Analyse
4 Hebel gegen zuviel Autoverkehr in Innenstädten
Weniger Blech, mehr Leben: Städte in Europa zeigen, wie sich der Autoverkehr zurückdrängen lässt, ohne dass Innenstädte an Erreichbarkeit oder Attraktivität verlieren. Eine vergleichende Analyse von sieben europäischen Kommunen, von der Metropole Paris bis zur Mittelstadt Villach, macht deutlich: Verkehrsreduzierte Innenstädte entstehen nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis klarer Zielbilder, politischer Konsequenz und einer engen Zusammenarbeit von Politik, Verwaltung und Stadtgesellschaft, ergab eine vergleichende Analyse des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR).
Das Spektrum der untersuchten Städte reicht von großen Städten wie Wien und Zürich bis zu kleineren, teils peripher gelegenen Kommunen wie Umeå in Schweden, Pontevedra in Spanien oder Villach in Österreich. Die Stadt in Kärtnen setzt auf einen Mix aus Verkehrsberuhigung, Ausbau umweltfreundlicher Mobilität und langfristiger Planung: Große Teile des Stadtzentrums sind als Fußgängerzone oder Tempo-30-Bereiche gestaltet, um Durchzugsverkehr zu vermeiden und die Aufenthaltsqualität zu erhöhen. Parallel investiert Villach gezielt in den Ausbau von Rad- und Fußwegen sowie in ein attraktiveres Angebot des öffentlichen Verkehrs, um Alternativen zum Auto zu stärken. Grundlage dafür ist das Mobilitätskonzept Villach 2035, das eine schrittweise Verlagerung vom motorisierten Individualverkehr hin zu nachhaltigen Verkehrsmitteln vorsieht und durch intelligente Verkehrssteuerung sowie datenbasierte Planung ergänzt wird.
Trotz sehr unterschiedlicher Größen, räumlicher Strukturen und Ausgangslagen zeigen sich in der BBSR-Analyse bemerkenswert ähnliche Handlungsmuster.
Vier Hebel für verkehrsreduzierte Innenstädte
Der Wandel beginnt meist im Quartier. Dort, wo die negativen Folgen des Autoverkehrs besonders spürbar sind, investieren Städte gezielt in die Aufwertung von Wohn- und Innenstadtbereichen. Mehr Aufenthaltsqualität, Schulstraßen, breitere Gehwege oder neue Fußgängerzonen sind typische Maßnahmen. Ihre Wirkung entfalten sie vor allem dann, wenn sie konsequent mit Einschränkungen für den Autoverkehr verbunden werden. Paris koppelt die Umgestaltung ganzer Viertel systematisch an Tempolimits, Durchfahrtsbeschränkungen und den Rückbau von Fahrspuren. Pontevedra geht noch weiter und unterbindet den Durchgangsverkehr in der Innenstadt weitgehend.
Weniger Parkplätze in der Innenstadt
Ein zweiter zentraler Hebel ist das Parkraummanagement. In allen untersuchten Städten zählt es zu den effektivsten Steuerungsinstrumenten. Öffentliche Stellplätze werden schrittweise reduziert, Parkgebühren angepasst und nach transparenten, sachlichen Kriterien gestaltet, etwa nach Flächenverbrauch, Umweltwirkungen oder Nutzungszwecken. Gleichzeitig schaffen die Städte Alternativen am Stadtrand, etwa durch Park-and-Ride-Angebote, Parkhäuser oder kostenfreie Stellplätze. Entscheidend ist die Kombination aus Verknappung im Zentrum und verlässlichen Ausweichmöglichkeiten außerhalb.
