so formell, wie man sich das vorstellt – das passt in meinem Alter, glaube ich, auch nicht.“ Auch die Amtskette trägt Tietz nur selten. Für die Fotos von „Kommunal“ kann er sie nicht anlegen. „Da müsste ich jetzt erst eine Zange holen, und erst einmal die Nägel aus der Wand ziehen...“
Jüngere Generation angesprochen
Wie noch mehr junge Leute den Weg in die Kommunalpolitik finden können? Das bleibt aus Sicht von Tietz die „Eine-Million-Euro-Frage“. Er meint: „Meine Freunde finden das zwar alle total geil, was ich hier mache, aber von denen könnte es sich keiner selbst vorstellen.“ Es sei nicht nur ein Klischee, dass die Kommunalpolitik überaltere, sagt Tietz. Kommunalpolitik sei oft „eine eher theoretische Arbeit, wo man viel reden muss“, sagt Tietz. „Und wenn man jung ist, muss man sich ja auch ein Stück weit erst finden und gucken, was will ich überhaupt machen.“ Da kann es hinderlich sein, die Verpflichtungen eines Ehrenamtes einzugehen. Immerhin: Seit er die Sitzungen des Ortsbeirats leite, kämen mehr Zuschauer. Es habe sich herumgesprochen, dass Tietz auch die Themen der jüngeren Generation anspreche, zum Beispiel den Busverkehr.
Tim Tietz will in den Gemeinderat und in den Kreistag
„Ohne Auto kann man mit dem Bus, der zehnmal am Tag kommt, nach Hameln fahren“, sagt Tietz. „Und von Marienau, dem Nachbarort, mit der Bahn.“ Aber oft seien die Verbindungen nicht optimal. „Ohne Auto ist man hier aufgeschmissen“, sagt Tietz, der sich deshalb auch dafür einsetzen will, dass sich die Verkehrsanbindung in seinem Dorf in den nächsten Jahren verbessert. „Wir diskutieren gerade über neue Busfahrpläne.“ Doch die Verkehrsgesellschaft verweise auf die wenigen vorhandenen Fahrgäste - „weil die Anbindung so schlecht ist, fährt eben auch niemand mit“, sagt Tietz. „Das ist ein Teufelskreis.“ Und eine bessere Anbindung würde zwar zu mehr Fahrgästen, aber auch zu deutlich höheren Kosten führen. Doch Tim Tietz will an diesem Thema dranbleiben, und dann bald auch im Gemeinderat und Kreistag. Und sogar eine Kandidatur für den Landtag oder den Bundestag kann sich der junge Handwerker perspektivisch einmal vorstellen. Denn der Lauensteiner Ortsbürgermeister scheint mittlerweile wirklich Feuer gefangen zu haben für die Kommunalpolitik.


