Wie sieht die Stadt der Zukunft aus? ©Teerawut Masawat/123rf

Vom Vaterstaat zum Bürgerstaat

22. Dezember 2016
Die Kommune der Zukunft: Wie werden Bürger und Politik kommunizieren? Welche Technik werden wir nutzen? Franz-Reinhard Habbel, Sprecher des DStGB und Lutz Engelke, Geschäftsführer der Kreativagentur TRIAD im KOMMUNAL-Streitgespräch über Ihre Visionen zur Stadt 2040.

Franz-Reinhard Habbel (l.) und Lutz Engelke (r.) © Christian Erhardt

Habbel: Blicken wir auf das Thema „Gated Communities“. Im Mittelalter hatten wir Stadtmauern, die Menschen nach Außen geschützt und nach Innen eine Gemeinschaft suggeriert haben. Stadtmauern haben sich aufgelöst. Besteht da die Gefahr, dass neue Mauern im Denken entstehen?
Engelke: Eine komplexe Frage. Die offene Stadt widerspricht den Stadtmauern. Ich glaube an Menschen, die Offenheit propagieren und leben wollen. Die überzeugenden Beispiele, die es in deutschen Kommunen bereits gibt, sollten besser sichtbar werden. Es gibt deutsche Gemeinden, die sehr hohe Zuwachsraten in den Kommunalsteuern und Privatschulsysteme eingeführt haben und die auf dem besten Weg zur Vollbeschäftigung sind.

"Transformation vom Vaterstaat zum Bürgerstaat"

Habbel: Ich setze auf Selbstorganisation. Ich glaube, Menschen können sich durch Werkzeuge wie Soziale Netzwerke so organisieren, dass gemeinschaftliche Leistungen entstehen. Sie entwickeln unterhalb der kommunalen Selbstverwaltung eine Bürgerselbstverwaltung. Eine Transformation vom Vaterstaat zum Bürgerstaat. Unsere Aufgabe wird sein, das soziale Kapital der Gemeinschaft zu identifizieren, zu pflegen und in politische Prozesse einzubinden. Ein Beispiel: Wir haben im ÖPNV Defizite. Besonders wenn es um Fahrten aus dem ländlichen Raum in die Städte geht. Was passiert? Die Leute organisieren sich mit dem Smartphone selbst! Bauen Plattformen, auf denen man Mitfahrgelegenheiten absprechen kann. Diese Plattformtechnologie, die unterschiedliche Angebote mit Nutzern verbindet, wird eine große Rolle spielen. Die Frage ist, ob Kommunen hier Infrastrukturen – damit meine ich die Kommunikationsfläche – zur Verfügung stellen können. Um dann Aufgaben an die Bürger abzugeben und Gemeinschaften aufzubauen.
Engelke: Solche Plattformen sind hilfreich, um Menschen zu vernetzen. Aber das ersetzt nicht die Kernaufgabe der Kommunikation. Die kulturelle und regionale Identität muss gestärkt werden. Das geht nur durch Narration. Das sind Geschichten, die in den Gemeinden selbst stecken und die wie Schätze gehoben werden müssen.

Fran-Reinhard Habbel setzt auf Bürgerselbstverwaltung. ©DStGB

Habbel: Da bin ich einig mit Ihnen. Ich glaube, Politik muss heute anders kommunizieren. Wir müssen Geschichten erzählen. Wir sollten die Maßnahmen, die wir in unserem formalen System beschließen, multimedial darstellen. Nochmal ein Beispiel: Wenn in einer Stadt eine Straße umgebaut wird, wäre es klug, mit den Anwohnern ein Video zu drehen. Wie ist ihre Situation jetzt? Wie ist es mit dem Lärm? Drei Monate später könnte man den Baggerfahrer interviewen, der mit seinem Aushub gerade Erdreich bewegt. Und wenn die Straße fertig ist, noch einmal mit den Anwohnern sprechen.
Engelke: Es ist sehr wichtig, den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich an Veränderungen, die in ihren Lebensalltag eingreifen, zu beteiligen. Ich habe großen Respekt vor Bürgern, die das Leben in der Kommune gestalten. Das müssen wir schätzen. Synchron sollte die Bürgerselbstverwaltung gestärkt werden. Kommunale Strukturen und Zivilgesellschaft müssen in einen neuen Dialog treten.
Lutz Engelke setzt auf Narrationen für den Zusammenhalt einer Stadt. ©Triad

Habbel: Wir sind uns einig, dass Politik anders kommuniziert werden muss. Wie sieht das Berufsbild des Bürgermeisters in einer solchen Welt aus? Muss er nicht eine Art Kommunikationsarchitekt sein, der ein „Kommunikationsgebäude“ baut, in dem offener Diskurs möglich wird?
Engelke: Der Bürgermeister ist Moderator der unterschiedlichsten Bedürfnisse. Ich glaube im Übrigen nicht, dass wir in einer postfaktischen Zeit leben, sondern im Gegenteil die verständliche und solide Aufbereitung von Inhalten wird immer wichtiger. Nachhaltige Informations- und Ideenvermittlung, die nicht der Schnelllebig- und Willkürlichkeit der Medien ausgesetzt ist, wird immer wichtiger. Deshalb glaube ich, dass die Aufbereitung von Inhalten – auch durch den Bürgermeister –, die Auseinandersetzung und das Partizipative in den Kommunen erhöhen wird.

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