Smart City
Von der Bürger-App bis zum kommunikativen Gesamtkonzept
Ob Terminbuchung im Bürgerbüro, Mängelmelder oder stadtteilspezifische Nachrichten: Digitale Bürger-Apps entwickeln sich für immer mehr Kommunen zu einem wichtigen Werkzeug. Sie ermöglichen direkte, personalisierte Kommunikation – unabhängig von sozialen Netzwerken und deren Algorithmen. Gleichzeitig wächst das Angebot an App-Lösungen rasant.
Bad Belzig: Bürger-App als Pilotprojekt
Die Stadt Bad Belzig in Brandenburg startete ihre kommunale App als Pilotprojekt des Landes. Die Stadt wollte Bürgerinnen und Bürgern in einer strukturschwachen Region eine digitale Plattform für lokale Angebote bieten – von Verwaltungsleistungen über Vereinsinformationen bis zu Veranstaltungshinweisen. Die App-Lösung liegt auf einer Open-Source-Plattform und läuft inzwischen in rund 50 Kommunen bundesweit.

Bad Belzig zahlt rund 12.000 Euro pro Jahr für Hosting, Wartung und Betrieb. Damit bleibt die Lösung auch für kleinere Kommunen erschwinglich. Rund 5.000 Menschen haben die App in Bad Belzig heruntergeladen – das entspricht etwa der Hälfte der Einwohnerzahl. Etwa 1.000 Nutzerinnen und Nutzer öffnen sie monatlich. Besonders häufig werden der Mängelmelder und der Abfallservice genutzt. Die inhaltliche Pflege übernimmt derzeit noch ein Projektteam. Mittelfristig soll ein Redaktionsnetzwerk aus der Zivilgesellschaft diese Aufgabe übernehmen. Geplante Erweiterungen umfassen Ortsteil-Funktionen, einen Jugendbereich sowie einen Ausbau des Tourismus-Moduls.
Augsburg: Digitale Bürgerservices zentral bündeln
Die bayerische Stadt Augsburg nutzt das gleiche App-Modell wie Bad Belzig. Die Stadt will ihren Bürgerinnen und Bürgern damit vor allem eine zentrale digitale Anlaufstelle bieten. Im Oktober 2025 startete die „Augsburg City"-App. Die Einrichtung kostete einmalig rund 75.000 Euro. In Bad Belzig übernahm das Land diese Anfangskosten im Rahmen des Pilotprojekts. Die jährlichen Betriebskosten liegen in Augsburg bei rund 18.000 Euro – aufgrund der größeren Stadt höher als in Bad Belzig. Für eine Stadt mit rund 300.000 Einwohnerinnen und Einwohnern bleibt die Lösung dennoch vergleichsweise günstig. Oberbürgermeisterin Eva Weber sagte zum Start: „Die neue App macht den Alltag in Augsburg einfacher und moderner. Digitalisierung ist bei uns kein Schlagwort, sondern gelebter Service für die Menschen in unserer Stadt."
Die App bündelt zahlreiche städtische Dienste: Parkdaten in Echtzeit, Hallenbad-Buchungen, Termine im Bürgerbüro sowie digitale Bewohnerparkberechtigungen. Auch Sportcard und Bibliotheksausweis lassen sich in der App hinterlegen. Nachrichten produziert die Stadt medienneutral im eigenen Newsroom und spielt sie gleichzeitig auf Website und App aus – das spart Ressourcen. Auch Warnmeldungen des Bundeswarnsystems NINA werden automatisch übernommen. Die App kommt ohne Registrierungspflicht und Werbung aus. Das schützt Nutzerdaten und stärkt die digitale Souveränität der Stadt gegenüber kommerziellen Plattformen.
Solingen: Stadt-App als Teil der Smart-City-Strategie
In Solingen ist die Stadt-App Teil einer umfassenderen Smart-City-Strategie. Die Stadt gehörte 2019 zu den ersten geförderten Kommunen im Programm „Modellprojekte Smart Cities" und erhielt rund neun Millionen Euro. Daraus entstanden nicht nur eine App, sondern auch digitale Informationsstelen im gesamten Stadtgebiet – sowie ein gemeinsames Daten-Backend, das alle Kanäle speist.

