tierischer Praktikant
Henry im Rathaus: Dieses Lamm regiert
Es gibt Rathäuser, da riecht es nach Aktenstaub, Filterkaffee und dem letzten Versuch, die Grundsteuerreform in einen Satz zu pressen. Und es gibt Enzklösterle im Kreis Calw. Dort riecht es derzeit nach Milchfläschchen, frischem Heu und Bürgernähe. Der Grund heißt Henry, ist braun-meliert, trägt blaues Halstuch und hat als jüngster Rathauspraktikant mehr Herzen gewonnen als mancher Imagefilm.
Henry ist ein Lämmchen. Kein Maskottchen aus der Werbeagentur, kein Verwaltungsreformprojekt mit Wollanteil. Ein echtes Lamm, von seiner Mutter verstoßen und deshalb von Bürgermeisterin Sabine Zenker aufgezogen. Wer schon einmal eine Ratssitzung nach 22 Uhr erlebt hat, weiß: Das ist die gleiche Härteklasse, nur mit mehr Niedlichkeit.
Weil Henry seine Ziehmutter nicht aus den Augen lassen will, begleitet er Zenker durch den Arbeitsalltag. Ins Rathaus, zu Terminen, sogar in Sitzungen. Auf staksigen Beinen erkundet er Flure, Büros und Menschen, als wolle er prüfen, ob die kommunale Selbstverwaltung trittfest genug ist. Die Antwort: meistens ja. Nur der Teppichboden muss gelegentlich tapfer sein.
Die wohl ehrlichste Erklärung für Kommunalpolitik
Denn Henry bringt nicht nur Schwung ins Rathaus, sondern auch die eine oder andere Pfütze. Die Bürgermeisterin nimmt es gelassen. Im Grunde sei es wie mit einem Baby, nur ohne Windel. Das ist vielleicht die ehrlichste Beschreibung kommunaler Arbeit seit langem: Man kümmert sich, wischt auf, macht weiter und erklärt danach freundlich, warum das alles trotzdem sinnvoll war.
Die Mitarbeiter haben sich arrangiert. Steckdosen wurden gesichert, Zimmerpflanzen in Sicherheit gebracht, Knabbermaterial kritisch geprüft. Henry beißt an, was nicht niet- und nagelfest ist. Damit hat er eine Fähigkeit, die mancher Rechnungsprüfer schätzt: Er findet Schwachstellen sofort.
Auch bei den Bürgern kommt der wollige Amtshelfer bestens an. Ein Lamm löst keine Haushaltslöcher, baut keine Brücke, verkürzt keine Genehmigungsfrist. Aber es verändert die Stimmung. Kinder staunen, Erwachsene lächeln. Das Rathaus wirkt plötzlich nicht wie eine Behörde, sondern wie ein Ort, an dem Menschen arbeiten, improvisieren und mit Küchenpapier dem Leben hinterherwischen.
Was Kommunen von Tieren lernen können
Henry ist nicht allein auf weiter Flur. Weltweit haben Tiere gezeigt, dass sie für kommunale Öffentlichkeitsarbeit erstaunlich talentiert sind. In Idyllwild in Kalifornien wurde im Jahr 2012 ein Golden Retriever namens Max zum inoffiziellen Bürgermeister gewählt. Der Ort hat keine eigene Stadtregierung, also machte eine Tierschutzorganisation aus der Lücke eine Idee: Hunde und Katzen durften kandidieren, Stimmen kosteten Spenden. Heraus kam ein Bürgermeister auf Pfoten, der keine Haushaltsrede hielt, aber gute Laune verteilte.
In Talkeetna in Alaska regierte Kater Stubbs als Ehrenbürgermeister von 1997 bis 2017. Auch dort war das Amt symbolisch, aber die Wirkung real. Touristen kamen, fragten nach dem Bürgermeister und fanden ihn nicht im Sitzungssaal, sondern in seinem „Büro“ im Laden. Stubbs dürfte einer der wenigen Rathauschefs gewesen sein, dessen politische Botschaft aus Schnurren, Schlafen und strategischer Missachtung bestand.
Wenn eine Ziege Ehrenbürgermeisterin wird
Noch handfester wurde es in Fair Haven im US-Bundesstaat Vermont. Dort wurde 2019 die Nubische Ziege Lincoln zur Ehrenbürgermeisterin gewählt. Die Aktion sollte Geld für einen Spielplatz sammeln. Das Ergebnis war wunderbar kommunal: wenig Ideologie, viel Ortsgeist, klare Kasse. Lincoln gewann knapp, aber wer bei einer Ziegenwahl nach absoluter Mehrheit ruft, hat den Humor im Verwaltungsvorgang vergessen.
Auch Hunde haben politische Erfahrung gesammelt. In Cormorant in Minnesota wurde der Pyrenäenberghund Duke mehrfach symbolisch zum Bürgermeister gewählt. Seine Leitlinien sind nicht vollständig überliefert, dürften aber bei „mehr Leckerli, weniger Streit“ gelegen haben. Für manche Ratssitzung wäre das ein erstaunlich belastbares Wahlprogramm.
Der Trick heißt Nähe
Was diese Geschichten verbindet, ist nicht Klamauk um des Klamauks willen. Tiere senken die Schwelle. Sie machen Rathäuser zugänglich, geben Medien eine Geschichte und Bürgern einen Anlass, positiv über ihre Kommune zu sprechen. Das ist Gold wert, weil Verwaltungen oft nur dann Aufmerksamkeit bekommen, wenn etwas nicht funktioniert.
Natürlich ersetzt ein Lamm keine Personalstelle, ein Hund keine Bauamtssoftware und eine Ziege keine solide Haushaltsführung. Schade eigentlich, manche Ziegen würden beim Thema Schuldenbremse entschlossener schauen als Berlin. Aber Tiere schaffen Sympathie ohne Ausschreibung, Nähe ohne Kampagne und Gesprächsstoff ohne Krisenstab.
Die Lehre aus Enzklösterle ist deshalb nicht: Jedes Rathaus braucht ein Schaf. Die Lehre lautet: Jede Kommune braucht Geschichten, die zeigen, dass hinter dem Amt Menschen stehen. Wenn dann noch ein Lämmchen durchs Büro hüpft, umso besser. Henry macht vor, wie moderne Kommunal-Kommunikation funktioniert: echt, nahbar, frech und nicht stubenrein.
