E-Mobilität - Der Trend zum Dorfauto

29. April 2015
Kritiker von Carsharing sagen, dass solche Fahrzeuge in großen Städten häufig zu einer Verdrängung von Bus und Bahn führen. Doch wie sieht es in kleineren Orten aus, wo der ÖPNV nicht so flächendeckend ausgebaut ist. KOMMUNAL auf der Suche nach Beispielen und Ideen aus den Regionen.

Wie E-Mobilität vor Ort konkret aussehen kann, ist je nach Zielsetzung sehr unterschiedlich:
im kleinen Eifel-Ort Gey findet das Dorfauto zum Beispiel bisher kaum Interessenten. Ganze sechs Nutzer meldeten sich bisher an. Dort wurde das Auto von Sponsoren finanziert. Daher wist der Preis für den Kleinwagen durchaus attraktiv. Fünf Euro Anmeldegebühr zahlen Kunden, plus Gebühren für Kilometer und Fahrstunden.
In der Modellregion[1] Aachen hat man sich in Kooperation mit den Hochschulen sowie den Stadtwerken schon früh mit der E-Mobilität beschäftigt und seit 2008 verschiedene Forschungsprojekte durchgeführt. Dabei wurde eine breite Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum geschaffen, das E-Carsharing unterstützt und ein Elektrobus in Betrieb genommen. Das jüngste Projekt ist nun auf die Initiative von Studierenden der RWTH und der FH Aachen zurückzuführen, die in Zusammenarbeit mit der Stadt das Projekt „velocity Aachen“ vorantreiben. Über die ganze Studentenstadt verteilt sollen nach und nach an insgesamt 100 Stationen 1000 Elektrofahrräder zum Verleih angeboten werden – gerade im hügeligen Gelände eine willkommene Errungenschaft.
Am Düsseldorfer Flughafen ist die E-Mobilität Arbeitsinstrument. Dort flitzt die Bundespolizei mittlerweile per Segway von Terminal zu Terminal und ist vom Einsatz der elektrischen Transportmittel rundum begeistert. „Der Radius ist viel größer, die Beamten sind schneller vor Ort und sie haben außerdem mehr im Blick – das bewährt sich sehr“, so Jens Flören, der Pressesprecher der Bundespolizei NRW.
In Braunschweig wiederum werden im Rahmen eines vom Bund geförderten Projekts des Schaufensters für Elektromobilität[2] mit dem Titel „emil – Elektromobilität mittels induktiver Ladung“ die Dieselbusse auf der 12 Kilometer langen Citylinie M19 schrittweise durch Gelenk-Elektrobusse ersetzt, die sich per induktiver Schnellladung berührungsfrei aufladen lassen. Zudem wird im Schulverkehr ein elektrischer Solobus eingesetzt, der die Schüler emissionsfrei und beinahe geräuschlos zur Schule und wieder nach Hause bringt. Auch bei diesem Projekt sind die Erfahrungen erfolgsversprechend: „Das klappt sehr gut“, meint der Pressesprecher der Verkehrs GmbH Christopher Graffam, und der Einsatz weiterer Busse ist in Planung.
Das Auto ist der Deutschen liebstes Kind, so eine bekannte Redewendung, und dementsprechend groß ist die Skepsis des deutschen Autofahrers, wenn es um die Akzeptanz neuer Fahrmodelle geht. Umso wichtiger ist die Rolle der Kommune als Ansprechpartner und als Vorbild für innovatives Fahren. In der Stadt Langenfeld wurde eben dies erkannt und so setzt die rheinische Kommune alle Hebel in Bewegung, um die Hemmschwelle der Bürger zu überwinden. Arbeitskreise wurden gegründet und die Unternehmer vor Ort mit ins Boot geholt, beim Kauf eines E-Autos bieten die örtlichen Versicherungen spezielle Förderprogramme, die Banken haben besondere Kreditkonditionen im Angebot, zudem gibt es einen Zuschuss der Langenfelder Stadtwerke und der Bund garantiert schließlich die ersten 10 Jahre eine Befreiung von der Kfz-Steuer. Auch was das Marketing betrifft, ist man in Langenfeld kreativ: Ist beispielsweise verkaufsoffener Sonntag, werden auf dem Marktplatz selbstverständlich auch Elektroautos präsentiert und für jeden, der Lust hat, gibt es die Möglichkeit zu einer Testfahrt. Jens Hecker, der Klimaschutzbeauftragte in Langenfeld, hat die Erfahrung gemacht, dass die wenigsten der Kritiker von E-Autos bereits selbst einmal elektrisch gefahren sind. Deshalb bietet die Kommune Langenfeld „E-Mobilität zum Anfassen und Ausprobieren“ und hat sich darüber hinaus große Ziele gesetzt: 20% CO2 soll bis 2020 eingespart werden, außerdem sollen bis 2022 1000 Elektroautos in Langenfeld unterwegs sein. „Die Kommunen müssen Zeichen setzen. Wir sind diejenigen, die das Thema spielen und die zeigen können, dass E-Mobilität der Weg in die Zukunft ist“, so Hecker.
