Wirtschaft
Krise der Automobilindustrie: So kämpfen Bürgermeister
Uhingen verlor 1.200 Arbeitsplätze
Ein Beispiel ist Uhingen. Ein Ort im Speckgürtel von Stuttgart, dem Herz der schwäbischen Autoindustrie. Mercedes und Porsche produzieren in der Gegend. Und in Uhingen befand sich lange der Hauptsitz und das Werk der Metallverarbeitungsfirma „Allgaier Automotive“. Für Uhingen war das der wichtigste Arbeitgeber. „Wir hatten sehr gute Verbindungen zu unseren Schulen“, erinnert sich Bürgermeister Matthias Wittlinger. „Wir haben unsere Schüler bei Allgaier in die Ausbildung bekommen.“ Doch die Firma ging 2025 insolvent. In der Stadt mit ihren 14.300 Einwohnern fielen 1.200 Arbeitsplätze weg. Durch die Pleite sind nicht nur die Arbeitsplätze verloren gegangen: „Das heißt auch: 100 Leute, die Tag für Tag in der Stadt zum Mittagessen waren, sind nicht mehr da. Und auch in den Läden fehlen plötzlich die Kunden, die in der Mittagspause oder auf dem Nachhauseweg noch etwas eingekauft haben.“

100 Leute, die Tag für Tag in der Stadt zum Mittagessen waren, sind nicht mehr da. Und auch in den Läden fehlen plötzlich die Kunden, die in der Mittagspause oder auf dem Nachhauseweg noch etwas eingekauft haben."
Gerstungen von Automobilkrise schwer betroffen
Ein Bild, das man so auch in Gerstungen kennt. Einer Gemeinde im Westen Thüringens, an der innerdeutschen Grenze gelegen. Im benachbarten Eisenach baute die DDR den Wartburg, bis heute stellen dort 1.800 Menschen einen SUV von Opel her. Und in Gerstungen fand sich bis Ende letzten Jahres ein 700 Mitarbeiter beschäftigendes Werk des Automobilzulieferers „AE Group“. Es war der mit Abstand größte Arbeitgeber in der Kommune. Entgegen dem Trend in vielen Regionen in Thüringen mussten Jugendliche für eine gute Ausbildung nicht wegziehen. Doch auch die „AE Group“ ging in die Insolvenz.
Dettingen hofft auf Stabilisierung des Autozulieferers
Oder in Dettingen an der Erms, ebenfalls in Baden-Württemberg. Hier ist der Autozulieferer „Elring-Klinger“ ein wichtiges Unternehmen am Ort. Aber im Unterschied zu den beiden anderen Orten produziert die Firma noch. „Wir spüren dennoch einen massiven Rückgang der Gewerbesteuer“, sagt Bürgermeister Felix Schiffner. „Aber wir bleiben vorläufig optimistisch: Wir hoffen, dass dem Unternehmen die Transformation gelingt.“ Schwarzmalen will der Bürgermeister nicht. „Auch wenn wir natürlich um die Dramatik unserer Haushaltslage wissen.“
Aber was hilft den Kommunen?
Verhindern kann eine Gemeinde eine Wirtschaftskrise nicht. Man ist der Weltpolitik hilflos ausgeliefert. „Das grundsätzliche Todesurteil wurde durch die zu hohen Energiepreise sowie die Auftragsflaute in der deutschen Automobilindustrie gefällt“, sagt der Gerstunger Bürgermeister Steffan. Das wirke sich auch auf die Menschen vor Ort aus. „Die Stimmung bei uns im Ort ist teilweise gereizt“, sagt Steffan. „Die deutsche Politik will sich vom Verbrennungsmotor verabschieden - die Pleite von AE wird von den Betroffenen auch damit in Zusammenhang gebracht.“
Die Auswirkungen beschreibt der Thüringer Bürgermeister so: „Wenn Menschen die Gemeinde wegen fehlender Arbeitsplätze verlassen, hat dies mittel- bis langfristig gravierende Auswirkungen, vom Immobilienmarkt über den Einzelhandel bis zu den Schulen.“ Die Kommune bemüht sich deswegen darum, die Mitarbeiter in der Region zu halten. „Wir haben zusammen mit der Arbeitsagentur und der Transfergesellschaft eine Job-Messe organisiert. Hier beteiligten sich viele regionale Unternehmen und es konnten einige AE-Mitarbeiter in neue Jobs vermittelt werden.“
Ehemalige Mitarbeitende bei Jobmesse
Ganz ähnlich war es in Uhingen. Die Mitarbeiter von Allgaier kamen zunächst in eine Transfergesellschaft, anschließend gab es auch hier eine Jobmesse. „Natürlich wird nicht jeder seinen Traumjob finden, aber ich habe den Eindruck, dass man es hinbekommt, und jeder irgendwie weiterkommt.“ Manche der ehemaligen Beschäftigten des Autozulieferers heuerten auch bei der Gemeinde Uhingen selbst an. „Wir haben auf unsere ausgeschriebenen Stellen eine ziemlich gute Bewerberlage gehabt“, sagt Wittlinger. „Nach einer Insolvenz haben viele Menschen Interesse an einer sicheren Beschäftigung in der Kommune.“
In Baden-Württemberg kommt ein weiteres Problem hinzu: Die Anlage neuer Gewerbegebiete im Außenbereich ist für Uhingen nicht mehr möglich, sagt Wittlinger. Ein Rezept, das der Kommune viele Jahrzehnte lang geholfen hat, ist damit nicht mehr anwendbar. „Früher hatte man immer Alternativflächen, wo man neue Branchen ansiedeln konnte.“ Heute müsse man die Brachfläche, auf der Allgaier produzierte, neu entwickeln. Und das kann dauern. „In Deutschland reden wir uns oftmals selber schlecht und das muss aufhören.“
Der Dettinger Bürgermeister Schiffner setzt deswegen auf Transparenz. „Wir müssen gerade in einer Krise den Bürgern immer wieder erklären, warum wir als Kommune Dinge in einer bestimmten Weise entschieden haben“, sagt Schiffner. „Mit einmal Erklären wird es nicht getan sein. Alles, was wir uns heute leisten können, werden wir uns in Zukunft nicht mehr leisten können.“ Die Bürger in seiner Gemeinde wüssten sehr genau, was sie heute an Angeboten in Dettingen hätten. Ob man sich auch im Klaren darüber sei, dass es künftig weniger werden könnte, wisse er indes nicht. „Und wir müssen viel stärker als bisher auch auf das hinweisen, was wir uns auch weiter leisten können. Auf den Wohlstand, den wir haben.“ Denn verglichen mit anderen Regionen gehe es Baden-Württemberg insgesamt doch gut.

