Digitalgipfel
Beim Digitalgipfel 2026 in Berlin stellte die Bundesregierung ihr Ziel für eine KI-Nation Deutschland 2030 vor.
© BMDS/ Christina Czybik

Kommentar

Aufbruch statt Schwarzmalerei

Deutschland kann bei KI seine Stärken ausspielen. Franz-Reinhard Habbel sieht nach dem Digitalgipfel auch Chancen für die Kommunen – vorausgesetzt, sie gestalten den Wandel aktiv mit.

Besonders erfrischend am diesjährigen Digitalgipfel der Bundesregierung war, dass nicht wieder das bekannte Klagelied angestimmt wurde: Deutschland sei abgehängt, habe den Anschluss verloren und verliere weiter an Wirtschaftskraft. Stattdessen wurde selbstbewusst darüber diskutiert, wie wir unsere Stärken nutzen können, um international wieder ganz vorne mitzuspielen. Wie wir Deutschland erneuern und zukunftsfähig machen. Wie wir jungen Menschen Perspektiven eröffnen, sich zu entwickeln, sich zu engagieren und Neues zu wagen, das unser Leben besser macht.

KI im Zentrum des Digitalgipfels 2026

Künstliche Intelligenz stand im Mittelpunkt der zweitägigen Konferenz mit zahlreichen Gästen aus dem In- und Ausland. Große Hoffnungen richten sich auf die industrielle KI. Dabei geht es darum, Daten aus Maschinen, Produktionsanlagen und industriellen Prozessen intelligent zu nutzen, um Abläufe zu verbessern, Ressourcen effizienter einzusetzen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Deutschland verfügt hier über eine besondere Stärke: seine weltweit leistungsfähige Industrie und den innovativen Mittelstand.

Doch auf dem Digitalgipfel ging es um weit mehr als technologische und wirtschaftliche Entwicklungen. Die Umbrüche, in denen wir uns befinden, werden unsere gesamte Gesellschaft verändern. Wie wir leben, arbeiten, lernen und unsere Freizeit gestalten, wird zunehmend von KI beeinflusst. Die Veränderungen sind fundamental. Ihr Tempo ist atemberaubend. Sie verlangen Flexibilität im Denken und Handeln, schaffen aber auch Unsicherheit und Ängste.

Für den Staat geht es deshalb nicht allein darum, seine Handlungsfähigkeit zu sichern. Er muss den Transformationsprozess aktiv und werteorientiert gestalten. Ziel muss es sein, den Menschen auch künftig ein Leben in Würde, Freiheit und Sicherheit zu ermöglichen. Dazu gehört ebenso, unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen und Ressourcen für kommende Generationen zu bewahren. Bundeskanzler Friedrich Merz sieht gerade darin eine besondere Chance für Europa: KI nicht allein nach wirtschaftlichen Interessen, sondern auf der Grundlage demokratischer Werte und mit dem Menschen im Mittelpunkt zu gestalten.

Die Verwaltung muss sich selbst hinterfragen

Künstliche Intelligenz wird auch die öffentliche Verwaltung und damit die Kommunen grundlegend verändern. Noch haben wir es in der Hand, diesen Wandel selbst zu gestalten. Das setzt allerdings mehr Mut voraus. Es reicht nicht mehr, bestehende Verwaltungsverfahren lediglich zu digitalisieren, Bearbeitungszeiten zu verkürzen oder Bürokratie abzubauen. Wir müssen auch die Strukturen und Aufgaben der Verwaltung hinterfragen.

Ist unsere Verwaltung noch zukunftsfähig aufgestellt? Welche Aufgaben müssen staatliche Stellen künftig überhaupt noch wahrnehmen? Welche Verfahren können entfallen? Wo können Leistungen gemeinsam erbracht werden?

Wie lässt sich die Fragmentierung öffentlicher Verwaltungsleistungen in rund 11.000 Kommunen, 16 Ländern und zahlreichen Bundesbehörden überwinden, ohne die dezentrale politische Verantwortung für das Gemeinwesen aufzugeben? Darin liegt eine der zentralen Herausforderungen der Staatsmodernisierung. Die kommunale Selbstverwaltung darf dabei nicht geschwächt werden. Im Gegenteil: Gemeinsame technische Lösungen können die Handlungsfähigkeit vor Ort stärken.

Künstliche Intelligenz ist eben nicht irgendein weiteres Softwarewerkzeug. Sie verändert die Grundlagen unseres wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenlebens. Vergleichbare Umbrüche haben wir mit dem Buchdruck und der industriellen Revolution erlebt. Doch während sich frühere Veränderungen über Generationen erstreckten und soziale Sicherungssysteme erst allmählich entstanden, vollziehen sich technologische Entwicklungsschritte heute innerhalb weniger Jahre, manchmal sogar Monate. Unsere politischen und gesellschaftlichen Institutionen müssen lernen, mit diesem Tempo Schritt zu halten.

Agentische KI verändert die Verwaltung

Erste Verwaltungen setzen bereits große Sprachmodelle ein, um Texte zu erstellen, Informationen auszuwerten oder Beschäftigte bei ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen. Das weitaus größere Veränderungspotenzial liegt jedoch in der agentischen KI, auch Agentic AI genannt.

Solche Systeme können mehrstufige Aufgaben eigenständig planen, geeignete Werkzeuge einsetzen, Informationen verarbeiten und einzelne Arbeitsschritte ausführen. Der Mensch definiert Ziele, kontrolliert die Ergebnisse und trägt dort, wo Verwaltungsentscheidungen getroffen werden, weiterhin die rechtliche Verantwortung.

Gerade bei standardisierten Verfahren ohne Ermessensspielraum eröffnen sich Möglichkeiten einer weitgehenden Automatisierung. Damit stellt sich zugleich eine grundsätzliche Frage: Welche Zukunft haben die zahlreichen kommunalen Fachverfahren? Werden sie weiterhin als voneinander getrennte Anwendungen bestehen oder zunehmend durch gemeinsame Plattformen und KI-gestützte Prozesse ergänzt oder ersetzt?

Es geht nicht mehr nur um die Digitalisierung der Verwaltung. Es geht um ihre Neuorganisation. Zusammenarbeit statt Abschottung

Eine weitere Botschaft des Digitalgipfels war unüberhörbar: Nicht Abschottung, sondern Zusammenarbeit führt nach vorn.

Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang der Auftritt von Evan Solomon, Kanadas Minister für Künstliche Intelligenz und digitale Innovation. Er warb für eine Technologieallianz leistungsfähiger Partnerstaaten, die ihre Kompetenzen bündeln und gemeinsame Lösungen entwickeln. Ein konkretes Beispiel für eine solche Zusammenarbeit ist die Verbindung des kanadischen KI-Unternehmens Cohere mit dem deutschen Unternehmen Aleph Alpha.

Solomon stellte drei Begriffe in den Mittelpunkt seiner Überlegungen: Vertrauen, Chancen und souveräne Kontrolle. Menschen müssen der Technologie vertrauen können, von ihren Möglichkeiten profitieren und zugleich Einfluss darauf behalten, wie sie eingesetzt wird.

Das ist auch eine wichtige Botschaft für die Kommunen. Digitale Souveränität bedeutet nicht, alles selbst entwickeln zu müssen. Sie bedeutet, gemeinsam handlungsfähig zu bleiben, Abhängigkeiten zu begrenzen und die Kontrolle über Daten, Prozesse und Entscheidungen zu behalten.

Die Zukunft braucht Menschen und Offenheit

Auch unsere Arbeitswelt wird sich tiefgreifend verändern. Geschäftsprozesse werden weltweit vernetzt, Menschen arbeiten zunehmend mit intelligenten Maschinen zusammen. Routinetätigkeiten werden automatisiert, neue Aufgaben entstehen. Entscheidend wird sein, wie wir Menschen befähigen, diesen Wandel mitzugestalten.

Talente werden zum Schlüssel für Innovationen. Deutschland braucht qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland. Zuwanderung bedeutet Offenheit. Zuwanderung bedeutet Impulse. Zuwanderung bedeutet Austausch. Zuwanderung bedeutet Zusammenarbeit.

Ebenso wichtig ist eine neue Kultur der Weiterbildung. Wer heute einen Beruf erlernt, wird sich im Laufe seines Arbeitslebens immer wieder auf neue Technologien, Aufgaben und Anforderungen einstellen müssen. Das gilt für Unternehmen ebenso wie für die Beschäftigten in unseren Verwaltungen.

Nicht nur Tacheles reden – Tacheles umsetzen

Bundesdigitalminister Karsten Wildberger brachte am zweiten Tag des Digitalgipfels auf den Punkt, woran es in Deutschland häufig mangelt: an der konsequenten Umsetzung. Wir seien hervorragend darin, Probleme zu beschreiben, sie zu analysieren und rhetorisch brillant darüber zu diskutieren. Doch damit allein komme das Land nicht voran. Seine Botschaft lautete: „Wir kommen nur weiter, wenn wir in der Breite auch Tacheles umsetzen.“

Wildberger forderte mehr Mut zum Handeln, auch wenn noch nicht alle Antworten vorliegen und nicht jeder Schritt sofort gelingt. Statt eines großen „Team Nein“, das vor allem Hindernisse beschreibt, brauche Deutschland ein größeres „Team Ja“, das Verantwortung übernimmt und Lösungen entwickelt. Das gilt besonders für die Modernisierung unseres Staates und seiner Kommunen. Wir brauchen nicht noch mehr Problembeschreibungen, sondern den Mut, Dinge tatsächlich zu verändern. Nicht irgendwann, sondern jetzt.