Tarifverhandlungen
Nahverkehr steht still: Wo überall gestreikt wird
Bundesweit legen Warnstreiks am Montag, 2. Februar, im kommunalen Nahverkehr ganze Städte lahm. Was für viele Fahrgäste zunächst wie ein regionales Ärgernis wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als flächendeckendes Phänomen: In zahlreichen Groß- und Mittelstädten stehen Busse, Straßenbahnen und U-Bahnen an diesem Montag, 2. Februar, gleichzeitig still. Der öffentliche Verkehr, das Rückgrat urbaner Mobilität, fällt punktuell, aber koordiniert aus.
NRW: ÖPNV fast vollständig eingestellt
Besonders deutlich zeigt sich das in Nordrhein-Westfalen. Im dicht besiedelten Ruhrgebiet sowie in den großen Rheinmetropolen ist der ÖPNV nahezu vollständig eingestellt. In Städten wie Köln, Düsseldorf, Dortmund, Duisburg und Bielefeld bleiben Stadtbahnen und Busse in den Depots. Auch in Wuppertal, Solingen und Remscheid fährt kaum etwas. Für viele Pendlerinnen und Pendler bedeutet das: kein verlässlicher Ersatz, volle Straßen und lange Wege. Der Stillstand trifft hier Millionen Menschen gleichzeitig. Mehr Informationen.
In Berlin fahren U-Bahn, Straßenbahn und Busse nicht
Auch die Hauptstadt ist betroffen. In Berlin ruht der Betrieb bei der BVG. U-Bahn, Straßenbahn und Busse fahren nicht, während S-Bahn und Regionalzüge weiterhin unterwegs sind. Die Trennung der Systeme wird für viele Fahrgäste erst in solchen Situationen sichtbar. Was nicht zum kommunalen Nahverkehr gehört, bleibt in Betrieb, was kommunal organisiert ist, steht still. Straßenbahnen fahren ohne Fahrgäste, damit die Oberleitungen nicht erneut vereisen.
Hamburg: Nur die S-Bahn fährt
Im Norden ist die Lage ähnlich angespannt. In Hamburg sind große Teile des städtischen Netzes betroffen, insbesondere U-Bahnen und Busse. Auch hier fahren S-Bahnen weiter, doch sie können den Ausfall des innerstädtischen Netzes nur begrenzt kompensieren. In Schleswig-Holstein stehen die Stadtbusse in mehreren kreisfreien Städten vollständig still, darunter Kiel, Lübeck, Neumünster und Flensburg. Gerade in Städten ohne schienengebundenen Nahverkehr bedeutet das faktisch einen Totalausfall des öffentlichen Verkehrs. Weitere Informationen zum Streik und den Auswirkungen in Hamburg.
In Ostdeutschland trifft der Streik mehrere urbane Zentren gleichzeitig. In Leipzig, Dresden, Chemnitz und Zwickau kommt der Straßenbahn- und Busverkehr weitgehend zum Erliegen. Für Städte, in denen die Straßenbahn das Rückgrat des Verkehrs bildet, sind die Auswirkungen besonders spürbar. Der Ausfall trifft nicht nur Berufspendler, sondern auch Schulen, Kitas und soziale Einrichtungen. In Brandenburg sind laut der Gewerkschaft Verdi alle kommunalen Verkehrsunternehmen vom Streik betroffen, vom Verkehrsbetrieb Potsdam bis zum Cottbusverkehr und der Regionalen Verkehrsgesellschaft Dahme-Spree.
Rheinland-Pfalz: Bahnen fahren in der Metropolregion Rhein-Neckar
Auch in Rheinland-Pfalz stehen vielerorts Busse und Bahnen still, unter anderem in Mainz, Trier und Kaiserslautern. Gleichzeitig gibt es regionale Ausnahmen, die zeigen, wie kleinteilig die Streiklandschaft ist. In der Metropolregion Rhein-Neckar etwa fahren die Bahnen weiterhin, weil dort andere tarifliche Regelungen gelten. Für Fahrgäste ist das kaum vermittelbar: Während in der einen Stadt nichts fährt, läuft der Betrieb wenige Kilometer weiter scheinbar normal.
