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  3. Wenn die Industrie geht – und die Stadt bleibt
Strukturwandel in Sulzbach-Rosenberg
© Stadt Sulzbach-Rosenberg

Wirtschaftsförderung

Wenn die Industrie geht – und die Stadt bleibt

von Rebecca Piron
Stellvertretende Chefredakteurin | KOMMUNAL
17. Juni 2026
Kommunaler Strukturwandel in der Praxis: Stahl und Rohre in Sulzbach-Rosenberg, Glas und Kohle in Weißwasser. Wenn industrielle Großarbeitgeber verschwinden, stehen Kommunen unter Schock. Zwei Stadtoberhäupter erzählen, wie ihre Kommunen den Strukturwandel anpacken – mit eigenen Industrieflächen, neuen Behörden und einem klaren Bekenntnis zur Zukunft.

Im Jahr 2002 endete in Sulzbach-Rosenberg die Stahlerzeugung. Die Maxhütte, einst mit bis zu 9.000 Beschäftigten der Pulsschlag der 20.000-Einwohner-Stadt, schloss nach jahrelangem Ringen ihre Tore. Schon 1987 hatte der erste Konkurs die Stadt erschüttert. Und im September 2025 traf es nochmals einen Traditionsbetrieb: Das Rohrwerk Maxhütte – mit rund 300 Angestellten einer der letzten industriellen Arbeitgeber der Region – stellte den Betrieb endgültig ein. Jedes Mal stand dieselbe Frage im Raum: Was passiert mit einer Stadt, wenn ein prägender Arbeitgeber geht? Der kommunale Strukturwandel beginnt. 

Sulzbach-Rosenberg: Vom Stahlwerk zur Mittelstandsregion

„Ich hätte die Entscheidung damals exakt genau so getroffen wie mein Vorgänger – obwohl wir parteipolitisch ganz unterschiedlich aufgestellt sind", sagt Stefan Frank, seit 2024 Erster Bürgermeister von Sulzbach-Rosenberg, über seinen Amtsvorgänger Gerd Geismann. Der hatte unter dem Eindruck der absehbaren Schließung des Stahlwerks bereits in den 1990er-Jahren begonnen, an anderer Stelle Flächen anzukaufen und ein eigenes Industriegebiet zu entwickeln – in einer der höchstverschuldeten Kommunen Bayerns. 

Das Industriegebiet war die Voraussetzung dafür, dass die Stadt eine Zukunft hatte und hat.

Stefan Frank, Erster Bürgermeister der Stadt Sulzbach-Rosenberg

Stefan Frank, Bürgermeister von Sulzbach-Rosenberg über den kommunalen Strukturwandel in der Stadt

Diese vorausschauende Flächenpolitik hatte ihren Preis. Die Stadt musste mit den Konsequenzen leben. Das Hallenbad musste damals wegen der schlechten finanziellen Lage geschlossen werden. Das Freibad wurde zwischenzeitlich zwar grundsaniert, ein Hallenbad hat Sulzbach-Rosenberg jedoch bis heute nicht. „Das war bitter für die Stadt und die Menschen wünschen sich bis heute ein Hallenbad", sagt Frank.

Der langfristige Erfolg gibt der damaligen Entscheidung dennoch recht. Heute haben sich in der Stadt gleich mehrere mittelständische Weltmarktführer angesiedelt. Die Arbeitslosenquote lag zwischenzeitlich bei nur vier Prozent. Viele frühere Stahlwerksbeschäftigte konnten in der Stadt gehalten werden, weil sie in den neuen Betrieben unterkamen. Die Stadt hat mehr Einpendler als Auspendler – bemerkenswert für eine ehemalige Monostruktur-Kommune. Hinzu kam 2012 ein wissenschaftlicher Anker: Fraunhofer betreibt hier seinen Institutsteil zur Energiespeicherung und Kreislaufwirtschaft.

Die jüngste Schließung des Rohrwerks 2025 trifft die Stadt erneut. Doch auch hier ist die Kommune aktiv: Gemeinsam mit dem Jobcenter hat sie Unternehmen und Beschäftigte zusammengebracht, um neue Anstellungsverhältnisse zu ermöglichen. Nicht alle der 300 Betroffenen sind bisher vermittelt. Die Region kann den Verlust dennoch besser absorbieren als noch vor 20 Jahren – gerade weil damals die Weichen dafür gestellt wurden.

Weißwasser: Schrumpfen als Strategie

Eine ähnliche Frage hat man sich im sächsischen Weißwasser in der Oberlausitz gleich zweimal stellen müssen. Nach der Wende kollabierte hier die weltweit einst führende Glasindustrie. Von damals über 38.000 Einwohnerinnen und Einwohnern bleiben heute rund 15.000. Und der nächste Bruch ist absehbar: Bis 2038 endet die Braunkohleverstromung in der Lausitz.

