Ansbach © scanrail / 123rf

Ansbachs OB: „Einfache Sicherheitsmaßnahmen helfen“

Nach dem Anschlag in Ansbach zeigt sich Oberbürgermeisterin Carda Seidel besonnen. Schon einfache Sicherheitsmaßnahmen wie Taschenkontrollen helfen sehr, sagt Seidel im Interview. Die Hürden, straffällige Personen abzuschieben, seien zu hoch.

Kommunal: So schlimme Taten wie der Anschlag in Ihrer Stadt kommen unvorhergesehen, man kann sich als Kommunalpolitiker darauf kaum vorbereiten. Was passiert in einer solchen Situation und wie reagiert man als Oberbürgermeisterin darauf? Carda Seidel: Mein Mann und ich waren ebenfalls bei dem letzten Konzert unserer dreitägigen Ansbach Open. Weil ich ziemlich müde von der Woche war, sind wir aber früher heimgegangen. Wir wohnen nur ein paar Minuten zu Fuß vom Veranstaltungsort. Als ich kurz nach 22:30 Uhr über unsere Führungsgruppe Katastrophenschutz über die Explosion informiert wurde, war ich natürlich sehr erschrocken. Ich habe mich dann im Laufschritt zum Einsatzort begeben und ab dann blieb keine Zeit mehr, über das Geschehene nachzudenken. Nach Rücksprache mit unserem Feuerwehrkommandanten war ich kurz im Behringershof, wo die Verletzten von Notärzten und Sanitätern versorgt wurden. Um 23:00 und um 24:00 Uhr hatten wir zwei Lagebesprechungen mit allen Einsatzkräften. Um 0:30 Uhr haben wir in einer kurzen Pressekonferenz die ersten Informationen zu den Geschehnissen und der Lage herausgegeben, um den Presseansturm zu ordnen. Kommunal: Gab es positive Dinge, an denen Sie sich in dieser schwierigen Situation „festhalten“ konnten? Carda Seidel: Wir hatten noch mal ganz viel Glück im Unglück. Unsere aufgestockten Sicherheitsmaßnahmen beim Konzert haben mit dazu beigetragen, noch  Schlimmeres zu verhindern. Der Täter kam so nicht auf das Veranstaltungsgelände. Sicherheitsleute, Personal des Veranstalters und unser städtisches Personal sorgten durch ihr sehr besonnenes und geordnetes Handeln dafür, dass 2.000 Menschen sehr rasch und ohne Panik über die anderen Ausgänge der „Reitbahn“ den Veranstaltungsort verlassen konnten. Unsere Integrierte Leitstelle und die Einsatzkräfte – 260 Feuerwehrleute, 150 Rettungskräfte und die örtliche Polizei sorgten in hervorragender Abstimmung dafür, dass die Verletzten schnell versorgt wurden, Hilfe dort geleistet wurde, wo notwendig, und der Einsatzort umgehend gesichert wurde. Wieder einmal haben die Einsatzkräfte vor Ort gezeigt, dass wir uns absolut auf sie verlassen können und dafür sind wir von ganzem Herzen dankbar. Kommunal: Was ist in einer solchen Lage Ihre Rolle als Oberbürgermeisterin? Carda Seidel: Vor allem ist es wichtig, in so einer kritischen Lage persönlich vor Ort zu sein, sich ein Bild von der Lage machen, wenn möglich mit Verletzten und Einsatzkräften zu sprechen und vor allem den örtlichen Einsatzleiter und die erfahrenen Einsatzkräfte ihre professionelle Arbeit machen zu lassen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Kommunikation nach außen für alle nichtpolizeilichen Themen. Die Presse ist heute aufgrund der sozialen Medien noch schneller vor Ort als noch vor einigen Jahren. Die Journalisten müssen von Stadtseite mit Fingerspitzengefühl, zeitnah und geordnet mit den ersten und belastbaren Informationen versorgt werden, damit diese nicht überall am Einsatzort versuchen, Informationen zu bekommen und womöglich die Arbeit der Einsatzkräfte behindern. In den folgenden Tagen gilt es dann, die gesamte Kommunikation zu den unzähligen Presseorganen zu bündeln und Aussagen aus „einem Munde“ zu treffen. Wir wurden über zwei Tage lang von Übertragungswägen der Presse aus ganz Deutschland und dem Ausland regelrecht belagert und auch danach rissen die Presseanfragen nicht ab.

„Man muss auf alle Fragen gefasst sein“

Kommunal: Wie ging es Ihnen persönlich? Konnten Sie in der Nacht des Anschlags überhaupt schlafen? Carda Seidel: Nach der Pressekonferenz des Bayerischen Innenministers Joachim Herrmann zusammen um etwa 4:30 Uhr, bin ich kurz nach Hause gegangen und habe mich ein wenig hingelegt. Von den drei Stunden habe ich aber höchstens zwei Stunden geschlafen. Dann ging es weiter. Die nächsten zwei Tage hatte mich der Presserummel vollständig im Griff. Mit einer weiteren Pressekonferenz am Montag um 14 Uhr versuchten wir, die Anfragen zu bündeln. Unser Sitzungssaal platzte vor Kameras und Mikros fast aus den Nähten. Die Einzelanfragen für Interviews mussten natürlich trotzdem befriedigt werden. Tatsächlich hat mir dabei auch meine Erfahrung aus einem anderen schrecklichen Ereignis im Jahr 2009 sehr geholfen. Fazit zum Presseansturm: Es gibt fast nichts, was man in einer solchen Situation nicht gefragt wird. Darauf muss man gefasst sein. Wichtig ist eine einheitliche Information, auch mit Blick auf die Konsequenzen.