Auch in Bayern ruft Ver.di in der aktuellen Tarifrunde bei den kommunalen Nahverkehrsunternehmen die Beschäftigten zum Warnstreik auf. "Betroffen sein können alle Verkehrsunternehmen, in denen der Tarifvertrag Nahverkehr Anwendung findet", heißt es auf der Homepage der Dienstleistungsgewerkschaft in Bayern. "Insbesondere in München, Nürnberg, Augsburg, Regensburg, Bamberg, Passau, Landshut und Schweinfurt ist mit erheblichen Auswirkungen zu rechnen."
In Niedersachsen fahren die Busse und Bahnen. Dort gilt bis Ende März dieses Jahres für die rund 5000 Beschäftigten der kommunalen Verkehrsbetriebe die sogenannte Friedenspflicht. Sie war mit den Gewerkschaften vereinbart worden.
Kommunen müssen Ausfall managen
Der Blick auf die betroffenen Städte macht deutlich, worum es in diesem Arbeitskampf geht. Es ist kein punktueller Warnstreik, sondern eine bewusst sichtbare Unterbrechung kommunaler Daseinsvorsorge. Der Nahverkehr fällt dort aus, wo er kommunal organisiert, finanziert und politisch verantwortet wird. Für Städte und Gemeinden bedeutet das einen doppelten Druck: Sie müssen den Ausfall managen, informieren und abfedern.
Für die Fahrgäste bleibt am Streiktag vor allem die Erfahrung, wie abhängig der Alltag vom Funktionieren des kommunalen Nahverkehrs ist. Und für die Kommunen wird sichtbar, dass Tarifkonflikte im ÖPNV keine abstrakten Auseinandersetzungen sind, sondern unmittelbar auf der Straße ankommen – in Form leerer Haltestellen, voller Autos und einer Stadt, die sich nur noch eingeschränkt bewegt.
Worum geht es bei dem Streik?
Im Kern geht es bei dem Streik nicht um ein einzelnes Detail, sondern um die grundsätzlichen Arbeitsbedingungen im kommunalen Nahverkehr. Anders als bei vielen früheren Arbeitskämpfen steht diesmal weniger die prozentuale Lohnerhöhung im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie belastbar der Arbeitsalltag für Fahrerinnen, Fahrer und Werkstattpersonal noch ist. In Bayern, Brandenburg, dem Saarland, Thüringen und bei der Hamburger Hochbahn wird zusätzlich über höhere Löhne und Gehälter verhandelt.
Ausgelöst wurde der Konflikt durch die laufenden Tarifverhandlungen zwischen der Gewerkschaft ver.di und den kommunalen Arbeitgeberverbänden. Die Gewerkschaft argumentiert, dass der Nahverkehr seit Jahren am Limit arbeitet – nicht nur technisch, sondern vor allem personell. Hoher Krankenstand, viele Überstunden, kurzfristige Dienstplanänderungen und Schichtfolgen mit wenig Erholungszeit seien in vielen Betrieben zur Normalität geworden.
Was fordert die Gewerkschaft ver.di?
Konkret fordert ver.di unter anderem kürzere Schichten, längere Ruhezeiten zwischen den Diensten, zusätzliche freie Tage sowie höhere Zuschläge für Nacht-, Wochenend- und Wechselschichtarbeit. Ziel ist es, die Arbeitsbelastung zu senken und den Beruf wieder attraktiver zu machen. Hintergrund ist der wachsende Fachkräftemangel im Nahverkehr: Viele Verkehrsunternehmen finden kaum noch neues Personal, gleichzeitig steigen die Anforderungen durch dichtere Takte und höhere Fahrgastzahlen.
Wie ist die Position der Arbeitgeber?
Die Arbeitgeberseite verweist hingegen auf die angespannte finanzielle Lage vieler Kommunen. Kürzere Arbeitszeiten oder zusätzliche freie Tage würden entweder mehr Personal erfordern – das vielerorts nicht verfügbar ist – oder zu deutlich höheren Kosten führen. Diese müssten am Ende von Städten und Landkreisen getragen werden, die ohnehin unter hohem Spardruck stehen.
