kostenlosen Nahverkehr gibt es nicht - nirgends! Niemals! Beitragsfrei wäre immerhin denkbar!

Nahverkehr beitragsfrei? Das sind die Auswirkungen auf Kommunen!

Traum oder Albtraum? Gratis Bus und Bahn fahren klingt super! Die Folge wäre nicht weniger als der komplette Niedergang des öffentlichen Nahverkehrs, meint Christian Erhardt.

Der jüngste Vorstoß der geschäftsführenden Umweltministerin in Sachen Diesel-Fahrverbot ist kein Plan, er ist aberwitzig. So aberwitzig, dass einem das Lachen leider schnell im Halse stecken bleibt. Konkret frage ich mich, wann die Mitglieder dieser Bundesregierung zum letzten Mal morgens um halb sieben in einer durchschnittlichen Berliner U- oder S-Bahn gesessen haben. Ein Gedränge am Bahnsteig, überfüllte Züge, schlechter Geruch, und dann waren da noch die vier Todfeinde der Bahn: Also Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Irgendwas ist halt immer, und wenn es eine Weichenstörung ist. In der Situation sollen nun also Hunderttausende mit kostenlosen Tickets überredet werden, ebenfalls in die Bahn einzusteigen? Toller Plan. Jetzt bin ich mal optimistisch und halte an der völlig illusorischen Vorstellung fest, all die oben genannten Probleme würden von der Bahn von heute auf morgen gelöst. Dann strömen also Hunderttausende zusätzliche Berliner morgens um halb sieben ebenfalls auf die (jetzt sauberen) Bahnhöfe in die (tatsächlich pünktlich) fahrenden Bahnen. Dann wären sie erst recht völlig überfüllt, die Kapazitäten reichen nicht aus. Also braucht es neue Milliardeninvestitionen in neue Züge, mehr Personal (woher das auch immer kommen mag) und in eine deutlich dichtere Taktung. Das alles in einer Situation, in der (optimalerweise) Bund und Länder die Kosten übernehmen. Sprich: Ob Vandalismus oder kaputte Züge – was solls: Bund und Länder zahlen ja. Und was nichts kostet ist bekanntlich irgendwie auch nichts wert. Erinnern wir uns doch mal ohne Nostalgie an den durchschnittlichen Bahnschaffner der 80er Jahre. Das Ergebnis wird sein: muffelige Schaffner, überfüllte Züge und am Ende genervte Bahnfahrer, die ganz schnell wieder auf ihr Auto umsteigen. Und zwar in noch größerer Zahl als vor der Reform.

Zugegeben: Das ist das Worst-Case Szenario. Mit mehr als genügend Geld ließe sich da natürlich Abhilfe schaffen. Also rechnen wir mal durch: Durch die wegfallenden Einnahmen müssten zunächst rund 12 Milliarden Euro im Jahr kompensiert werden, durchaus noch machbar. Um mehr Fahrgäste für ein funktionierendes Bahnsystem zu gewinnen, müssten vermutlich zusätzlich deutlich höhere Summen aufgewendet werden. Experten sprechen von 20-30 Milliarden Euro. Auch noch eine Frage des Willens.

Nahverkehr: kostenlos gibt es nicht - es zahlt nur wer anders!

Allerdings: All das Geld muss irgendwo herkommen. Sprich, vom Steuerzahler. Somit zahlt also am Ende jeder, ob er will oder nicht, für Busse und Bahnen. Aber hat auch jeder etwas davon? Was ich am Beispiel Berlin beschrieben habe, gilt nämlich in der Form nur für die Metropolen. Auf dem Land stellt sich bisher eher die Frage, ob es überhaupt noch Busse gibt, beziehungsweise, wie häufig diese fahren. Am Ende finanziert der ländliche Raum somit den Luxus in den Städten. Denn dass die Busse auf dem Land künftig häufiger und engmaschiger fahren, nur weil die Ticketgebühr abgeschafft wird, darf bezweifelt werden.

beitragsfreier Nahverkehr ist in vielen Städten gescheitert!

Vor allem aber ist die Idee schon so oft gescheitert: Bei mir in Brandenburg etwa. In Templin, einem Luftkurort etwa 50 Kilometer nördlich von Berlin, hatte der Verkehr in den 90er Jahren so stark zugenommen, dass die Stadtväter auf eben diese Idee des beitragsfreien Busverkehrs kamen. In der Stadt war und ist der Busverkehr sogar verhältnismäßig gut ausgebaut, so dass die Menschen tatsächlich umgestiegen sind. Innerhalb von zwei Jahren schnellte die Zahl der Passagiere um das Zwölffache in die Höhe. Was jedoch die Betriebskosten in schwindelerregende Höhen trieb. Das Projekt wurde nach vier Jahren abgebrochen, geblieben ist „nur“ eine Jahreskurkarte für aktuell 44 Euro. Die Fahrgastzahlen sind dennoch wieder massiv gesunken. Ähnlich die Situation in den USA. Unter anderem gab es erfolglose Projekte in Seattle und Portland. Auch diverse Städte in Belgien und Frankreich haben den Versuch unternommen. Immer mit dem gleichen Ergebnis. Mehr Vandalismus, weniger Qualität, veraltete Systeme wegen fehlender Finanzen und am Ende das Aus der Projekte. Einzig in der estnischen Hauptstadt Tallin läuft zur Zeit noch ein Projekt. Die Finanzierung steht aber auch hier auf wackeligen Füßen, weil nur durch Steuertricks finanziert. Der Autoverkehr in der Innenstadt sank um „nur“ acht Prozent.

Die Lösung: Den Nahverkehr attraktiver machen - durch mehr Service!

Was ist also zu tun?: Wer dafür sorgen möchte, dass mehr Menschen auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen, muss zunächst einmal eine gute Anbindung bieten. Ein Stundentakt auf dem Land reicht ebenso wenig aus, wie ein 20 Minuten Takt in Ballungsregionen etwa rund um Berlin oder München. Wem das Geld oder der Wille fehlt, in moderne Züge und Busse zu investieren, darf sich ebenfalls nicht wundern, wenn kaum jemand einsteigt. Wer überfüllte Busse hat, wird keinen Diesel-Fahrer zum Umsteigen bewegen. Wer keine beitragsfreien, ausreichend zur Verfügung stehenden „Park and Ride“ Parkplätze an allen wichtigen Knotenpunkten anbietet, hat ebenfalls verloren. Es wären Milliardeninvestitionen nötig, um allein die jetzigen Probleme endlich in den Griff zu bekommen. Möge der Bund - statt illusorischer Überlegungen - doch erst mal das Geld in die Hand nehmen und die Kommunen beim Ausbau unterstützen. Ich jedenfalls wäre für ein gutes Angebot in modernen Zügen gerne bereit, meinen finanziellen Anteil zu leisten. Die Kosten für ein Monatsticket sind jedenfalls nicht der Grund, warum sich die Menschen morgen um halb sieben lieber im Auto durch die verstopften Innenstädte quälen!

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