Der Digitalpakt steht - doch die Herausforderungen beginnen damit erst
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Der Digitalpakt steht - doch die Herausforderungen beginnen damit erst

Digitalpakt: Idee gut, Praxis mangelhaft

Endlich: 5 Milliarden Euro für die Digitalisierung von Deutschlands Schulen. Das verkauft die Politik heute als großen Wurf. Und in der Tat ist er das auch. Die Probleme löst er aber mitnichten - im Gegenteil, meint KOMMUNAL-Chefredakteur Christian Erhardt!

Endlich mit der Virtual Reality Brille im Unterricht die Gräber der alten Ägypter erforschen. Mein Sohn träumt schon lange von so einer Art des Unterrichts. Und im etwa das sind offenbar auch die Erwartungen vieler Akteure an den nun endlich beschlossenen Digitalpakt. Die Realität sieht aber ganz anders aus. Die besagte Virtuel Reality Brille nutzt mein Sohn vielleicht zu Hause, sollte es sie jemals in der Schule geben, wird er den Lehrern wohl deren Funktionsweise erst mal erklären müssen. Denn immer seltener werden unsere Lehrer für Fortbildungen freigestellt. Es fällt ohnehin schon zu viel Unterricht aus, als dass es sich die Schule leisten könnte, Lehrer für Fortbildungen auch noch freizustellen. Und so trifft der 55-jährige Lehrer 1.0 auf den jungen Digitalpakt 2.0 und auf 16-jährige Schüler, die mit dieser Technik großgeworden sind. Das schürt zusätzlich Angst. So mancher Lehrer wird selbst vorhandene Geräte gar nicht einsetzen, aus Angst  vor den viel klügeren Schülern. 

Zumal, und da sind wir bei Problem Nummer 2: gute pädagogische Konzepte gibt es zwar vereinzelt, aber eben nicht flächendeckend. Der Bund finanziert zwar nun eine Anschubtechnik, die Vorgaben fehlen aber. Hier sind nun die Länder in der Pflicht, mit ganz banalen Dingen. Schon eine Liste von sinnvollen Programmen und Apps kann hier helfen, damit nicht jede Schule das Rad neu erfinden muss. Bei über 31.000 Schulen in Deutschland (die Hälfte sind Grundschulen) ein riesiger Aufwand. Statt dessen brauchen wir moderne Lernumgebungen, ein Tablet allein macht noch keine Digitalisierung. 

 

 

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Anschubfinanzierung macht noch keinen guten Digitalpakt 

 

Noch größer erscheint mir aber Problem Nummer 3: Die fünf Milliarden Euro, die der Bund nun zur Verfügung stellen will, wollen erst einmal verteilt werden. Mal schauen, wie bürokratisch das wird und wie viel Geld am Ende wirklich in unseren Schulen vor Ort ankommt. Rein rechnerisch wären es immerhin knapp 25.000 Euro für eine durchschnittliche Schule (pro Jahr, gestaffelt auf 5 Jahre). Das klingt gut. Für zwei bis drei Klassensätze mit Laptops oder Tablets wird es reichen.

 

Aber was ist eigentlich mit der Infrastruktur? Sprich, die WLAN-Leitung, die Wartung der Geräte und der Technik? Ich würde mich nicht wundern, wenn - mangels Geld für einen Wartungsvertrag - diese Arbeit wieder mal auf unseren Lehrern hängenbleibt. Also auf die wenigen, die bereit sind, sich damit (zusätzlich zu ihrem Unterricht) auseinanderzusetzen und Zeit und Arbeit zu investieren. 

 

Gewarnt seien auch alle, die nun glauben, durch die Digitalisierung würden künftig weniger Lehrer gebraucht, die Technik werde es schon richten. Das Gegenteil wird der Fall sein - ohne hervorragend ausgebildete Lehrer wird es keine digitale Schule geben. Natürlich kann Technik den Lehrern Arbeit abnehmen - etwa bei der Organisation des Unterrichts, beim Aufbereiten des Stoffs. Für Fragen, für Antworten, für Gespräche wird der Lehrer aber auf lange absehbare Zeit weiter im Mittelpunkt stehen (müssen). 

 

Der Digitalpakt steht - und jetzt? 

 

Kurzum: 5 Milliarden Euro können ein Anfang sein, der große Wurf, wie es uns die Politik gerade verkaufen will, ist das nicht! Im Gegenteil: Der Bund wirft einmalig Geld in einen Topf und die Kommunen vor Ort müssen damit nun gestalten. Nur wird dieses "Gestalten" ein Vielfaches von dem kosten, was an Geld vom Bund zur Verfügung steht. Die Länder sind hier also in der Pflicht, mit Rahmenbedingungen, mehr Lehrern, guten Fortbildungen, sinnvollen veränderten Lehrplänen und modernen Lernumgebungen dafür zu sorgen, dass der Digitalpakt auch mit Leben gefüllt wird. Sonst wird das Geld wieder einmal versacken ohne eine wirklich bessere Bildung zu bringen. 

 

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