Die Müllabfuhr ist eine wichtige Aufgabe, die Geld bringen kann.
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Rekommunalisierung

Wie Kommunen Restmüll reduzieren können

Abfall wiegen, Vermeidung belohnen: Der Landkreis Ahrweiler in Rheinland-Pfalz hat seit Jahren viel getan, um seine Bürger zu mehr Umweltbewusstsein zu motivieren. Ein wichtiger Baustein dabei: Die Rekommunalisierung der Abfallbetriebe. Ihr Werkleiter Sascha Hurtenbach erläutert das Konzept.

Der Landkreis Ahrweiler liegt im nördlichen Teil von Rheinland-Pfalz zwischen Rhein und Nürburgring unmittelbar benachbart zum Ballungszentrum Köln/Bonn. Bei 130.000 Einwohnern beträgt die Einwohnerdichte 165 Einwohner je km². Dabei konzentrieren sich 80 Prozent der Einwohner jedoch auf 50 Prozent der Fläche. In Rheinland-Pfalz sind die Landkreise und kreisfreien Städte als öffentlich-rechtliche Entsorgungsträger für die Sammlung und die Verwertung von Abfall verantwortlich. Viele dieser Gebietskörperschaften haben sogenannte Eigenbetriebe gegründet. Hierbei handelt es sich um organisatorisch, personell und finanziell eigenständige Teile der Kernverwaltung. Der Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Ahrweiler wurde 1995 gegründet und verfügt aktuell über rund 90 Mitarbeiter. Die Sammlung von Restabfall, Altpapier, Grünschnitt, Sperrabfall, Elektroaltgeräten und Problemabfällen führt der AWB seit 2018 in eigener Regie durch. Daneben betreibt er drei große Wertstoffhöfe mit Umschlaganlagen mit eigenem Personal.

Im Landkreis Ahrweiler wurde bereits 1993 die Biotonne und die gelbe Tonne für Verpackungen eingeführt. Den Bürgern standen damit neben der Restmülltonne seit über 25 Jahren zwei weitere Abfallgefäße zur Trennung von Wertstoffen zur Verfügung. 2008 wurde sodann die Abfuhr des Sperrmülls von der Straßensammlung auf Sammlung auf Abruf umgestellt. Die Abfuhr der Abfalltonnen erfolgte zumeist 14-tägig; Verpackungen wurden 3-wöchentlich und Altpapier alle vier Wochen abgeholt. Diese Kontinuität spiegelte sich auch in den Abfallgebühren wider. Das noch bis Ende 2017 geltende Abfallwirtschaftskonzept beinhaltete seit 1993 die Abrechnung der Müllgebühren gestaffelt nach der Größe der Haushalte an einem Grundstück. Diese Pauschalierung nahm wenig Rücksicht darauf, ob die Bürger viel oder wenig Abfälle produzierten. Für beides war der gleiche Gebührenbetrag zu entrichten.

Die eigenen Daten kennen und nutzen

Der seit 1993 in den europaweiten Ausschreibungen immer wieder bestätigte private Entsorger war in diesen Jahren ein bewährter Partner des Abfallwirtschaftsbetriebes mit sehr gutem Leistungsbild. Der Vertrag zur Sammlung von Altpapier lief 2015 aus. Da den Bürgern aber für diese Sammlung kein Abfallgefäß zur Verfügung stand, wurde im Jahr 2013 deren erstmalige Beschaffung durch den AWB beschlossen. Damals entstand aufgrund der hohen Vergütungssätze für Altpapier im politischen Umfeld bereits die Idee, diesen „Wertstoff“ dem Bürger individuell vergüten zu können. Die dazu benötigte Infrastruktur, etwa Gefäße mit Identchip, Fahrzeuge mit Leseinfrastruktur und Verwiegesystem wurde 2016 zunächst für zwei Jahre probeweise mit Personal des AWB in Dienst gestellt, um Erfahrungen zu sammeln, ob die Technik reibungslos eingesetzt werden könnte. Der technische Versuch mit der identierten Verwiegung der Papiertonnen in den Jahren 2016 und 2017 verlief positiv.

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Parallel stellte der AWB seit 2012 unabhängig von den technischen Aspekten der PPK-Sammlung die gesamte Software-Landschaft um. Die Erfordernisse führten zu einem zu diesem Zeitpunkt längst fälligen Wechsel des kaufmännischen Rechnungswesens und der gesamten abfallwirtschaftlichen ERP-Software. Die neue ERP-Lösung umfasste u.a. eine Gefäß- und Personenverwaltung, Beschwerdemanagement, Tourenplanungsoption für Regel- und Auftragstouren, Gebührenabrechnung, Faktura für Containerabrechnungen, sowie umfangreiche Internetschnittstellen zum Kunden. Durch diese Modernisierung wurden die Kundendaten nun um Erkenntnisse individuellen Abfallverhaltens durch die Verwiegung des Altpapiers ergänzt. Die Software verarbeitet auch die Leerungsdaten der Abfalltonnen bis hin zum GPS-genauen Standort jeder erfolgten Gefäßleerung.