Oberbürgermeisterin Carda Seidel © Stadt Ansbach

Kommunal: Kann man aus den Erfahrungen, die Sie gemacht habe, etwas lernen? Was wäre Ihr Rat an die Verantwortlichen, die bei einem anderen Anschlag in eine ähnliche Situation kommen? Carda Seidel: Es ist schwierig, hier Ratschläge zu geben. Ich denke auch, dass meine Oberbürgermeister- und Bürgermeisterkollegen allesamt selber jede Menge Erfahrung mit schwierigen Situationen haben. Ich habe aus den Geschehnissen der letzten Tage vor allem mitgenommen, dass unsere nach den Geschehnissen in München aufgestockten Sicherheitsmaßnahmen – mehr Sicherheitskräfte und vollständige Taschenkontrollen – tatsächlich geholfen haben. Eigentlich ganz einfache Maßnahmen, die auch nicht viel Geld kosten. Das zusätzliche Sicherheitspersonal half, nach der Explosion das Festivalgelände „Reitbahn“ ruhig zu räumen und die Taschenkontrollen haben verhindert, dass der Täter in die Veranstaltung gelangen konnte. Zum Thema Presserummel habe ich ja schon einiges ausgeführt. Kommunal: Würden Sie Bürgern raten, ihr Verhalten in der Öffentlichkeit zu ändern oder sollten sie sich vom Terror nicht beeindrucken lassen? Carda Seidel: Wenn Sie heute durch die Stadt gehen, sehen Sie, dass die Menschen wieder in Cafés sitzen, einkaufen gehen und wir Stück für Stück zur Normalität zurückkehren. Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, haben sehr vernünftig und ruhig reagiert. Vielleicht hilft uns dabei, dass wir Franken von unserer Grundstruktur eher „unaufgeregt“ sind. Die Bürger unterscheiden jedenfalls überwiegend sehr fein zwischen dem Täter, bei dem ja viele Faktoren zusammenkamen, und den anderen Flüchtlingen vor Ort. Ich habe auch immer wieder gehört, dass Ansbach seinen guten Kurs bei der Unterbringung, Versorgung und Integration fortsetzen soll. Kommunal: Würde es helfen, wenn Städte und Gemeinden mehr Sozialarbeiter und Quartiersmanager einstellen? Carda Seidel: In den vergangenen Monaten und Jahren haben wir in Ansbach insbesondere auch mit Hilfe eines vielfältigen und hervorragenden ehrenamtlichen Engagements für die Menschen gesorgt, die aus Krisen- und Kriegsgebieten zu uns gekommen sind und Schutz und Hilfe bei uns suchen. Wir haben eine vorbildliche Willkommenskultur. Zudem legen wir mit zahlreichen Projekten, wie zum Beispiel „ANkommen in Ansbach“ oder dem „Ansbach-Pakt“ und ganz vielen weiteren Angeboten die Basis für eine gelingende Integration in Gesellschaft, Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Gleichzeitig machen wir aber auch deutlich, dass Integration ein Prozess ist, der nur gelingen kann, wenn beide Seiten das ihre dazu beitragen und sich die Menschen, die in unserer Mitte leben wollen, an unsere Gesetze und gesellschaftlichen Regeln halten. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Was uns tatsächlich darüber hinaus helfen würde, wäre die Kostenübernahme für zusätzliche sozialpädagogische Betreuung für die Flüchtlinge.

„Menschen, die in unserer Mitte leben wollen, müssen sich an unsere Regeln und Gesetze halten“

Kommunal: Welche Erwartungen haben Sie als Lokalpolitikerin an die Bundes- und Landespolitik? Carda Seidel: Wir werden, wie gesagt, unseren Kurs fortsetzen, den Menschen zu helfen, die Schutz und Hilfe brauchen. Ansbach hat sich hier auch dank eines riesigen ehrenamtlichen Engagements vorbildlich verhalten. Allerdings müssen sich die Menschen, die in unserer Mitte leben wollen, auch an unsere gesellschaftlichen Regeln und Gesetze halten. Kein Verständnis habe ich dafür, dass bei Flüchtlingen, die straffällig geworden sind, die Schwelle, wann das Auswirkungen auf den Asylstatus hat, relativ hoch liegt. Hier sollte man die gesetzlichen Regelungen dringend überprüfen und rascher handeln. Ebenso erwarte ich, dass jemand, dessen Antrag auf Asyl abgelehnt wurde, das Land auch zügig verlassen kann. Die Fragen stellte Andreas Maisch. Zur Person: Carda Seidel ist seit 2008 Oberbürgermeisterin der Stadt Ansbach. Vor ihrem Amtsantritt war die Diplom-Verwaltungswirtin persönliche Referentin eines Bürgermeisters. Seidel ist verheiratet und gehört keiner Partei an.

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