ÖPNV wird ausgebaut
Parallel dazu legen erfolgreiche Städte ihren Fokus auf den Ausbau und die Priorisierung des öffentlichen Verkehrs. Dichtere Takte, neue Linien und Vorrangregelungen im Straßenraum machen Busse und Bahnen zu echten Alternativen zum Auto. Während Metropolen wie Paris massiv in den Netzausbau investieren, setzen Städte wie Wien oder Zürich auf Angebotsqualität, Zuverlässigkeit und einfache Tarifsysteme. Auch kleinere Städte wie Umeå zeigen, dass eine konsequente Bevorrechtigung von Bussen im Straßenraum deutliche Wirkungen entfalten kann.
Radfahrer und Fußgänger stärker im Blick
Der vierte Hebel ist die systematische Stärkung des Rad- und Fußverkehrs. Erfolgreiche Kommunen entwickeln durchgängige Radverkehrsnetze und verbessern die Bedingungen für das Zufußgehen durch Flächenumverteilung, sichere Querungen und eine klare Orientierung im Stadtraum. Städte wie Delft oder Pontevedra machen zudem sichtbar, wie kurz viele Alltagswege tatsächlich sind, und verändern damit Mobilitätsroutinen nachhaltig.
Ohne Stadtumbau kein Wandel
Ein zentrales Ergebnis der Analyse lautet: Angebotsverbesserungen allein reichen nicht aus. Spürbare Veränderungen im Verkehrsverhalten entstehen erst dann, wenn attraktive Alternativen mit einem sichtbaren Umbau der Straßenräume einhergehen und auch Einschränkungen für den Autoverkehr bewusst in Kauf genommen werden. Tempolimits, Parkraumbewirtschaftung, Fahrspurabbau oder Durchfahrtsbeschränkungen sind keine Nebeneffekte, sondern notwendige Bestandteile erfolgreicher Strategien. Städte wie Paris oder Pontevedra zeigen, dass der Mut zu solchen Maßnahmen entscheidend ist.
Was erfolgreiche Städte begünstigt
Erfolgreiche Strategien zur Reduktion des Autoverkehrs basieren auf einem klaren Zielbild für eine lebenswerte, sichere und gut erreichbare Stadt. Mobilitätsplanung wird dabei nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil einer integrierten Stadtentwicklungsstrategie. Maßnahmenpakete unterstützen Gesundheits-, Klima- und Sozialziele ebenso wie die Stärkung der Innenstadt.
Häufig beginnt die Umsetzung mit Verkehrsversuchen, temporären Umgestaltungen und Pilotprojekten. Sie ermöglichen Beteiligung, sammeln Erfahrungen und helfen, schrittweise Akzeptanz für den angestrebten Wandel aufzubauen. Eine transparente und positive Kommunikation stellt dabei den konkreten Nutzen für den Alltag der Menschen in den Mittelpunkt.
Begünstigend wirken zudem bestimmte Rahmenbedingungen: ein hoher Problemdruck durch Staus, Lärm oder Verkehrsunfälle, ein gut ausgebauter öffentlicher Verkehr mit attraktiven Stadt-Umland-Verbindungen sowie neue Mobilitätsangebote wie E-Bikes oder Sharing-Systeme. Auch demografische Faktoren spielen eine Rolle. Eine junge, gut ausgebildete Bevölkerung ist häufig offener für neue Mobilitätsformen und unterstützt Transformationsprozesse.
Was deutsche Städte daraus mitnehmen können
Die Beispiele zeigen: Verkehrsreduktion funktioniert in Großstädten ebenso wie in Mittel- und Kleinstädten, wenn sie strategisch angegangen wird. Entscheidend sind integrierte Konzepte, die Stadtentwicklung und Verkehr zusammen denken, der gezielte Einsatz von Push- und Pull-Maßnahmen sowie der politische Wille, den öffentlichen Raum neu zu verteilen. Verkehrsreduzierte Innenstädte sind damit weniger eine Frage der Stadtgröße als eine Frage der konsequenten Umsetzung.
Weitere Informationen zur Verkehrspolitik europäischer Städte.
Fallstudien für verkehrsreduzierte Innenstädte in Europa zum Herunterladen:

