Bürokratieabbau
Abschied vom Kindergeldantrag erst der Anfang?
Elf Jahre liegen zwischen Österreich und Deutschland. Dort wird die Familienbeihilfe seit 2015 nach der Geburt automatisch ausgezahlt. Nun hat auch der Bundesrat den Weg für das antragslose Kindergeld freigemacht. Ab 2027 soll es schrittweise ohne Antrag überwiesen werden.
Das ist eine gute Nachricht. Eltern müssen dem Staat künftig nicht mehr Daten mitteilen, die ihm längst vorliegen. Die Geburt wird registriert, das Kind erhält eine Steueridentifikationsnummer, die Familienkasse kennt die notwendigen Angaben – und kann handeln. Aus der Holschuld der Bürger wird eine Bringschuld des Staates.
Startschuss für grundsätzlichen Wandel
Bemerkenswert ist nicht nur, dass Deutschland diesen Schritt jetzt geht, sondern wie lange wir dafür gebraucht haben. Der Grund liegt in einer Verwaltungskultur, die vom Antrag und vom Sonderfall her die Dinge denkt. Bevor etwas vereinfacht wird, sollen möglichst alle Risiken ausgeschlossen und jede Abweichung geregelt sein. Aus der Sorge vor Fehlern entsteht so ein System, das Millionen Menschen unnötig Arbeit macht. Das antragslose Kindergeld muss deshalb zum Startschuss für einen grundsätzlichen Wandel werden. Verwaltungen sollten systematisch prüfen, welche Leistungen sie künftig von sich aus gewähren können. Wo ein Anspruch aus vorhandenen Daten eindeutig hervorgeht, darf kein neuer Antrag verlangt werden. Fehlen einzelne Angaben, sollten auch nur diese abgefragt werden. Gerade die Kommunen können dabei zu Vorreitern werden. Hier begegnen die Menschen dem Staat: bei der Anmeldung eines Kindes, beim Wohngeld, beim Schulbesuch, bei Pflegeleistungen, beim Bauen oder bei der Gründung eines Unternehmens. Hier zeigt sich, ob Digitalisierung lediglich neue Technik hervorbringt oder das Leben tatsächlich einfacher macht.
Stadt verschickt Leipzig-Pass automatisch
Dass Kommunen antragslos handeln können, zeigt Leipzig. Seit Juni 2025 verschickt die Stadt den Leipzig-Pass automatisch an Menschen, die bereits Wohngeld, Sozialhilfe oder Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz erhalten. Auch bestimmte junge Menschen in Jugendhilfeeinrichtungen und Pflegefamilien werden einbezogen. Die Stadt nutzt vorhandene Informationen, statt einen weiteren Antrag und dieselben Nachweise erneut zu verlangen. In Wesel am Niederrhein wird die jährlich erforderliche Reitplakette automatisch mit dem Gebührenbescheid zugeschickt. Rund 2.000 wiederkehrende Anträge können so entfallen.
Dieses Prinzip lässt sich auf weitere Leistungen übertragen. Das antragslose Kindergeld darf deshalb kein Einzelprojekt bleiben. Es muss der Beginn einer antragslosen Verwaltung sein – und die Kommunen sollten an ihrer Spitze stehen.