„Wir müssen gerade in einer Krise den Bürgern immer wieder erklären, warum wir als Kommune Dinge in einer bestimmten Weise entschieden haben.“
Und in Thüringen? Gerstungen ist gerade dabei, ein neues Gewerbegebiet zu erschließen. Aus der Insolvenz der „AE-Group“ hat man aber eine wichtige Lehre gezogen. „Wir werden in Zukunft das Klumpenrisiko reduzieren“, sagt Steffan. Was konkret heißt: Man will künftig auf möglichst kleinteilige und möglichst vielfältige Betriebe setzen, damit die Gemeinde nicht wieder leiden muss, wenn es einer Branche schlecht geht.

„Wir Bürgermeister sollten den Landes- und Bundestagsabgeordneten Druck machen, die Fehler der sogenannten Energiewende schnellstmöglich zu korrigieren.“
Der Bürgermeister von Gerstungen appelliert an seine Kollegen in ganz Deutschland: „Wir Bürgermeister sollten den Landes- und Bundestagsabgeordneten Druck machen, die Fehler der sogenannten Energiewende schnellstmöglich zu korrigieren.“ Die Unternehmen in Deutschland seien auf niedrige Strom- und Gaspreise angewiesen. Und doch bleiben beide Bürgermeister optimistisch. Denn eine Kommune kann zwar keine Weltmärkte drehen, keine Energiepreise senken und keine Auftragsbücher der Autoindustrie füllen. Aber sie kann dafür sorgen, dass eine Firmenpleite nicht zur Ortspleite wird. Sie kann Menschen zusammenbringen, Gerüchte bremsen, Ersatzarbeitsplätze sichtbar machen, Flächen neu ordnen und dem Ort eine Perspektive geben. In Uhingen und Gerstungen zeigt sich: Der Bürgermeister wird in solchen Momenten nicht zum Insolvenzverwalter. Er wird zum Kümmerer, Übersetzer und Standortmanager.