Um diesen Weg allerdings kalkulierbar und vor allem auch wirtschaftlich beschreiten zu können, braucht es eine enge Vernetzung zwischen den Kommunen, der Wirtschaft und der Wissenschaft. Beispielhaft umgesetzt wird diese im Forschungsprojekt E-WALD im Bayerischen Wald, dem mit 7000 Quadratkilometern größten Demonstrationsprojekt für E-Mobilität in Deutschland. Mit 18,5 Millionen vom Freistaat Bayern gefördert sind in diesem Verbundsprojekt insgesamt 89 Gemeinden und 6 Landkreise als Gesellschafter der extra gegründeten E-WALD-GmbH mit dabei. Die Projektleitung und die wissenschaftlichen Studien sind bei der Technischen Hochschule Deggendorf angesiedelt, die operative Umsetzung – konkret die Beschaffung und der Betrieb einer Flotte und der entsprechenden Ladeinfrastruktur – übernimmt die E-WALD-GmbH. Letztere wird über den Projektzeitraum zwar zu 50 Prozent bezuschusst, muss sich aber durch die Verleih- und Mietgebühren sowie ihre Consulting-Tätigkeit über das Projekt hinaus drei Jahre wirtschaftlich tragen – ein realistisches Ziel, wie der Geschäftsführer Otto Loserth meint.
Der Clou des Projekts liegt nun in der gegenseitigen Zuarbeit: Während der Betrieb der Flotte mit rund 180 Fahrzeugen eine riesige Menge an auswertbaren Praxis-Daten für die Hochschule liefert, profitiert die GmbH umgekehrt von den Forschungsarbeiten der Wissenschaftler. So wurde mit dem „Optimierten Reichweitenmodell“ beispielsweise eine Lösung für eines der bislang größten Akzeptanzprobleme der Elektroautos entwickelt – die nur ungenaue Reichweitenangabe. Das Optimierte Reichweiten Modell kann dahingegen aufgrund der Auswertung vielfältigster Daten sowie der topografischen Lage die maximale Reichweite exakt vorausberechnen und zeigt diese während der Fahrt als Polygon an.
Neben diesem erheblichen Zugewinn an Sicherheit ist im E-WALD-Gebiet auch die Umweltfreundlichkeit gewährt, denn „laden Sie an einer E-WALD-Säule, so laden Sie 100 Prozent Wasserenergie“, so Projektleiterin Katrin Juds. Und auch was die Kosten anbelangt, ist man auf der sicheren Seite: Je nach Autotyp zahlt der Kunde zwischen 29 und 45 Euro für das E-Carsharing pro Tag, wobei darin sowohl Stromkosten als auch Versicherung und Kilometer-Zuschläge bereits inkludiert sind. Eine rentable Angelegenheit – auch für die beteiligten Kommunen. So ist das Bürgerauto vorm Rathaus in Viechtach selbstverständlich ein E-WALD-Auto, die Gemeinde zahlt 379 Euro netto im Monat und bekommt als Anreiz zur Werbung zusätzlich 50 Prozent Rückvergütung je Buchung durch einen Bürger. Zieht Bürgermeister Franz Wittmann Bilanz, so muss er sagen: „Das kommunale Elektroauto ist nicht nur umweltfreundlich, es rechnet sich auch“.
E-Mobilität ist auch im ländlichen Raum umsetzbar – das wurde und wird im bergigen und oft kalten Bayerischen Wald bewiesen. Was für Katrin Juds ganz klar bedeutet: „Wenn E-Mobilität hier funktioniert, dann funktioniert sie überall“.
[1] http://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Artikel/UI/modellregionen-elektromobilitaet.html?nn=36210: Alle weiteren Modellregionen in Deutschland im Überblick
[2] http://schaufenster-elektromobilitaet.org/: Detaillierte Informationen über das Schaufensterprogramm und die verschiedenen Projekte zum Thema E-Mobilität in Deutschland

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