Aufgrund von Sortieranalysen aller Abfälle wurde bereits 2014 offenbar, dass eine ganze Reihe von Abfällen nicht in den Gefäßen entsorgt wurden, die dafür vorgesehen waren. Bioabfall, Verpackungen, Glas und Altpapier in der Restmülltonne, Restabfall in der Biotonne usw. Die sogenannte Fehlwurfquote der Restmülltonne lag bei über 75 Prozent, deren Füllgrad oft nur bei 70 Prozent. Andere Rahmendaten der Abfallwirtschaft wurden zwischen 2015 und 2018 zunehmend ungünstiger. Während die Restabfallmengen überdurchschnittlich hoch und teuer zu entsorgen waren, sank die Zahl der privaten Wettbewerber um den Sammelauftrag auf einen verbleibenden Akteur, dem man die Erfüllung der fortgeschrittenen technischen Anforderungen des Landkreises zugetraut hätte. Allein hierdurch gingen Gutachter von einem Anstieg der Kosten der Sammlung gegenüber dem Status Quo  um 20-30 Prozent aus.

Auch beim Abfall alles im Blick behalten

Im Jahr 2017 entschied der Kreistag, dass künftig im Kreis Ahrweiler ein neues Abfallwirtschafts- und Gebührenkonzept gelten sollte. Vorausgegangen war eine mehrjährige intensive Beschäftigung des Abfallwirtschaftsbetriebs, Gutachtern, Fachleuten und den Vertretern der Bürger im Werksausschuss und im Kreistag mit diesem Thema. Ergebnis war eine wohl abgewogene Modernisierung der Abfallwirtschaft im Kreis. Außerdem endete nun der zehnjährige Sammelvertrag mit dem privaten Entsorger zum Jahresende 2017, der bis dahin unter anderem mit der Leerung der schwarzen Restmüll- und der braunen Biotonnen und die Einsammlung von Sperrmüll und Elektroaltgeräten beauftragt war.

So funktionieren die Anreize zum Müllvermeiden

Der pauschalierte Konsum der Abfallleistungen wurde auf ein Modell umgestellt, das dem Einzelnen Anreize bietet, Abfälle zu vermeiden oder sie dem richtigen Entsorgungsweg zur Verwertung zuzuführen. So wird der Erlös des Papierverkaufs aus den Abfalltonnen den Bürgern und angeschlossenem Gewerbe auf Gewichtsbasis rückvergütet. Dazu werden die blauen Papiertonnen am Müllfahrzeug gewogen und über einen Chip an der Tonne dem Grundstück zugeordnet und abgerechnet. Die Restmülltonnen werden alle vier Wochen geleert. Der Bürger kann seinen Abfallbehälter für Restmüll somit bis zu 13mal im Jahr leeren lassen, er muss aber nicht und kann so Gebühren sparen.

Die neue Pflegetonne

Die neue Pflegetonne ist als Möglichkeit gedacht für Familien mit Kleinkindern und pflegebedürftige Menschen. Die wöchentliche Sammlung der Biotonnen wurde weiter ausgedehnt, und zwar von April bis Oktober. Damit wurde der Entsorgungsbedarf für Grünschnitt sowie für alle Speise- und Küchenabfälle auf die gesamte Vegetationsperiode eines Jahres erweitert. Neu eingeführt wurden Zusatzleistungen wie der Express-Service für das Abholen von Sperrmüll und Elektroschrott binnen drei Tagen.

Kosten gesunken, dank Beteiligung

Die Abfallmengen haben sich grundlegend verschoben. Die Restabfallmenge beträgt nun rund 45 Prozent weniger als 2017; die Ausgaben für die Entsorgung der Restabfälle sind demzufolge gesunken. Während die Restmülltonnen früher von den Bürgern im Jahr 26 mal zur Leerung bereitgestellt wurden, beträgt die durchschnittliche Leerungszahl einer 80-Liter-Restmülltonne nur noch 7,9 mal pro Jahr. Im gleichen Maße stieg die zu verwertende Menge des Bioabfalls um rund 30 Prozent an. Der finanzielle Mehraufwand ist aber geringer, da Bioabfall günstiger zu entsorgen ist, als Restabfall. Auch die Altpapiermenge liegt mit über 86 kg/EW*a auf einem sehr hohen landesweiten Wert – und kleiner Nebeneffekt: da Papier nur in der Altpapiertonne vergütet wird, stellen die Bürger keine zusätzlichen Kartons mehr am Abfuhrtag bereit.

Die Servicequalität der Abfuhr ist durch das digitalisierte Tourmängelmanagement gestiegen. Fehlbefüllte Mülltonnen und sonstige Abfuhrstörungen finden in Echtzeit Eingang in die ERP-Software und die Informationen stehen zur Reklamationsbearbeitung den Filemanagern des AWB unmittelbar zur Verfügung.

Die Bürger schätzen den Grad der erreichten medienbruchfreien Digitalisierung. So wird etwa ein Auftrag zum Austausch eines defekten Müllgefäßes vom Bürger gemeldet und umgehend ausgeführt, da die Software nach Bestelleingang automatisch Tonnenauftrag und Ladelisten erzeugt. Das eigene Personal führt den Auftrag dann umgehend aus.

Wenn Datensicherheit und Datenintegrität obere Prämissen zum Umgang mit Bürgerdaten in der Abfallwirtschaft sein sollen, so ist vom Standpunkt des Verfassers aus die Eigenerbringung von Entsorgungsleistungen mit einem hohen technischen Niveau die naheliegende und sehr gute Lösung, da sie keine Schnittstellen zu Dritten benötigt. Insbesondere die Servicequalität der Leistungserbringung gegenüber dem Bürger erfährt damit ein sehr hohes Niveau.