Sommerstraße
Eine der Sommerstraßen in München: die Schöttlstraße
© Mobilitätsreferat Stadt München, Manfred Gerlach

Innenstadt

Warum München sich für Sommerstraßen entschieden hat

Verkehrsberuhigung ist in großen wie in kleinen Städten ein immer größeres Thema. Daran scheiden sich allerdings die Geister. Für gut zwei Monate werden in der bayerischen Landeshauptstadt gleich neun Straßen zu verkehrsberuhigten Sommerstraßen. KOMMUNAL wollte wissen: Wie geht die Stadt dabei vor, was läuft dabei gut, wo gibt es Kritik?

„Summer in the city“ ist nicht nur ein legendäres Poplied. Der Sommer in der Stadt ist für viele Bewohner eine beliebte Jahreszeit für Muße und Genuss im Freien - vorausgesetzt, es gibt ausreichend kühle und einladende Aufenthaltsorte. In München sind bereits zum fünften Mal in Folge die sogenannten Sommerstraßen eröffnet. Sie sollen inmitten der dicht bevölkerten Wohnviertel für gut zwei Monate sommerliche Oasen schaffen. KOMMUNAL wollte wissen: Was läuft dabei gut, wo gibt es Kritik?

Sommerstraßen mit Spielmöglichkeiten und Treffpunkten

 Auslöser für die Einführung der Sommerstraßen war eine Reise des Kreisverwaltungsausschusses nach Skandinavien, wo die Reiseteilnehmer die Sommerstraßen erlebten und vom Wert dieser für die Städte überzeugt wurden. Wieder zurück in der bayerischen Hauptstadt, wurde 2019 erstmals auch ein Sommerstraßen-Projekt für München ins Leben gerufen. Das Ziel: „Die Sommerstraßen sollen dazu beitragen, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner in den heißen Monaten nicht nur in ihren Wohnungen sein aufhalten müssen und Spielmöglichkeiten und Treffpunkte vor der Haustüre gegeben sind“, sagt Georg Dunkel, der als Leiter des Mobilitätsreferats die Verkehrs- und Mobilitätsplanung in München verantwortet.

Zwei Monate sommerlicher Ausnahmezustand

Konkret handelt es sich bei den Sommerstraßen pro Jahr um rund zehn Straßenabschnitte mit einer Länge von maximal 100 Metern, die über die Stadt verteilt liegen und zeitlich befristet für etwa zwei Monate im Jahr von Anfang Juli bis Ende August mit Blumenkübeln und Sitzgelegenheiten und teilweise auch zusätzlichen Fahrradständern ausgestattet werden. Eine Infotafel weist auf die Definition als Sommerstraße und die damit einhergehenden Verhaltensregeln hin, die meisten der Straßen werden zu verkehrsberuhigten Bereichen, eine davon ist sogar als Spielstraße eingestuft.

Sommerstraßen über Stadtgebiet verteilt

Für den Sommer 2023 wurden in München der Isartorplatz, der Holzplatz, die Schöttlstraße, die Ebenböckstraße, die Blutenburgstraße, die Schmied-Kochel-Straße, die Innerkoflerstraße, die Birkenfeldstraße und die Hermann-Weinhauser-Straße ausgewählt. Welche Straßen zu Sommerstraßen werden, entscheidet die Stadt auf Grundlage der Vorschläge der Bezirksausschüsse, wobei verschiedene Voraussetzungen gegeben sein müssen. So sollten die jeweiligen Straßenabschnitte laut Dunkel asphaltiert sein, keine Ampel dort stehen und auch kein ÖPNV-Bereich sein.

Sind die Sommerstraßen für das Jahr einmal festgelegt, gibt es in Anschluss daran eine Ortstermine und Begehungen mit den Bürgern vor Ort, die Anregungen zur Gestaltung der ausgewählten Zone einbringen könnten. „Insbesondere Familien mit kleinen Kindern engagieren sich hier sehr“, erzählt Dunkel, und würden es enorm schätzen, wenn mehr Möglichkeiten zum Aufenthalt und Spiel im Freien vor der Haustüre bestünden.