Weißwasser hat früh auf aktives Stadtumbau-Management gesetzt. Schon 2001 beschloss der Stadtrat ein weitreichendes Konzept: Stadtumbau von außen nach innen. Über 4.400 Wohnungen wurden seither abgerissen, der Stadtkörper bewusst verdichtet, brachfallende Flächen aufgeforstet. Die Industrieruine der Gelsdorfhütte – Keimzelle der Glasindustrie – wird derzeit für rund 12,5 Millionen Euro zu einem modernen Standort umgebaut, finanziert fast vollständig aus dem Investitionsgesetz Kohleregionen. Parallel entstand auf einem ehemaligen Spezialglasareal ein soziokulturelles Zentrum. Die Stadt entwickelte zudem einen Industriepark, der viele Interessenten anzieht und für den weitere Flächen ausgewiesen werden sollen. Und 2020 holte die Stadt die Außenstelle des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) nach Weißwasser. Sie ist heute mit rund 240 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber der Region.

„Wir haben in Weißwasser eine große Lebensqualität", sagt Oberbürgermeisterin Katja Dietrich. „Aber bei vielen Älteren ist noch die Zeit im Kopf, als die Stadt deutlich größer und einflussreicher war." Ein Störfaktor für eine Stadt, die sich neu erfinden muss.

Wir stellen die positive Realität gegen die negativen Bilder in den Köpfen. Wir wollen dieses negative Bild nicht an die jüngeren Generationen weitergeben.

Katja Dietrich, Oberbürgermeisterin der Stadt Weißwasser

Katja Dietrich, Oberbürgermeisterin von Weißwasser, über kommunalen Strukturwandel in Ihrer Stadt

Dass diese Strategie greift, zeigt sich an den Prioritäten der jüngeren Bevölkerung. Bei den Jüngeren gehe es um die Dinge, um die es in allen Kleinstädten geht: bessere ÖPNV-Anbindung, Treffpunkte für Jugendliche. Die Arbeitsplatzfrage sei seit Jahren konsolidiert. Manche Betriebe bekämen bereits weniger Bewerbungen als früher. Erste Priorität der Wirtschaftsförderung sei deshalb, die bestehenden Unternehmen zu halten und ihnen Erweiterungsflächen anzubieten. Zweite Priorität: neue Ansiedlungen.

Kommunaler Strukturwandel: Was beide Städte eint – und was sie trennt

Zwei Städte, mehrere Strukturbrüche – und doch eine gemeinsame Erkenntnis: Wer den Strukturwandel nicht passiv erleidet, sondern aktiv gestaltet, kann viel erreichen. Auch wenn es lange dauert und teuer wird.

Beide Städte ringen jedoch mit strukturellen Hemmnissen, die über lokales Handeln hinausgehen. Bürgermeister Frank aus Sulzbach-Rosenberg kritisiert eine strukturelle Falle: „Wir haben es geschafft, durch das Industriegebiet neue Unternehmen anzusiedeln. Aber von der eingenommenen Gewerbesteuer bleibt quasi nichts im kommunalen Haushalt. Was hier erwirtschaftet wird, sollte hier bleiben." Sulzbach-Rosenberg ist trotz der Erfolge mit knapp 58 Millionen Euro neuverschuldet und beantragt Stabilisierungshilfen beim Freistaat Bayern. Weißwasser muss bei jedem Förderprojekt erst einmal den kommunalen Eigenanteil aufbringen.

Hinzu kommen ungeklärte Eigentumsverhältnisse auf ehemaligen Industrieflächen – ein Problem, das beide Städte lähmt. Das 40 Hektar große Stahlwerksareal in Sulzbach-Rosenberg ist seit 2002 weitgehend Brache, weil es überwiegend in Privatbesitz ist. „Davon könnte man mindestens 20 Hektar problemlos für Industrieansiedlungen nutzen", sagt Bürgermeister Frank. „Dafür würden wir bei den Bürgerinnen und Bürgern auch deutlich mehr Verständnis bekommen, als wenn wir jetzt für Ansiedlungen Wald kappen." Auch in Weißwasser sind Flächen aus dem Tagebau noch nicht freigegeben. Dietrich sagt klar: „Am Ende brauchen wir die Kooperation mit dem Land. Es handelt sich um einen Großkonzern, mit dem wir verhandeln möchten."

Auch Katja Dietrich fordert strukturelle Unterstützung von höherer Ebene: „Wir brauchen mehr Zusammenarbeit mit Bund und Land. Und wir brauchen einen Zusammenschluss der betroffenen Kommunen. Alle müssen gemeinsam verstehen, wie das Ende der Kohleverstromung sich auf die Region auswirken wird und wie wir effektiv gegensteuern können."

Fazit: Früh handeln, ehrlich berichten

Die Geschichten von Weißwasser und Sulzbach-Rosenberg sind keine gradlinigen Best-Practice-Beispiele mit Happy End, sie sind ehrliche Berichte von Städten, die kämpfen, planen, neu anfangen. Beide zeigen: Kommunaler Strukturwandel gelingt nicht durch Abwarten, sondern durch frühe Investitionsentscheidungen, aktives Flächenmanagement und den politischen Willen, die eigene Stadt nicht über ihre Verluste, sondern über ihre Möglichkeiten zu erzählen. Katja Dietrich formuliert es so: „Ich wünsche mir, dass die Jugendlichen die Stadt so sehen, wie sie ist – als wahnsinnig attraktive Kleinstadt."

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