Nils Gerken, Chief Digital Officer der Stadt Solingen, beschreibt den Ansatz so: „Unsere Stadt-App ist für uns ein Kanal von vielen. Sie gehört zu einem Gesamtkonzept." Das Backend bündelt Geodaten, Sensordaten sowie Verwaltungs- und Servicedaten. Gerken erklärt: „Wir sammeln alle verfügbaren Daten in einem gemeinsamen Backend und können sie miteinander verknüpfen." Diese Daten stehen Bürgerinnen und Bürgern auf allen digitalen Stadtkanälen zur Verfügung. Sogar für Smart Homes lassen sie sich nutzen: Wetterdaten aus dem städtischen Sensornetz können beispielsweise Heizung oder Rollläden automatisch steuern.
Über ein einziges Dashboard werden Website, App und Informationsstelen gleichzeitig bespielt. Die App ist stark personalisierbar – künftig sollen stadtteilspezifische Informationen noch stärker im Vordergrund stehen. Sobald diese Funktion verfügbar ist, plant Solingen auch ein touristisches Modul: Stelen an Sehenswürdigkeiten sollen dann passende Informationen anzeigen, entlang von Wanderrouten können sich Besucherinnen und Besucher direkt zu Wegen und Zielen informieren. Für Menschen mit Sehbehinderung bietet die App laut Gerken besondere Vorteile: „Informationen sind für sie in der App am leichtesten zu erreichen."
Für Krisensituationen plant die Stadt außerdem einen Live-Ticker als Ergänzung zu Warn-Apps wie NINA. Diese informieren darüber, dass eine Gefahrenlage besteht – und wann sie aufgehoben ist. „Aber was passiert dazwischen?", fragt Gerken. „In Zukunft soll es Nachrichten im Live-Ticker-Stil zur Gefahrenlage geben – über die App und über die Stelen."
Wie robust das System ist, zeigte sich beim IT-Ausfall der Regio-IT Ende Februar dieses Jahres. Hier war auch Solingen betroffen. Die Stadt konnte ihre Stelen weiterhin ansteuern und Störungsmeldungen im gesamten Stadtgebiet ausspielen. Auch nach dem Terroranschlag in Solingen 2024 spielten die Stelen eine besondere Rolle: Eine Kerze mit dem Text „Solingen trauert …" erschien auf den Displays und ging bundesweit durch die Medien.
Die laufenden Betriebskosten des Systems liegen im unteren fünfstelligen Bereich – auch weil sich alle Kanäle ein gemeinsames Backend teilen. Die Weiterentwicklung erfolgt gemeinsam mit anderen Städten in der Anwendungsgemeinschaft eines kommunalen IT-Dienstleisters, darunter auch die Nachbarstadt Remscheid. „Die Weiterentwicklung im Anwenderkreis hält die Kosten überschaubar", sagt Gerken. Doch eine App erreicht nicht die gesamte Stadtbevölkerung. „Es gibt dazu verschiedene Studien", sagt Gerken. „Vermutlich erreicht man zwischen zehn und 20 Prozent der Menschen nicht über digitale Wege."
Leitfaden für Bürger-Apps: Was Kommunen beachten sollten
Orientierung zu den verschiedenen Apps bietet seit März 2025 ein Leitfaden des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung, erarbeitet vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering. Die Studie vergleicht Open-Source- und proprietäre Lösungen und empfiehlt, langfristige Betriebskosten von Anfang an einzuplanen.
Für kleinere Kommunen ist das Solinger Modell allein nur schwer zu stemmen. Gerken sieht das realistisch: „Für Mittel- und Kleinstädte ist es durchaus möglich, so ein System aufzusetzen. Kleine Gemeinden müssen sich vermutlich auf ihren Landkreis verlassen – oder auf interkommunale Zusammenarbeit." Als Beispiel nennt er ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer Kommunen in Südwestfalen.