Sommerstraße
viel Grün und Sitzmöglichkeiten in der Westenriederstraße

Gute Vorbereitung und Begleitung nötig

Während der Sachaufwand für die Sommerstraßen laut Dunkel vergleichsweise überschaubar ist, da die Blumenkübel und Sitzgelegenheiten in der Stadt ohnehin bereits vorhanden seien und nur bewegt werden müssten, ist der Personalaufwand und der zeitliche Vorlauf relativ hoch. So werden die Sommerstraßen bereits etliche Monate im Voraus geplant und festgelegt, dann sind Untersuchungen vor Ort nötig, um die konkreten Gegebenheiten zu prüfen, in Folge liegt der Fokus auf der Einbindung der Bürger und dem Marketing.

Ruhe und Gemeinschaft

„Die Sommerstraßen bringen deutlich mehr Ruhe und Entschleunigung in das Leben“, sagt Dunkel, und würden von den Menschen gut angenommen. So nehmen die Fußgängerinnen und Fußgänger schnell die gesamte Straßenfläche ein, nehmen auf den Sitzgelegenheiten Platz und treffen sich vor den Haustüren, um gemeinsam den Feierabend zu genießen. „Nicht nur, aber gerade auch für Familien, sind die Sommerstraßen sehr attraktiv“, so der Referatsleiter. „Sie fördern nachbarschaftliche Treffen und ermöglichen ganz niedrigschwellig und ohne Kosten ein Zusammenkommen in Wohnnähe“.

Sommerstraße
Verkehrsberuhigung in der Birkenfeldstraße.

Neben viel Lob auch laute Kritik

Während die Mehrheit der Bürger laut Dunkel sehr positiv auf die Sommerstraßen reagiert, gibt es auch laute Kritik. Der dabei größte Streitpunkt: es fallen vorübergehend Parkplätze weg.  „Vor dem Hintergrund des hohen Parkdrucks ist das oft eine hoch emotionale Diskussion“, sagt Dunkel, und als Stadtverwaltung müsse man darauf gefasst sein, dass vorwurfsvolle Emails oder Leserbriefe kämen.

Weitere Kritikpunkte seien in manchen Straßen die Lärmbelastung durch abendliche Treffen vor der Haustüre oder das Liegenbleiben von Müll. „Es gibt definitiv Gegenwind“, sagt Dunkel, und umso mehr brauche es für die Umsetzung der Sommerstraßen den klaren Rückenwind der politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger.

Testlauf für die Verkehrswende

In München sind die Sommerstraßen mittlerweile fester Bestandteil der Verkehrsplanung und einst als Pilotprojekt gestartet, sollen sie laut einem Antrag des Stadtrats verstetigt werden. „Es gibt viele positive Stimmen aus der Bürgerschaft, die sagen: Macht es wieder!“, erzählt Referatsleiter Dunkel, und etliche Aktive in den Bezirksausschüssen und Gremien vor Ort würden die Stadt sehr engagiert unterstützen bei der Umsetzung. Diese Beteiligung der Anwohnenden ist aus Sicht von Dunkel entscheidend, wenn es darum geht, auch Kritik abzufedern, und so würden die Sommerstraßen neben der gesteigerten Lebensqualität auch zu einem besseren sozialen Miteinander beitragen. Für den Referatsleiter ermöglichen die Sommerstraßen aber noch weit mehr. So stellt Dunkel fest: „Die Sommerstraßen sind für uns als Stadt eine große Chance, die Mammutaufgabe der Verkehrswende mit mehr Grün und weniger Stellflächen als Testlauf in einzelnen Straßenzügen umzusetzen und daraus viel zu lernen“.

Fotocredits: Mobilitätsreferat, Manfred Gerlach und Presseamt München, Michael Nagy